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Gigaliner: Streit

— 17.09.2012

Diskussion um Riesen-Laster

Seit neun Monaten rollen Riesen-Laster über deutsche Straßen. Von einem deutschlandweiten Feldversuch kann jedoch keine Rede sein. Die Gigaliner sorgen für Meinungsverschiedenheiten zwischen Bund und Ländern.

(dpa) Die Rede war einmal von 400. Aber neun Monate, nachdem Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) den Startschuss für den Feldversuch "Lang-Lkw" gegeben hat, sind gerade mal 28 der gut 25 Meter langen Laster unterwegs. Sie fahren auch nicht, wie einmal geplant, quer durch ganz Deutschland – nur noch sechs der 16 Bundesländer unterstützen den Versuch. Ist das Projekt Gigaliner gescheitert? "Ach was", sagt Eckehart Rotter vom Verband der Automobilindustrie (VDA), die Spediteure müssten sich die Fahrzeuge ja erst einmal anschaffen. Nach neun Monaten sei es zu früh für eine Zwischenbilanz, schließlich sei der Test auf fünf Jahre angelegt.

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Zwei Gigaliner transportieren so viel wie drei normale Lastwagen: Das Bundesverkehrsministerium erwartet hohe Treibstoff- und CO2-Einsparungen.

Tatsächlich sollen laut Bundesanstalt für Straßenwesen zunächst ein Jahr lang Daten gesammelt werden. Im Bundesverkehrsministerium heißt es aber schon jetzt, dass die erwarteten CO2-Einsparungen "deutlich übertroffen" würden: Ein Drittel des Treibstoffs könne eingespart werden, weil zwei Gigaliner so viel transportieren können wie drei normale Laster. Und Unfälle habe es auch keine gegeben, berichtet eine Ministeriumssprecherin. Für die Gegner des Projekts, die mehr Unfälle und Staus befürchten, ist dies nicht entscheidend. "Wir wollen einen ruinösen Wettbewerb zur Eisenbahn verhindern", sagt der SPD-Verkehrsexperte im niedersächsischen Landtag, Gerd Will. Niedersachsen war 2006 mit einem eigenen Testlauf noch Gigaliner-Pionier. Doch sollte die SPD die Landtagswahl im Januar gewinnen, stiege nach Schleswig-Holstein wohl ein weiteres Land aus dem Test aus: "Wir halten es für problematisch, den Versuch weiterzuführen", sagt Will.

In die Schranken verwiesen: Gigaliner am Bahnübergang

Umstrittener Gigaliner-Feldversuch: Lediglich sechs Bundesländer unterstützen das Projekt. Gegner der Gigaliner warnen vor mehr Unfällen und Staus.

Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg haben inzwischen sogar Verfassungsklage eingereicht. Sie ärgern sich, weil die Gigaliner auf Autobahnen fahren, die beide Länder nicht dafür freigegeben haben. In Berlin hatte man im Januar 2012 noch auf Kooperation gehofft, doch die politischen Fronten sind in der Gigaliner-Frage verhärtet. Vor allem die Spediteure sind unzufrieden mit der zerstückelten Gigaliner-Landkarte. "Wir fahren im Moment nicht Lang-Lkw, weil wir festsitzen", sagt Ulrich Boll, Chef der Boll Logistik in Meppen. 2006 war sein Unternehmen mit dabei. Ohne die Routen über Bremen und Nordrhein-Westfalen müsse man die Fahrzeuge nicht losschicken, sagt er. Für die Spedition Hellmann in Osnabrück ist ein Lang-Lkw auf der Straße, befährt aber nur eine 20 Kilometer lange Strecke. Trotzdem spricht Fuhrparkleiter Hendrik Jansen von einem "vollen Erfolg": Nur noch zehn statt wie bisher 15 Touren am Tag würden gemacht und damit Sprit gespart. "Und unsere Fahrer berichten, dass ihnen das Fahrzeug im Straßenverkehr keinerlei Probleme macht", versichert Jansen.

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Zwischen den politischen Fronten: Spediteure sind verstimmt über die uneinheitliche Freigabe der deutschen Autobahnen für Riesen-Lkw.

Dass die Mehrheit der Bundesländer den Lang-Lkw-Test ablehnt, verstimmt nicht nur die Spediteure, sondern auch den ADAC – obwohl die Organisation den Riesen-Trucks kritisch gegenübersteht. "Aber das ist ja längst kein deutsches Projekt mehr, sondern ein europäisches", sagt ADAC-Infrastrukturexperte Wolfgang Kugele. Tatsächlich streiten EU-Kommission und Europäisches Parlament derzeit darüber, ob Lang-Lkw Grenzen von europäischen Staaten überfahren dürfen. Kugele befürchtet, dass Brüssel schneller entscheidet als der Bund: "Bevor wir Verordnungen aus Brüssel bekommen, müssen wir doch wissen, was bei uns funktioniert und was überhaupt nicht."

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