Großer Preis von Brasilien 2002

Großer Preis von Brasilien 2002 Großer Preis von Brasilien 2002

Großer Preis von Brasilien 2002

— 03.04.2002

Alles bleibt bestens

Auch der neue Ferrari ist ein Siegertyp: Schumi schlägt BMW mit BMW-Taktik. Schumi II und Montoya kommen ran, aber nicht vorbei.

Eine Szene reicht oft aus, um ein Rennen zu erklären. In diesem Fall zumindest das von Juan Pablo Montoya. Von der Pole-Position aus gestartet, riss sich der feurige Kolumbianer vor der vierten Kurve bei einer wütenden Attacke den Frontflügel am Ferrari des Vordermanns und verlor. Michael Schumacher ging aus dem nun bereits dritten Nahkampf der Saisonfavoriten als Sieger hervor, hielt sich auch den zweiten BMW-Williams mit Ralf Schumacher vom Leib und gewann. Rot hauchdünn vor Blau-Weiß, von Silber keine Spur. Damit könnte man es durchaus bewenden lassen. Aber nichts ist so, wie es scheint in der Formel 1.

Sieg am seidenen Faden

Schumi wechselt - wie erlaubt - einmal die Spur. Der wütende Kolumbianer fährt auf: Frontflügel ab.

Tatsächlich hing der zweite Saisonerfolg des Weltmeisters, sein 55. insgesamt, am seidenen Faden. Unter dem Druck der Malaysia-Niederlage startete er erstmals mit neuem Ferrari F 2002. Der produziert um fünf Prozent mehr Anpressdruck, ist mit einem vier Kilo leichteren und 15 PS stärkeren Motor bestückt und schaltet per Titan-Magnesium-Getriebe in der Hälfte der Zeit des Vorgängers. Darüber hinaus mit neuer Startautomatik und zwei gelungenen Haltbarkeitstests versehen, schien der Vierfach-Weltmeister im funkelnagelneuen Chassis Nr. 220 (45 km Laufleistung) bestens gerüstet für weitere (Welt-)Meisterleistungen.

Zeitgewinn durchs neue Getriebe

Allein das neue Getriebe war den Aufwand wert. 20 Millisekunden Zeitvorteil pro Schaltvorgang gegenüber dem Vorgängermodell (40) summieren sich bei 71 Runden in São Paulo auf immerhin 5,6 Sekunden, in denen der F 2002 gegenüber dem F 2001 länger maximalen Vortrieb bietet. "Das macht pro Runde vielleicht eine Zehntel- sekunde", schätzt Sauber-Technikchef Willi Rampf und sinniert: "Um eine Zehntelsekunde zu finden, müssen wir stramme vier Wochen in den Windkanal." Für Schumi - und nicht für Teampartner Rubens Barrichello – karrte Ferrari vier Mitarbeiter extra nach Brasilien, drei neue (sieben alte) Motoren, zwei Sätze Flügel, fünf Spezial-Nasen, sechs Nasen-Befestigungen, zwei Unterböden, zwei neue Lenkräder (deren Einsatz letztlich nicht riskiert wurde) sowie zwei Satz neuer Felgen und mehr nach Brasilien.

Zu alledem war auch noch der gute Wille des Weltverbands nötig, Schumi für Samstag vier Extra-Reifensätze zuzugestehen - für den Fall, dass er in der Qualifikation vom neuen aufs alte Auto umsteigen musste. Denn die Reifen für den F 2002 passen nicht beim Vorgängermodell. BMW-Direktor Berger, Ex-Ferrari-Pilot, befand: "Ferrari ist eben sehr beliebt beim Weltverband." Berger ahnte nicht, dass er über den Schlüssel zum Sieg sprach. Zumindest thematisch. Auch sein Partner Dr. Mario Theissen dachte noch nach dem Warm-up, "Ferrari startet mit einer Zweistoppstrategie".

Schumi schlägt BMW mit BMW-Taktik

Start: Montoya kommt von seiner ersten Pole-Position gut weg. Trotzdem kann sich M. Schumacher innen neben ihn setzten.

Dass Schumi ausnahmsweise ein Service genügen würde, hat er seinen neuen Felgen zu verdanken. Denn auf denen arbeiten die Schultern der Bridgestone-Reifen um Welten besser als auf den alten. "Der ganze Reifen bleibt stabiler", kommentierte Technikchef Ross Brawn. Auf den Felgen des F 2001 hingegen verformt sich der Gummi zu stark, heizt sich zu schnell auf und baut zu früh wieder ab, besonders bei Hitzerennen. Und São Paulo bot kernige 31 Grad im Schatten. Schumi war gerüstet. Diesmal für einen Stopp. Zu oft schon hatte ihn BMW-Williams - seltener McLaren-Mercedes - mit dieser Taktik gegen Rennende abgefangen. Wenngleich sich die Silberpfeile vorerst aus dem Siegerkreis verabschiedet haben, was David Coulthard bestätigt: "Wir sind nur noch Außenseiter im Titelkampf. Es tut schon weh, dass Ralf nur noch von Ferrari als Gegner spricht," so der Vizeweltmeister (Startplatz vier) vor dem Rennen.

