Heinz-Harald Frentzen im Interview

Heinz-Harald Frentzen im Interview Heinz-Harald Frentzen im Interview

Heinz-Harald Frentzen im Interview

— 26.02.2003

"Wir können beide überleben"

Heinz-Harald Frentzen zurück bei Sauber. Aber ein jüngerer Platzhirsch ist schon da: Nick Heidfeld, auch aus Mönchengladbach. "HHF" über das verzwickte deutsche Doppelspiel.

Frentzen fühlt sich wie neugeboren

AUTO BILD motorsport: Herr Frentzen, wie fühlen Sie sich nach zwei Jahren als Pilot von Pleiteteams wie Prost und Arrows als Mitglied eines soliden Rennstalls wie Sauber? Heinz-Harald Frentzen (35): Wie neugeboren. Es ist gut zu wissen, dass es ein Morgen gibt. Das schafft Ruhe und Sicherheit.

Und bei den Vortests fuhren Sie überdies noch Sahnezeiten ... Vorsicht! Niemand kennt den Wert momentaner Testzeiten. Man weiß zwar, ob die anderen frische Reifen und volle oder fast leere Tanks hatten, aber keiner kann sagen, was die bis zum Start noch so an technischen Verbesserungen auffahren werden.

Trotzdem: Sie waren auf zwei Strecken jeweils nur etwa eine Sekunde langsamer als Weltmeister Schumacher im Ferrari – und teilweise schneller als BMW- Williams. Eine Sekunde hinter dem Vorjahres-Ferrari, ja. Und der neue Ferrari wird nicht langsamer ...

Sie und Ihr Sauber ja auch nicht. Schon richtig. Aber man darf nie zufrieden sein mit seinen Zeiten. Die Topteams schauen auch nur danach, wo sie noch was rausholen können, anstatt ihre eigenen Tagesbestzeiten von Testfahrten schönzureden.

"Der C22 ist eigentlich überall schneller"

Was ist jetzt mit Ihrem Sauber? Das Konzept unseres Autos ist mutig. Sauber hat es in allen Bereichen verbessert: mechanisch, aerodynamisch, von der Gewichtsverteilung her, sodass wir mehr Ballast platzieren können. Der Schwerpunkt ist günstiger. Wir haben die Balance im Griff. Wir können von dieser Basis aus neue Wege gehen, haben mehr Möglichkeiten, weitere Schritte zu machen. Das haben wir schon jetzt während der Testphase gesehen. Es geht flott voran, das Team ist motiviert und reagiert sehr flexibel. Ich bin überrascht, in welchem Tempo unser Team versucht, das Auto schneller zu machen.

Konkret, inwiefern ist der neue Sauber besser als der alte? Der C22 reagiert im Grenzbereich viel gutmütiger und berechenbarer, ruht stabiler auf der Hinterachse und ist eigentlich überall schneller.

Sie hatten mit 15 Zentimetern Überlänge im Vorjahres-Sauber eine schlechte Sitzposition. Ich sitze jetzt super im Sattel.

Und stehen selten am Wegesrand, haben massenweise Kilometer abgespult. Eine Garantie für frühe Punkte? Nein, auch unser Marathon-Sauber kann in Melbourne wegen jedem Mist ausfallen. Aber in der Tat habe ich so ein standfestes Auto bisher noch nie gehabt. Deshalb konnten wir viele Hausaufgaben wie Rennsimulationen abhaken und Unmengen an Fahrzeugdaten sammeln. So gesehen, hätte es bisher kaum besser laufen können, denn es ist gerade mit einem neuen Auto schwer, so zuverlässig zu sein. Zumal das Team in vielen technischen Bereichen Grenzen durchstoßen hat, härter ans Limit gegangen ist. Ich hatte seit Jahresanfang nur einen Defekt: ein gebrochenes Getriebe-Zahnrad.

Was stimmt am Auto außerdem noch nicht? Das Tempo. Es gibt nie ein Auto, das schnell genug ist. Der Sauber zum Beispiel untersteuert noch. Wir sind der Sache aber weitgehend auf der Spur.

Regelmäßige Punkte sind Pflicht

Die Windkanaldaten sollen nicht mit den Streckendaten übereinstimmen, heißt es. Ja, da gibt es eine Diskrepanz. Die Daten müssen neu kalibriert, also umgerechnet werden. Das Problem dabei ist, dass man nicht weiß, welche Daten verlässlich sind und welche nicht. Außerdem macht das Arbeit, kostet also Zeit. Aber ich bin überzeugt, dass wir das Problem lösen werden.

