Hans Herrmann über Schumacher und Fangio

Zwei Rennfahrer wie aus dem Bilderbuch Zwei Rennfahrer wie aus dem Bilderbuch

Hans Herrmann über Schumacher und Fangio

— 23.07.2002

Zwei Rennfahrer wie aus dem Bilderbuch

Michael Schumacher hat seinen 5. WM-Titel in der Formel 1 sicher: Ex-Silberpfeil-Pilot Hans Herrmann (74) vergleicht ihn mit Juan Manuel Fangio, auch fünfmal Champion. Und der bleibt für Herrmann einfach immer noch der Größte.

Kann es einen Vergleich geben?

Von Hans Herrmann Michael Schumacher hat es geschafft. Nach seinem Sieg Platz beim Grand Prix Frankreich hat er seinen fünften Weltmeistertitel in der Formel 1 schon sechs Rennen vor Saisonende sicher. Und damit hat dieser Teufelskerl aus Kerpen erreicht, was 45 lange Jahre keiner geschafft hat: Er hat den Titelrekord meines Freundes Juan Manuel Fangio eingestellt. Der diesen historischen Moment des Motorsports sicher gerne miterlebt hätte. Doch seit dem 17. Juli 1995 ist Juan leider nicht mehr unter uns Lebenden.

Michael Schumacher und Juan Manuel Fangio, beide fünfmal Formel-1-Weltmeister – da kommen unweigerlich Fragen auf zum Vergleich dieser beiden Bilderbuchrennfahrer. Wie: Wer war der Schnellere? Oder: Wie wäre ein direktes Duell zwischen ihnen ausgegangen? Darauf zu antworten wäre vermessen. Denn die Antworten wären rein hypothetisch. Wir können ja nicht mal heute objektiv sagen, wie gut oder wie schlecht die aktuellen Formel-1-Fahrer im Vergleich zueinander tatsächlich abschneiden. Weil die Autos, in denen sie sitzen, ihnen viel zu unterschiedliche technische Voraussetzungen bieten.

Gut, Teamkollegen wie Michael Schumacher und Rubens Barrichello von Ferrari lassen sich aufgrund ihres fast gleichen Materials annähernd vergleichen. Aber zum Beispiel einen Jacques Villeneuve, der nach wie vor das Zeug zum Weltmeister hat, mit Michael Schumacher zu vergleichen, halte ich für extrem schwierig. Weil eben zwischen Villeneuves BAR-Honda und Schumachers Ferrari technisch Welten liegen.

Zwei unterschiedliche Charaktere

Dennoch steht die Vergleichsdiskussion Schumacher/Fangio im Raum, und ich möchte Ihnen aus meiner persönlichen Erfahrung mit beiden gern ein wenig die Hintergründe dieser Ausnahmemotorsportler erläutern. Die im Grunde ja nur eines gemeinsam haben: Sie waren extrem erfolgreich in der Formel 1. Ansonsten handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Männer, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten der Königsklasse des Motorsports eindeutigst ihren Stempel aufgedrückt haben.

Der entscheidende Unterschied von Michael Schumacher und Juan Manuel Fangio liegt für mich in ihrem Charakter. Wenn ich den von Schumacher analysiere, fällt mir immer eine Szene von 1994 ein: Er hatte beim England-Grand-Prix in der Einführungsrunde unerlaubt überholt und sollte nun einen Strafstopp einlegen. Doch Schumacher ignorierte alle Signale der Rennleitung. Warum, kann ich nur vermuten: Weil sein damaliger Teamchef bei Benetton, Flavio Briatore, ihm das über Funk befohlen hat. Und dieser liebe, nette, bescheidene Junge aus einfachsten Verhältnissen, als den ich ihn bei mehreren privaten Abendessen in Stuttgart erlebt habe, tat trotz seiner immerhin schon 25 Jahre genau das, was seine Vorgesetzten und Wegbereiter von ihm erwarteten: Er befolgte ihren Befehl.