Dann dieser Start: Schumi kommt auf der Innenbahn besser weg als Montoya und boxt sich neben dem Kolumbianer, der ihm nur halbherzig in die Bahn zieht, als Erster in Kurve eins durch. Keiner gibt nach, obwohl aggressives Verhalten seit dem Malaysia-Gerangel der beiden Dickschädel in Kurve eins mit Strafe für das nächste Rennen geahndet werden kann. Bemerkenswert aber auch, weil Schumi vier Nachteile gegenüber sonstigen Starts mühelos kompensiert: erstens die schlechtere, weil verschmutzte Innenbahn; zweitens den Rückstand von zwei Wagenlängen auf den Pole-Mann; drittens den für gewöhnlich besseren Antritt des BMW-Williams und viertens sein eigenes, gegenüber Zweistopprennen ungefähr 35 Kilo höheres Kampfgewicht.

Lehrstunde für Montoya

Nach vorzüglichem Infight im Senna-S, bei dem Schumi seinem Herausforderer schon die zweite Lehrstunde dieser Saison erteilt, will Montoya das Rennen umgehend umbiegen - und baut Mist. Mit Tempo-Überschuss touchiert er Schumi beim Anbremsen, wobei offenbar immer noch der BMW-Williams überlegen ist, und rasiert sich die Frontflügel ab. "Irre, wie früh der bremst", schreit er über Funk und schleicht zur Reparatur. Schade: Schumi beginnt doch gerade erst, die Duelle mit Montoya zu genießen. Auch diesmal lobte er nach dem Rennen das Zweikampfverhalten des wilden Angreifers. Und hat fortan Bruder Ralf im Nacken, der nur darauf gewartet hatte, dass sich das neue Kampf-Duo wieder gegenseitig torpediert.

Dahinter folgen trendgemäß die immer stärkeren Renault mit Trulli und Button. Doch Schumi II hat mit einem "schlechten ersten Reifensatz" und "mäßiger Balance" zu kämfpen. Der Bruder-Kampf wird nur kurz von Barrichello gestört, der leicht betankt zur Verzückung seiner Landsleute ein paar Runden anführen darf, bis ein Hydraulikdefekt ihn matt setzt. Das Verfolgerfeld ist da bereits Meilen außer Sichtweite. Und als sich bei Ferrari nach dem ersten Renndrittel an den Boxen nichts regt, dämmert BMW erstmals, mit welchem Fahrplan die Nummer eins des Feldes an diesem Tag unterwegs ist.

Ohne große Gefahr als erster ins Ziel

Zufriedene Schumis: Sieger Michael und Ralf (2.) nach vollbrachtem Duell - zum echten Angriff kam es nicht.

Schumi stoppt erst in Runde 40. Und zwar für lange 12,6 Sekunden. Als Schumi II fünf schnelle Runden später andockt, lässt er die Balance feinjustieren, spart trotzdem drei Sekunden an der Standzeit und ist dennoch nur Zweiter. Rückstand: drei Sekunden, die er zehntelweise reduziert. Als er seinen großen Bruder schließlich in voller Größe vor sich hat, ertönt von seiner Box ab Runde 52 wiederholt die Aufforderung, den Boost-Knopf zu aktivieren.

Der BMW-Zehnzylinder arbeitet offenbar trotz geschlossenen Seitenkästen derart im grünen Kühlbereich, dass er unbedenklich über das Maximum von 18.400 U/min hinausgedreht werden darf. Zumindest kurzfristig. Aber seltsam: Ralf, der sich dem Führenden schrittweise genähert hat, bleibt auf Distanz, obwohl seine Michelins noch eindeutig frischer sind als Michaels Bridgestones. Das Kommando "Boost-Button" ertönt fortan regelmäßig, aber Ralf greift nicht an. Er wartet, "bis Michael einen Fehler macht." Und er wartet bis ins Ziel. Der große Schumi kommt ohne unmittelbare Gefahr zu weiteren zehn Punkten. Ralf bevorzugt sichere sechs.

Schumi II zurückhaltender als Montoya

Und man fragt sich, was ihn vom finalen Angriff abgehalten hat. Sicher: Der Ferrari war das gesamte Wochenende über ausgesprochen schnell auf der langen Bergaufgeraden. Und der Rekordsieger hat sich mit Vorteilen im langsameren Mittelteil der Strecke beim Beschleunigen auf dieses "Gefahrenstück" Runde für Runde geschickt dem Zugriff des Verfolgers entzogen.

Aber jetzt muss er BMW-Williams fast auf allen Strecken fürchten. Und wie es scheint, eher Montoya. Denn Schumi II ist mehr ein Vertreter der eleganten Art ("Montoya riskiert mehr als ich"). Bislang hat er seinen Bruder im direkten Duell erst einmal attackiert und auch überholt: am Start in Silverstone 2000 (Montoya gelang dies schon viermal). Danach revanchierte sich Schumi postwendend mit einer Blockade in Barcelona. Als der Jüngere es auf dem Nürburgring 2001 am Start erneut versuchte, wurde er brutal an die Wand gedrängt und mahnte beleidigt Fairness beim ewigen Ersten an.

Und wie steht es um die Form von McLaren-Mercedes - mit vier Defekten in drei Rennen und einer Minute Rückstand im Ziel (Coulthard/Platz drei)? Hauptprobleme: ein Motor, der hoch genug dreht, aber wegen Verbrennungs-Problemen gedrosselt werden muss (ca. 50 PS zu wenig). Auch der Hinterachse droht der Neubau. "Sechs Wochen Zeit" veranschlagt Teamchef Dennis "für alle Nachbesserungen". Das würde mindestens drei weitere schmerzvolle Niederlagen für die Silbernen bedeuten.

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