Unfallstelle auf der A1 bei Stuhr

Geisterfahrer: Diskussion nach Lkw-Unfall

Was tun gegen Geisterfahrer?

Ein Horrorunfall nach einem Lkw-Wendemanöver auf der A1 bei Bremen hat die Diskussion um Geisterfahrer in Deutschland weiter angeschoben. Auch die Verkehrsminister wollen sich des Themas annehmen.
(dpa/cj) Es ist der erste Abend des Jahres 2013. Auf der Autobahn 1 in der Nähe von Bremen herrscht wenig Verkehr. Den ganzen Tag hat es immer mal wieder geregnet, die Fahrbahnen sind feucht. Gegen 21 Uhr wendet ein Sattelzug zwischen dem Autobahndreieck Stuhr und der Abfahrt Brinkum und blockiert alle drei Fahrbahnen. Ein Auto rast unter den querstehenden Auflieger, ein 26 Jahre alter Mann und eine 20 Jahre alte Frau aus Hannover sterben in dem völlig zerstörten Pkw. Weitere Fahrzeuge verunglücken bei Ausweichmanövern, zwei weitere Menschen werden leicht verletzt. 

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Chronologie der Geisterfahrten

1. Januar 2013

Ein betrunkener Lkw-Fahrer wendet auf der A1 bei Bremen seinen 40-Tonner. Mehrere Fahrzeuge können nicht ausweichen, zwei Menschen kommen ums Leben. Der Fahrer flüchtet und wird nach rund 25 Kilometern von der Polizei gestoppt.

30. Dezember 2012

Auf der A52 kommt eine 58 Jahre alte Fahrerin und ihr ein Jahr älterer Beifahrer bei einem Zusammenstoß mit einem Geisterfahrer ums Leben.

18. November 2012

Sechs Menschen sterben auf der A5 nahe Offenburg, als ein Kleinbus im Nebel frontal mit dem Wagen eines Geisterfahrers zusammenstößt.

21. Oktober 2012:

Ein 24-Jähriger fährt in Selbsttötungsabsicht in falscher Richtung auf der A46 im Sauerland. Bei Meschede rast er in ein entgegenkommendes Auto mit vier Insassen. Sie und der Unfallverursacher sterben.

15. Oktober 2012:

Zwei Kinder und ihr 31 Jahre alter Vater werden beim Zusammenstoß mit einer Geisterfahrerin auf der A1 bei Rivenich (Rheinland-Pfalz) getötet. Die 60-Jährige überlebt schwer verletzt.

2. Oktober 2012:

Eine 31-Jährige, die nackt am Steuer sitzt, sowie ihre beiden Töchter kommen ums Leben, als die psychisch verwirrte Falschfahrerin auf der A73 bei Bamberg in ein Auto prallt. Auch dessen Fahrer (25) und Beifahrer (54) sterben.

6. November 2011:

Auf der A96 rammt im Unterallgäu ein 82 Jahre alter Geisterfahrer frontal das Auto einer 49-Jährigen, die ebenfalls stirbt. 

5. November 2011:

Ein 48-Jähriger wendet nachts auf der A3 bei Idstein (Hessen). Danach rast er frontal gegen ein Auto, dessen 56 Jahre alter Fahrer stirbt. Der Falschfahrer flieht zu Fuß und stellt sich erst einen Tag später der Polizei. 

18. September 2011:

Ein 81-Jähriger baut als Geisterfahrer auf der A14 von Leipzig nach Dresden einen schweren Unfall, bei dem drei Menschen sterben.
Ursache für den Horrorunfall, der der Diskussion um Geisterfahrer auf deutschen Autobahnen noch mehr Fahrt verleiht: Der 47-jährige Fahrer des Sattelzugs aus Lettland war am Autodreieck falsch auf die A1 gebogen, nach Erkenntnissen der Polizei war er betrunken. Als er seinen Fehler bemerkte, vollzog er das fatale Wendemanöver. Nach dem Unfall flüchtete er mit dem leicht beschädigten 40-Tonner in Richtung Hamburg. Nach 25 Kilometern stoppte ihn die Polizei. Er wurde festgenommen und sitzt in Polizeigewahrsam.

Übersicht: Alle News zum Thema Verkehr

Können Warnschilder an Autobahnauffahrten Falschfahrer stoppen? Ein Feldversuch in Bayern soll darüber Erkenntnisse bringen.

