Handlingvergleich, Teil 1

Artega GT BMW 1er M Coupé KTM X-Bow R Porsche Cayman R Artega GT BMW 1er M Coupé KTM X-Bow R Porsche Cayman R

Handlingvergleich, Teil 1

— 12.07.2011

Es lebe der Sport

Beim großen Handlingvergleich von AUTO BILD und AUTO BILD SPORTSCARS auf der Goodyear-Teststrecke in Südfrankreich wurde der Meister der sportlichen Gangart gesucht – und gefunden.

Das Fahren ist wie ein Rausch, nach einigen Runden stellt sich ein Gefühl ein, das Musiker kennen: Man ist ganz bei sich und doch an einem anderen Ort. Körper und Kopf funktionieren wie automatisch, man ist eins mit dem Instrument, der Musik, dem Auto, der Strecke. Dabei begann das Warmspielen eher eckig, denn ein KTM X-Bow R ist nicht das Gerät, in dem man sich sofort wohlfühlt. Kein ABS, die irrsinnig hohen Kurvengeschwindigkeiten, die man dank der extrem direkten Lenkung auch körperlich spürt, und ein (Turbo-)Motor, der nach nix klingt unter dem Helm und den man so völlig ohne Gehör schalten muss.

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Exoten: KTM X-Bow und Artega GT Coupé sind seltene Erscheinungen. Auf der Rennstrecke machen beide eine sehr gute Figur.

Doch irgendwann setzt dieser Rausch ein, und die 3,3 Kilometer lange, wunderbar oberhalb des Meeres gelegene Goodyear-Teststrecke in Mireval und das endlich erspürte Wesen des X-Bow verbannen jeden aktiven Gedanken. Wie bei einer brodelnden Jamsession zählt nur das Jetzt. Musik gab es reichlich an diesen drei Tagen, an denen AUTO BILD SPORTSCARS zusammen mit AUTO BILD den fahraktivsten, schnellsten und faszinierendsten Sportwagen suchte: Vom kreischenden V8-Sound eines Ferrari 458 bis zum Brummbrabbelsprotz-Gebrüll einer Corvette ZR1, vom kehligen Boxer-Sägen bis zum schmutzig-lasziven V10-Soul des R8 GT – "ohral" blieben keine Wünsche offen. Doch so wichtig ein guter Sound für die Faszination eines Sportwagens ist, er bleibt ein subjektiver Teilaspekt.

Handlingvergleich: die zehn Bewertungskriterien

Untersucht und bewertet wurden (Gewichtung in Prozent): die Faszination (15 Prozent), das Antriebskonzept (15 Prozent), das Fahrgefühl (20 Prozent), die Rundenzeit (20 Prozent) und der 360-Meter-Slalomparcours mit ESP (fünf Prozent), die Kurvengeschwindigkeit an einer Stelle der Strecke (fünf Prozent), die Bremsen (fünf Prozent), die Beschleunigung (5 Prozent), die Höchstgeschwindigkeit an einem Punkt der Strecke (fünf Prozent) und der Preis pro PS (fünf Prozent). Nicht gewertet wurden: der Verbrauch, das Platzangebot oder die Alltagstauglichkeit. Teil 1 widmet sich kompakten Sportwagen. Neben dem schon erwähnten Exoten KTM X-Bow R sind mit von der Partie: ein BMW 1er M Coupé, ein Porsche Boxster R und ein ebenfalls seltenes Artega GT Coupé, also drei Mittelmotor- und ein Frontmotorsportler oder zwei Sauger und zwei zwangsbeatmete Aggregate.

Alle vier haben Heckantrieb, geschaltet wird, bis auf das mit einem Doppelkupplungsgetriebe ausgestattete Artega GT Coupé, per Hand und in sechs Gängen. Extrem wichtig für ein gutes Gefühl auf der Rennstrecke sind zunächst einmal die Sitze und die Sitzposition. Porsche und Artega sind mit stark ausgeformten Schalen ausgestattet, der BMW mit etwas weniger konturierten, bequemen, aber dennoch guten Seitenhalt bietenden Sportsitzen. Kompromisslos wie das ganze Auto geht der KTM auch hier einen eigenen Weg: Die Schalen sind direkt im Kohlefaser-Cockpit eingelassen und mit Moosgummi gepolstert. Die Anpassung der Länge erfolgt über das Einstellen der Pedalplatte und das Lenkrad.

