Hausbooturlaub in Brandenburg

Hausboottour durch Brandenburg Hausboottour durch Brandenburg

Hausbooturlaub in Brandenburg

— 31.07.2008

Wozu gibt's eigentlich Autobahnen?

Mit 10 km/h über die Wasser-Straße: Ein System von Kanälen, Flüssen und Seen in Ostdeutschland ist wie geschaffen für entspannte Tage ganz weit weg vom Alltag. Und man benötigt nicht einmal einen Führerschein.

Morgens um sieben ist nichts zu hören bis auf das leise Plätschern der Wellen. Es ist auch nichts zu sehen: Undurchdringlicher Nebel hängt noch über dem Hafen. In weiße Watte gewickelt, liegt die "Potsdam" gut vertäut am Steg. Doch auch wenn sie nur mit Schnürsenkeln am Ufer befestigt wäre, könnte die Besatzung genau so selig träumen, denn es gibt weder Strömung noch Sturmgefahr in diesen Gewässern: Die "Potsdam" ist ein knapp 15 Meter langes Hausboot, unterwegs auf der Havel im nördlichen Brandenburg.

Die Pénichette-Hausboote sehen aus wie kleine Lastkähne; sie stammen aus Frankreich.

Hausbootfahren war ursprünglich ein Glaubensbekenntnis: Holzschuh tragende Holländer und Müsli futternde Alternative lebten in den immer etwas gammlig aussehenden Wohngelegenheiten auf dem Wasser. Bis vor 20 Jahren immer mehr Unternehmen die komfortablen schwimmenden Kisten zum Chartern anboten. Ein Pionier auf diesem Tourismus-Markt war Locaboat aus Frankreich. Als Vorbild für ihre Schiffchen diente die "Péniche", ein Binnen-Lastkahn, der in Frankreich auf dem weit verzweigten Kanalsystem zum Einsatz kommt.

Inzwischen hat Locaboat wie auch andere große und kleine Hausbootfirmen die Gewässer in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erschlossen, und die sind eine Welt für sich: Etwa 2600 Kilometer befahrbare Wasserstraßen mit Kanälen, Seen und Flüssen bilden eines der größten Binnenreviere Europas mit zahlreichen Naturreservaten, idyllischen Städtchen und abwechslungsreicher Landschaft. Dazu gehört auch die Uckermärkische Seenplatte zwischen Lychen und Fürstenberg. Auf ihr ist weniger Verkehr als im Nordwesten rund um die Müritz, den größten innerdeutschen See, der bereits in Mecklenburg liegt.

Im bauchigen Rumpf der "Pénichette", des vielfach einsetzbaren Lastkähnchens, gibt es genügend Platz für eine ganze Besatzung. Im Heck ist der Fahrstand mit Steuerrad und Gashebel, dahinter zwei lange Bänke mit geräumigen Tischen. Die Heizung bullert, draußen kräht ein Hahn und hinter der Nebelwand tuckert ein anderes Boot vorbei. Zeit zum Frühstücken! Während die Kaffeemaschine faucht und der Toaster seine Ladung durch die Luft schleudert, achtet niemand mehr darauf, was sich draußen tut. Als die Bootsbesatzung wenig später beim Essen sitzt, stehlen sich verspielte Sonnenstrahlen zu den großen Fenstern hinein. Der Nebel ist wie von Geisterhand verschwunden.

Überall am Ufer gibt es Rastplätze, wo das Boot festmachen kann.

An seiner Stelle ist eine kleine Bucht zu sehen, die von fast allen Ufern ein grüner Urwald umgibt. Am Ende der Bucht eine uralte Schleuse, rechts davon schmiegen sich Hausdächer zwischen alte Obstbäume. Das ist Himmelpfort in Brandenburg, ein kleines Dorf an der Müritz-Havel-Wasserstraße. Gestern am späten Nachmittag haben wir die "Potsdam" geentert, unsere Taschen in den Kojen abgestellt und den Crashkursus "Hausbootfahren" absolviert. Denn für die Penichette braucht man auf brandenburgischen Gewässern – wie für alle Charterboote bis 15 Meter Länge und zwölf PS Motorleistung – keinen Bootsführerschein. Der "Charterschein" reicht aus, und den erhält jeder Chartertourist in einer halben Stunde Einweisung.

Zwölf PS – das reizt angesichts üppiger automobiler Leistungsentfaltung für jeden Fahrschüler heutzutage eigentlich nur zum Gähnen. Oder? Nur all jene, die noch nie ein 15 Meter langes Hausboot gegen Strömung und Wind in eine drei Meter enge Schleusenkammer bugsieren wollten. Oder die rückwärts anlegen wollten zwischen zwei Motorbooten, die ziemlich teuer aussehen, und deren Eigentümer bereits mit Zornes- und Sorgenfalten an Deck stehen und wild mit den Armen fuchteln… Doch davon später. Erst mal nehmen wir natürlich den Kahn auf die leichte Schulter.

Zwischen den Seen liegen viele Schleusen, die von Hand bedient werden müssen.