Was hätte Fangio in ähnlicher Lage getan? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß ganz genau, dass er im Gegensatz zu Michael Schumacher einen Boxenbefehl niemals befolgt hätte: Fangio wäre in diesem Jahr beim Großen Preis von Österreich nicht knapp vor seinem zurückgepfiffenen Teamkollegen als Sieger durchs Ziel gefahren. Er hätte 20 Zentimeter hinter Barrichello die Linie gekreuzt. Ganz im Sinne der im Vergleich zu Ferrari viel klügeren Mercedes-Stallregie von damals: In den ersten zwei Dritteln des Rennens frei um die besten Positionen kämpfen, im letzten Drittel dann die Plätze halten.

Österreich – die Riesendummheit

Mein Gott, welch eine Riesendummheit da in Österreich von Schumacher! Endlich hätte er weltweit doch noch zum echten Sportidol werden können. Alle seine Fouls wären vergessen gewesen: der Rempler gegen Damon Hill im WM-Finale 1994 genauso wie der gegen Jacques Villeneuve im Abschlussrennen von 1997. Wo Schumacher hinterher Eis schleckend aus dem Ferrari-Bus kam, wie auf der Kö in Düsseldorf rumspazierte und so tat, als wäre nix gewesen.

Ich will ihn nicht dafür verdammen, was er damals mit Villeneuve gemacht hat. Mindestens die Hälfte der Formel-1-Fahrer der 50er Jahre hätte auch versucht, den bedrohten Titelgewinn mit einem Rempler gegen den überholenden Konkurrenten zu retten. Doch von denen wäre jeder ohne zu zögern nach dem Rennen zum Gegner hingegangen, hätte sich öffentlich entschuldigt und zur WM gratuliert. Juan Manuel Fangio hat nie gefoult. Es wäre ihm einfach nicht in den Sinn gekommen. Dafür war er einfach zu sehr Sportsmann. Zudem war ihm mehr als jedem anderen bewusst: Ein Foul hätte den Gegner leicht das Leben kosten können. Wir saßen damals ohne Gurt in rasenden Benzinbomben, und gleich neben der Piste lauerten noch Bäume und Felsen. In der Regel endete ein Abflug mit Feuer und im Krankenhaus – wenn nicht schlimmer.

Die zunehmende Sicherheit im gesamten Motorsport hat überall den Respekt vor dem Gegner verdrängt. Auch innerhalb der Teams zählt Mannschaftsgeist heutzutage kaum noch. Bei uns bei Mercedes hieß es seinerzeit noch: Erst kommt die Firma, dann der Mann. Unvergessen bleibt mir in diesem Zusammenhang eine Szene von 1955 in Argentinien beim Formel-1-Abschlusstraining: Zehn Minuten ist nur noch Zeit, und die Reifen meines Mercedes-Silberpfeils sind am Ende. Fangio kriegt das – wie alles eben – in der Box mit und geht zu unserem Rennleiter und bittet: "Herr Neubauer, geben Sie doch meinen letzten frischen Satz dem Kleinen!" Ich, "der Kleine", wie sie mich nannten, war dem großen Fangio wichtig. So war er halt. Wie oft ist er vor mir hergefahren und hat mir die Ideallinie gezeigt. Selbst eine Klofrau hat Juan nicht achtlos übersehen. Er war einfach ein Menschenfreund. Und jeder spürte sofort ohne jedes Wort sein ehrliches Mitgefühl. Den Journalisten gegenüber war er stets redselig, und für die Fans hat er sich auch immer Zeit genommen. Was ihn übrigens auch von Michael Schumacher unterschied.

Schumachers unbeugsamer Siegeswille

Da war dieser Mercedes-Termin 1992 in Nürnberg: Wir, die alte Silberpfeil-Garde um Juan Manuel Fangio und Karl Kling, waren als Botschafter des guten Sterns aus Stuttgart eingeladen wie Michael Schumacher. Der war damals in seiner ersten vollen Formel-1-Saison zwar bei Benetton-Ford, hatte aber immer noch einen Vertrag mit Mercedes. Die ihn ja als ihren Junior Mitte 1991 in ein Formel-1-Cockpit eingekauft hatten. Wir saßen nun also da in einem Zelt vor einem Klapptisch und mussten Autogramme schreiben. Nur einer verlor schnell die Lust: unser Jüngster, Schumacher. Wir haben ihn dann klipp und klar an seine Pflicht außerhalb des Autos erinnert, und dann ging’s wieder.