Purismus im KTM, vier Sitzplätze im BMW

Der BMW ist mit 1515 kg der Schwerste im Vergleich, dank perfekter Gewichtsverteilung aber ideal austariert.

Während sich der Fahrer in Cayman R und Artega GT und vor allem im extrem puristischen X-Bow durch die tiefe Sitzposition der Straße nahe fühlt, schwebt man im 1er M Coupé vergleichsweise über den Dingen. Doch das passt zum Gesamtkonzept. Schließlich ist der BMW ein vollwertiger, mit 1,5 Tonnen nicht übermäßig schwerer Viersitzer, der in seiner M-Auslegung auf maximale Sportlichkeit getrimmt wurde, und nicht von Haus aus ein Sportwagen. Zudem bietet er im Vergleich das mit Abstand beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein paar Worte zur Gewichtsverteilung: Mit 52 zu 48 (vorn/hinten) Prozent des Gewichts ist der mit zwei Turboladern auf Schwung gebrachte, 340 PS starke BMW ideal austariert und mit 1515 Kilogramm der schwerste der Kompakten.

Gewichtsverteilung: ausgewogen bis hecklastig

Etwas hecklastiger gibt sich der Cayman: 54 Prozent des Gewichts von 1335 Kilogramm liegen hinten, was auch dem vor der Hinterachse liegenden Sechszylinder-Boxermotor mit 330 PS geschuldet ist. Noch etwas mehr, nämlich 57 Prozent des Gewichts, bringt der Artega (300 PS) auf die Hinterachse; er ist 1260 Kilo leicht. Von deutlicher Hecklastigkeit kann man beim KTM X-Bow R sprechen: 63 Prozent des Gewichts liegen hinten an und garantieren eine gute Traktion für 300 PS. Beim Gewicht spielt der KTM mit mageren 860 Kilo in einer eigenen Liga.

Der Artega GT setzt innen auf Schlichtheit und Teile aus dem VW-Regal. Wenig Platzangebot, Schalensitze mit viel Seitenhalt.

Eine Überraschung auf der Rennstrecke ist der optisch äußerst reizvoll gestaltete Artega GT. Der rassige Rundling mit dem kecken Heck und seinem 3,6-Liter-VR6 aus dem VW-Konzern klingt nicht nur gut, er geht auch so. Auf die 100 km/h lässt er nur den gleich starken KTM ziehen und spielt hier seinen Gewichtsvorteil aus. Zwar braucht der Motor etwas höhere Drehzahlen, hängt dann aber sehr gierig am Gas. Kritik verdienen dagegen das Doppelkupplungsgetriebe, das bei der Wahl des richtigen Gangs nur zeitverzögert reagiert, sowie das rigide regelnde ESP, das man auf der Rennstrecke sofort ausschaltet. Dann ist der Artega ein spaßiger Kurvenkünstler, dessen sehr leichtgängige, aber gefühlvolle Lenkung in Kombination mit dem sehr gut abgestimmten Fahrwerk ein ausgesprochen spielerisches Handling erlaubt. Happig ist der Preis: Mit 83.900 Euro lässt sich Artega den Alu-Kohlefaser-Renner bezahlen.

Vorteil KTM: Die Konkurrenz ist deutlich schwerer

Nicht nur dagegen ist das 1er M Coupé ein Schnäppchen: Vergleichsweise schlanke 50.500 Euro nimmt BMW für seinen stämmigen, mit der stärksten Motorisierung im Vergleich gesegneten Viersitzer. Der brilliert schon mal mit seinem fein arbeitenden Antrieb: Geschmeidig und ansatzlos bringen die beiden Turbolader den Dreiliter-Reihensechszylinder in Fahrt, wobei 450 Nm, die ab 1500 Touren auf die hinteren Räder wirken, beim Herausbeschleunigen aus dem Kurvenausgang schon mal Rauchzeichen verursachen. Oder launige Drifts ermöglichen – je nach Standpunkt. Doch im Vergleich mit den drei anderen hier aufgebotenen Sportlern kann der BMW "nur" bei der Höchstgeschwindigkeit (auf der Strecke) und beim Slalom etwas Boden gutmachen. Der hohe Aufbau und die damit verbundene Seitenneigung verhindern nicht nur eine bessere Rundenzeit, sondern auch ein sportlicheres Fahrgefühl.