Wie läuft Ihr neuer Ferrari-Motor Jahrgang 2002? Der hat noch ein paar PS mehr als der alte. Wir wissen jedenfalls sicher, dass man damit gewinnen und Weltmeister werden kann.

Hinter den Reifen steht vor jedem Saisonstart ein Fragezeichen. Machen Sie mit Michael Schumacher gemeinsame Sache, damit Bridgestone sich klare Vorteile gegenüber Michelin erarbeitet? Das Problem für beide Hersteller, Bridgestone wie Michelin, ist doch, dass ein Reifen eine weiche Mischung und gleichzeitig lange Nutzbarkeit haben soll. Bridgestone hat das 2002 gut hingekriegt und wird das auch 2003 schaffen.

Wie finden Sie die neuen Regeln und Abläufe? Grundsätzlich gut. Dass man keine extraleichten und -starken Qualifikationsteile einbauen darf, ist eine sinnvolle Sparmaßnahme. Ich bin gespannt, wie das Problem gelöst wird, dass alle nach der Qualifikation in unveränderten Autos ins Rennen gehen. Denn jeder hat doch vor dem Rennen gerne noch ein bisschen an der Abstimmung gefeilt. Und wir müssen in der Qualifikation auch anders fahren, nicht mehr alles oder nichts. Wer all die neuen Abläufe am schnellsten verinnerlicht, hat die besten Karten.

Oder das beste Auto, wie Schumi. Klar, das hilft. Der Formel 1 würde ein wenig Abwechslung noch mehr helfen, so sehr ich ihm den Erfolg auch gönne.

Was erhoffen Sie sich insgeheim von der Saison? Dass ich zu dieser Abwechslung beitragen kann, natürlich – und ein paar Regenrennen gewinne (lacht). Man sollte den Idealfall nie ausschließen. Aber unter normalen Bedingungen wird es schon schwer, Werksteams wie Renault, BAR oder Toyota hinter uns zu lassen. Besonders Toyota mit Olivier Panis wirkt stark. Für uns sind regelmäßige Punkte aber Pflicht.

Morgens jetzt als Erster auf der Strecke

Für Sie und Teampartner Nick Heidfeld. Wie läuft das deutsch-deutsche Duell bei Sauber? Reibungslos.

Das klingt ja aufregend sachlich. Das ist doch nichts Schlimmes. Nick ist sehr interessiert, sehr aufmerksam und ehrgeizig. Und neugierig, zu sehen, wie ein Neuer seine Arbeit macht.

Man hört seitens Sauber, Sie hätte nun der Ehrgeiz gepackt, wären morgens als Erster an der Strecke. Sauber hat sich entwickelt. Und ich auch. Also passen wir doch gut zusammen.

Wie Frentzen und Heidfeld? Wir kennen uns ja noch gar nicht richtig. Außerdem liegen zehn Jahre zwischen uns. Ich denke, Nick ist schon okay.

Beim Testen haben Sie ihn trotzdem mehrfach platt gemacht – nach Bestzeiten. Das waren Testzeiten, basierend auf meinem Erfahrungsvorsprung mit der Autoabstimmung, keine Startplätze oder WM-Punkte. Und damit völlig wertlos.

Einspruch: Im Rennsport muss jeder Fahrer erst mal seinen Teamkollegen schlagen, auch beim Testen – immer. Warten Sie den ersten Grand Prix ab. Nick ist stark. Und das ist gut. Ich erhoffe mir viel positive Reibung von unserem Duell. Wir werden uns schön vorwärts treiben.

Stimmt es, dass einer von Ihnen beiden nach diesem Duell zwangsläufig mit seiner Formel-1-Karriere am Ende sein wird? Ach was, wir können beide überleben – sportlich, versteht sich. Es gibt noch etwas zwischen Schwarz und Weiß. Wenn wir beide auf hohem Niveau fahren und einer liegt immer vorn, sieht der andere nach außen hin dumm aus. Dabei wäre das besser, als wenn beide schlecht fahren würden – und einer würde als interner Sieger gefeiert. Davon hätten alle Beteiligten nichts.

Aber so funktioniert die Formel 1. Ach, Nick und ich gehen das sehr locker an. Zum Glück gibt es im menschlichen Umgang Selbstverständlichkeiten. Ein guter Charakter wird den Respekt vor dem anderen nie verlieren, nur weil manch einer auf einen Hahnenkampf wartet. Was Nick und mich angeht, habe ich bei diesem Test keine Bedenken.

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