Vom Silberpfeil, den er damals auf dem Norisring fahren durfte, war Schumacher wohl mehr beeindruckt als von Fangio. Der war für ihn ein Fremder aus einer noch fremderen Zeit. Motorsportgeschichte war ja nie ein interessantes Thema für Michael Schumacher. Was ich an ihm am meisten schätze und bewundere, ist seine geradezu besessene Einsatzfreude. Ohne Schumachers unbeugsamen Siegeswillen wäre Ferrari niemals so überlegen, wie sie es heute sind. Mit seinem unbändigen Vorwärtsdrang hat er das gesamte Team aus der Versenkung gerissen. Ein Alesi und Berger haben bei Ferrari gern früher Feierabend gemacht und dann geschaut, was außerhalb des Fahrerlagers noch so geboten wird. Michael Schumacher schaut stattdessen, was seine Ingenieure und Mechaniker noch zu bieten haben, um sein Auto noch schneller zu machen.

Dermaßen extrem war Juan Manuel Fangio nicht ganz. Er konnte selbst am Rennwochenende abschalten und sich abends sogar ein Gläschen Wein gönnen. Und war trotzdem auf der Piste stark wie ein Bär. Wenn ihm einer auf den Pelz rückte, dann hat er noch mehr Gas geben können. Und so die Grenze immer weiter hinausgeschoben. So oft wie möglich das Limit zu 100 Prozent auszureizen, es aber nicht zu überschreiten, das war die Kunst in der Formel 1 vor 50 Jahren. "Viele Fahrer hätten mich schlagen können, wenn sie hinter mir hergefahren wären. Sie verloren, weil sie mich überholt haben."

Fangio und sein Erfolgsrezept

Aus seinem Erfolgsrezept hat Juan Manuel nie ein Geheimnis gemacht. Mit seinem Wahnsinnsgefühl fürs Auto, das für ihn nie totes Metall, sondern ein lebendes Wesen war, mutete er der Technik immer gerade so viel zu, wie zum Ankommen reichte. Wie oft hörte ich von den Mercedes-Mechanikern: "Keine Runde mehr, dann wäre auch das Fangio-Auto kaputt gewesen." Er hatte im Gegensatz zu einem Beißer wie Stirling Moss eben die Geduld, seinen Wagen zu schonen und auf seine große Chance zu warten.

Auch wenn Michael Schumacher ein genialer Lenkrad- und Kopfarbeiter ist, der im Rennen neben dem Fahren auch noch taktisch sehr klug denken kann, die Elektronik macht ihm wie seinen Kollegen das Leben viel leichter. Allein beim Start: Die Jungs von heute müssen da nur Vollgas geben, den Rest regelt der Computer. Ein Fangio hatte statt 20 Knöpfen am Lenkrad zum Verstellen der Elektronik allein sein Fahrgefühl, um Kupplung, Getriebe, Gas und Motor am Start wie im ganzen Rennen in den nötigen Einklang zu bringen. Auf bloß 25 Prozent hat Juan Manuel seinen Anteil als Fahrer am Erfolg geschätzt. Auch wenn heute im Grenzbereich so viel geleistet wird wie damals, unterm Strich macht die Elektronik das Rennfahren leichter. Deshalb schätze ich auch, dass die Hälfte aller derzeit aktiven Formel-1-Fahrer mit Schumachers Ferrari gewinnen könnte.

Die Siege, die Juan Manuel Fangio zu seiner Zeit, unter seinen Bedingungen schaffte, konnte jedoch nur er erringen. Aus diesem Grund bleibt er für mich auch der größere Rennfahrer als Michael Schumacher. Und wegen seiner stets vorbildlichen sportlichen Haltung auch der größte Weltmeister! Doch ich habe noch Hoffnung: Dass Michael Schumacher weiter an sich arbeitet und auch menschlich noch ein echter Champion wird.

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