Artega GT schneller als der Porsche Cayman R

Der KTM X-Bow ist ein perfekter Kurvenkünstler, der seinem Piloten Fahrspaß in hohen Dosen serviert.

Das hat der Cayman R im Überfluss zu bieten und zudem noch das Talent, dem Fahrer schon auf den ersten Metern Vertrauen einzuflößen. Das beginnt mit der perfekt justierbaren Sitzposition, bei der man sich in etwa auf der Höhe des Schwerpunktes wähnt. Die Lenkung ist schwergängiger als beim Artega, der Motor drehzahlhungrig, und wenn der Cayman R jenseits der 4000 Touren so richtig aufmacht, kommt Freude auf. Doch der interne Wettstreit der beiden konzeptionell recht ähnlichen Modelle Artega und Cayman R wird durch schnöde Zahlen entschieden: Bei Rundenzeit, Kurvengeschwindigkeit, Beschleunigung und Bremsweg zieht der Porsche gegenüber dem Artega GT Coupé den Kürzeren. Am Ende fährt der Artega hauchdünn dem Porsche Cayman R davon.

Im KTM Crossbow R verschieben sich die Maßstäbe. Kurvengeschwindigkeiten, die bei den anderen drei Kandidaten als hoch empfunden werden, scheinen den X-Bow nur zu langweilen, und beim 360-Meter- Slalom nimmt er dem zweitplatzierten 1er M Coupé mehr als eine Sekunde ab. Daran können auch die hakelige Schaltung, der nach nichts klingende Motor oder der nicht vorhandene Alltagsnutzen nichts ändern: Der KTM X-Bow R ist ein ausgewiesener Handlingkünstler, dessen einziger Daseinszweck darin besteht, Fahrspaß in großen Dosen an seinen Fahrer zu verteilen. Und so gewinnt denn der KTM X-Bow R den ersten Teil dieses Handlingvergleichs – vor Artega, Porsche und BMW. Mal sehen, wie sich dagegen die Supersportler in Teil 2 des Handlingtests schlagen.
Technische Daten ARTEGA BMW KTM PORSCHE
Typ GT Coupé 1er M Coupé X-Box R Cayman R
Motor V6 R6, Biturbo R4, Turbo B6
Antrieb Hinterrad Hinterrad Hinterrad Hinterrad
Hubraum 3597 cm³ 2979 cm³ 1984 cm³ 3436 cm³
kW (PS) U/min 220
(300)/6600
250
(340)/5900
220
(300)/6800
243
(330)/7400
0–100 km/h 4,4 s 4,9 s 4,1 s 5,1 s
Vmax 270 km/h 250 km/h 231 km/h 282 km/h
Preis In Euro 88.530 50.500 69.967 72.781
Preis pro PS 295 Euro 149 Euro 233 Euro 221 Euro
Platzierung, Teil 1 1 2 2 3
KTM X-Bow Artega GT Porsche Cayman BMW 1er M
Faszination 1– 3+ 3+ 3–
Antriebskonzept 3 2 2 3+
Fahrgefühl 2+ 2+ 2+ 3
Rundenzeit 1– 3+ 3- 4+
Slalom 1 3– 3+ 2-
Kurvengeschwindigkeit 1 2– 3+ 3-
Bremsen 2+ 2+ 2 3+
Beschleunigung 2 3+ 3- 3-
Vmax 3- 3 3+ 3+
Preis pro PS 3+ 3- 2- 1
Gesamtnote 2+ 2- 2- 3

Autor: Ralf Kund

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