Mein Benz hat 95 PS unter der Haube, Sarahs Golf immerhin 90 Pferdchen – da werden wir doch 50 mickrige Fisch-Stärken beherrschen… André, der Stationsmeister von Locaboat in Himmelpfort, dämpft unsere Geringschätzigkeit: "Es gibt da einen kleinen Unterschied zur Straße: Eure einzige Bremse ist die Kanalböschung." Oder, im schlechtesten Falle, ein anderes Boot oder ein Schleusentor. Kann teuer werden. Also immer schön langsam: Mehr als zwölf km/h tut's der Diesel der "Potsdam" eh' nicht, doch schon bei diesem Trödeltempo ist Geradeausfahren à la Autobahn kein Ding: Selbst im spiegelglatten Kanalwasser musst Du ständig gegenlenken, damit der Kahn auf Kurs bleibt.

Und das alles ohne Servolenkung. Das heißt, eine Art Lenkhilfe gibt's noch: Bugstrahlruder heißt der Boots-Servo, funktioniert per Knopfdruck: Wenn man die Kurve nicht ganz kriegt, kann man den Bug mit einem elektrisch betriebenen zusätzlichen Ruder 'rumziehen. Aber auch dessen Wirkung ist begrenzt, und wenn man’s zu lange benutzt, kann der kleine E-Motor durchbrennen. Also lieber einen Gang zurück und in Schleichfahrt durch die Engstellen im Kanal. Das Bordbuch zeigt alle diese neuralgischen Punkte: An einigen muss sogar vorher gehupt werden, um Gegenverkehr zu warnen. Das gefällt Sarah, die auch im Straßenverkehr gern mal akustisch ihre Anwesenheit betont.

Die Schleusenkammern sind so eng, dass die Crew vorsichtig hineinmanövrieren muss.

André wünscht uns Glück, händigt uns die Charterscheine aus, und los geht die Fahrt. Nachdem wir ungefähr zehnmal die Böschungsbremse ausprobiert haben, gehen wir freiwillig mit dem Tempo runter. So schaffen wir es auch, vor der ersten Schleuse zu stoppen, ohne das Tor zu rammen. Schleusen sind beim Hausbootfahren das Salz in der Suppe: So wie beim rückwärts Einparken zeigt sich hier unerbittlich, wer ein Schwätzer ist und wer ein Kenner. Wir bleiben vorsichtshalber zwei Stunden neben der Schleuse liegen und schauen erst mal, wie es die anderen machen. So wird es dunkel, und wir verbringen die Nacht in dem kleinen Hafen nebenan.

Nach dem Frühstück wollen wir es aber unbedingt versuchen. Die Schleuse ist wie viele andere in Brandenburg automatisch, man kann also nicht einfach den Schleusenwärter um Hilfe bitten. Dafür hängt eine simple Gebrauchsanweisung aus: Eine Ampel zeigt unmissverständlich, ob man Halten muss oder Einfahren darf, ein Schild erklärt, wie die Schleuse betätigt wird: Meist muss ein Hebel am Ufer bewegt werden. Doch den muss man erst mal erreichen! Eine halbe Stunde und zwei Schleusungen später ist die "Potsdam" tatsächlich längsseits des Hebels, "Schleusung wird vorbereitet", teilt uns eine Digitalinschrift über der Ampel mit.

Langsame Fahrt hat einen Vorteil: Anders als beim Autofahren kann auf einem Hausboot vorn jemand am Bug stehen, und das Fahrzeug von gefährlichen Hindernissen wie Schleusentoren, -mauern und anderen Booten einfach wegdrücken. Das tut Sarah so lange, bis wir tatsächlich drin sind. Alles andere geht von selbst: Automatisch schließt sich das hintere Schleusentor, automatisch gurgelt Wasser in die Kammer, und wir steigen ganz automatisch einen halben Meter in die Höhe. Dann geht das gegenüberliegende Tor auf, und ich darf wieder den Motor anlassen.

Hier ist man ganz für sich; nur gelegentlich kommt mal ein Kanu entgegen.

Nun liegt ein See vor uns, und damit eine "Rennstrecke". Endlich mal Vollgas geben, oder wie Bootsfahrer es nennen: den Hebel auf den Tisch legen! Die Penichette jagt durch die Wellen, die gesamte Kommandobrücke vibriert in ihren Grundfesten, und wir fahren sage und schreibe zwölf km/h. Kein Turbo weit und breit, doch wir sind ja auch nicht zum Rennen hier, sondern zum Entspannen. Bei 3000 Umdrehungen tuckert der Diesel wie bei in einem alten Deutz-Traktor, und mit zehn km/h stellt sich dieses gemütliche Feeling hinterm Steuer ein, dass vermutlich der Grund dafür ist, warum Seeleute den Ruf haben, gelassen und cool zu sein. Durch die Fenster zieht langsam Fluss- und Baumlandschaft an uns vorbei, über uns blitzt stahlblauer Himmel, und vor uns ein freies Wasser, das einfach nicht endet. Wozu gibt's eigentlich Autobahnen?

Autor: Roland Wildberg

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