Geisterfahrten auf Autobahnen beschäftigen Politiker, Wissenschaftler und Automobilclubs nicht erst seit gestern. Laut ADAC sind Falschfahrer meist unter 35 Jahren alt, ihre Zahl lag im Jahr 2012 mit rund 1900 auf Vorjahresniveau. Die größte Gefahr, auf einen Geisterfahrer zu treffen oder selbst falsch aufzufahren, bestehe auf kurzen, oft wenige Kilometer langen Autobahnabschnitten. Die meisten Geisterfahrten passieren danach an Wochenenden, etwa die Hälfte haben ihren Ausgangspunkt an Anschlussstellen. Nach Angaben des Auto- und Reiseclubs Deutschland (ARCD) sind Fahrer, die zu Geisterfahrern werden, in der Regel orientierungslos, weil sie gestresst sind oder unter Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten stehen.

Mehr Infos: Gespräch mit Verkehrsexperte Rolf Roos

Der Verkehrsexperte Rolf Roos warnt vor blindem Aktionismus gegen Geisterfahrer: "Wer im Nebel stochert, ist nicht aufzuhalten."

Nach dem neuerlichen Unfall bei Bremen wollen auch die Verkehrsminister der Länder bei ihrem nächsten Treffen im April in Flensburg über Maßnahmen beraten. Neonfarbene Warntafeln an allen Ausfahrten und Raststätten seien eine Möglichkeit, um die Sicherheit zu erhöhen, sagte der Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Reinhard Meyer (SPD), dem Norddeutschen Rundfunk. Es dürfe nur kein Schilderwald entstehen. In Bayern läuft seit 2010 ein entsprechender Pilotversuch. Hessen will beim Treffen in Flensburg einen Vorschlag für Metall-Krallen auf Autobahnauffahrten vorlegen. Experten halten dies aus Kostengründen jedoch für kaum realisierbar. Auch der Karlsruher Verkehrsexperte Rolf Roos warnt vor einem Aktionismus gegen Geisterfahrer. Der Sinn von zusätzlichen Schildern und Pfeilen sei fraglich: "Wer aus Unachtsamkeit die falsche Abzweigung nimmt, oder weil er gerade eine SMS schreibt oder anderweitig im Nebel stochert, der ist nicht aufzuhalten."

Geisterfahrt auf der A5: Fahrer war betrunken

Der ARCD rät Autofahrern auf dem falschen Weg, sofort das Auto am Rand abzustellen und keinesfalls die Fahrbahn zu queren. Der ADAC empfiehlt bei Warnungen vor Falschfahrern, sich rechts zu halten und das Tempo zu drosseln: "Wer die Möglichkeit hat, auf einen Parkplatz zu fahren, geht den sichersten Weg."

Geisterfahrer: Die gefährlichsten Autobahnen

A661 Darmstadt – Bad Homburg (37 km)

50 Falschfahrermeldungen 2010/2011; 67,0 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A391 Braunschweig Südwest - Gifhorn (13,4 km)

18 Falschfahrermeldungen 2010/2011; 67,2 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A516 Oberhausen - Oberhausen-Eisenheim (5,3 km)

Acht Falschfahrermeldungen 2010/2011; 75,5 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A293 Oldenburg-West - Oldenburg-Nord (8,6 km)

13 Falschfahrermeldungen 2010/2011; 75,6 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A98 Weil am Rhein - Tiengen (19,8 km)

30 Falschfahrermeldungen 2010/2011; 75,8 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A 562 Bonn-Rheinaue - Bonn-Ost (3,8 km)

Sieben Falschfahrermeldungen 2010/2011; 92,1 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A559 Köln-Porz - Köln-Gremberg (3,7 km)

Acht Falschfahrermeldungen 2010/2011; 108,1 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A643 Mainz - Wiesbaden (8,1 km)

23 Falschfahrermeldungen 2010/2011; 142,0 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A980 Waltenhofen - AD Allgäu (5,1 km)

16 Falschfahrermeldungen 2010/2011; 156,9 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

A255 Hamburg-Süd - Neue Elbbrücken (2,4 km)

Acht Falschfahrermeldungen 2010/2011; 166,7 Falschfahrermeldungen pro Jahr und pro 100 Kilometer.

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