Nürburgring

GT: Maro Engel

— 02.12.2016

Das Überholmanöver des Jahres

Maro Engel überholte beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring in der Schlussphase noch seinen Mercedes-Kollegen Christian Hohenadel. Seine Erinnerungen.

Herr Engel, für die Zuschauer war die Schlussphase des 24-Stunden-Rennens ein Krimi. Wie haben Sie sich da als Hauptprotagonist gefühlt?

Die letzten Minuten des Rennens waren unglaublich intensiv. Die ganze letzte Stunde hieß es: Volle Attacke, um noch eine Siegchance zu haben. Die hat sich dann erhöht, als Christian Hohenadel noch einmal zum Boxenstopp kam. Dann konnte ich ihn auf der Strecke sehen. Ich habe alles gegeben, um die Lücke zu schließen und ihn überholen zu können. Mir war klar, dass – wenn es irgendwie geht – ich auf der GP-Strecke einen Versuch starten will, weil da einfach mehr Platz ist als auf der Nordschleife. Ich bin froh, dass es geklappt hat. Danach hieß es noch einmal eine saubere Runde zu fahren, mit weniger Risiko, aber so, dass ich den nötigen Abstand zu Christian halte, damit er nicht nochmal die Chance bekommt, mich zurückzuüberholen.

Sie sagen, Sie haben auf die GP-Strecke gewartet. In wie weit bereitet man ein solches Manöver also vor?

Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich auf die GP-Strecke gewartet habe. Eigentlich war ich schon dran an ihm, aber dann war im Kurvenabschnitt Schwalbenschwanz noch ein überrundetes Auto zwischen uns. Das hat mich viel Zeit gekostet, sonst hätte ich es schon auf der Döttinger Höhe probiert. Da hat sich nur noch die Chance auf der GP-Strecke ergeben. Aber natürlich bereitet man das auch ein bisschen vor. Das Ziel war die Dunlop-Kehre so gut wie möglich zu durchfahren und im Schumacher-S nah dran zu bleiben, obwohl man in dieser schnellen Kurve beim Hinterherfahren Abtrieb verliert. Es ist mir trotzdem gelungen und so konnte ich in der Ravenol-Kurve zuschlagen.

Ich stell mir diese letzten Minuten als wahrer Adrenalin-Kick vor...

Es ist letztendlich vergleichbar mit dem Qualifying. Du pusht und nimmst nicht mehr alles wahr, sondern hast einen Tunnelblick. Und nimmst das notwendige Risiko auf dich, um die Lücke zuzufahren und überholen zu können. Das ist schon wahnsinnig intensiv. Erst wurde ich am Funk noch motiviert, dann kam gar kein Funk mehr, um mich nicht abzulenken.

Ist so ein Last-Minute-Sieg dann nochmal eine Ecke emotionaler?

Maro Engel bekam von ABMS einen Preis für sein Manöver

Ich glaube, das ist von den Gefühlen und der Intensität her nicht zu übertreffen. Ein Rennen, das über 24 Stunden geht und so eng ist, dass es erst in der letzten Runde entschieden wird, ist unglaublich. Das war für alle ein besonderer Moment. Nach der Zieldurchfahrt gab es ein paar feuchte Stimmen und warme Worte am Funk. Mein Renningenieur ist erst einmal untergetaucht, hat das nervlich nicht mehr gepackt. Bei der Zieldurchfahrt sind meine Teamkollegen so hoch auf den Zaun geklettert, dass ich dachte, die springen mir aufs Auto. Aber das war natürlich alles fantastisch.

Wie ordnen Sie diesen Sieg in Ihrer Karriere ein?

Für mich ist auf jeden Fall ein großer Traum in Erfüllung gegangen.  Es ist wahnsinnig schwierig überhaupt in die Position zu komme, um den Sieg zu fahren. Das motiviert einen aber auch zusätzlich, alles aus sich rauszuholen, weil man nicht weiß, wann man wieder in diese Situation kommt. Es waren über 30 werksunterstützte Autos dabei. Die Nordschleife ist die schwierigste Rennstrecke der Welt für Mensch und Material. Es fahren 160 Boliden mit. Da muss viel zusammen passen, um hier eine Siegchance  zu haben.

Und dieses Mal kam als zusätzliche Schwierigkeit auch noch ein Hagelschauer dazu...

So etwas habe ich noch nie erlebt. Erst war alles gut: Jörg Müller und ich konnten einen kleinen Vorsprung rausfahren und ich konnte auch auf ihn ein kleines Sicherheitspolster aufbauen. Auf einmal ging der Regen los. Das Team sagte mir am Funk, dass am Abschnitt Schwedenkreuz die Autos reihenweise abfliegen, es ziemlich heiß hergeht und ich da bitte vorsichtig sein soll. Dann bin ich da mit 50 km/h reingefahren, die Kurve geht im Trockenen normalerweise bei 250 km/h. Trotzdem habe ich Aquaplaning bekommen, konnte nichts mehr machen, hab die Kontrolle über das Auto verloren, bin von der Strecke gerutscht und leicht in die Leitplanke gestoßen. Erst danach habe ich wieder die Kontrolle über das Fahrzeug gehabt. Das war echt unglaublich.

Nach dem Sieg am Ring – welche 24-Stunden-Klassiker reizen Sie noch?

Natürlich gibt es da noch viele interessante und tolle Rennen, die ich wahnsinnig gerne gewinnen würde. Daytona ist ein solches Rennen, sicher auch Spa. Und es ist auch mein Wunsch, einmal in Le Mans an den Start zu gehen. Aber da ist die Lage derzeit so, dass wir (Mercedes, die Red.) da nicht dabei sind und deswegen gibt es die Möglichkeit dazu aktuell nicht.

Sie fahren jetzt auch Formel E – eine ganz andere Herausforderung, oder?

Es ist ein bisschen anders, aber letztendlich hat die Nordschleife mit einem Stadtkurs wie in der Formel E eines gemeinsam. Sie verzeiht keine Fehler! Du musst permanent konzentriert sein. Es ist sehr wellig und es gibt viele sogenannte blinde, also nicht einsehbare Kurven. Genau wie auf Stadtkursen. Es gibt also schon Ähnlichkeiten. Aber natürlich ist die Nordschleife als Mutter aller Rennstrecke schon nochmal was anderes, vor allem da auch nachts zu fahren.
Engel in Macau: Der beste Kurs der Welt

Autor: Michael Zeitler

Fotos: Picture-alliance / ABMS

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