Helden der Arbeit

Helden der Arbeit – Fiat 500 Helden der Arbeit – Fiat 500

Helden der Arbeit

— 15.02.2007

Ein Freund fürs Leben

In den Abruzzen hilft der Fiat 500 "Giardiniera" dem Bauern Silvio Sarra bei der Safran-Ernte. Seit 38 Jahren – und ohne jemals eine Werkstatt von innen gesehen zu haben.

Wenn Silvio Gas gibt, fängt Jesus an zu zittern. Der Sohn Gottes wacht als Metallfigur über den 71-jährigen Fahrer. Und da vorn auf dem Armaturenbrett bekommt er all die Vibrationen ungefiltert ab, die der luftgekühlte Zweizylinder-Motor im Heck erzeugt.

Hier in den Abruzzen haben sie für so ziemlich alles einen Schutzheiligen, und fürs Autofahren gleich mehrere. Vorsichtshalber hat Silvio Sarra auch noch ein Bild der heiligen Rita an der Windschutzscheibe und einen getrockneten Olivenzweig im Cockpit – beides soll ihn beim Fahren zusätzlich schützen. Es ist nicht etwa so, dass Signor Sarra ein schlechter Autofahrer wäre und das nötig hätte, im Gegenteil. Mit sicherer Hand steuert er seinen Wagen die Serpentinen hinauf, und selbst zwischen den tiefen Abhängen links und rechts fühlst du dich als Beifahrer ganz behaglich. Aber sicher ist sicher, schließlich hängt der Italiener nicht nur an seinem Leben, sondern auch an seinem Auto: einem Fiat 500 Giardiniera, der genau genommen gar kein Fiat ist, sondern ein Autobianchi. Weil die Giardiniera (auf deutsch: Gärtnerin) ab 1968 ausschließlich unter dem Namen der ein Jahr zuvor von Fiat übernommenen Marke produziert wurde.

Silvio Sarra hat seinen Wagen im August 1969 gekauft und dafür 598.000 Lire bezahlt, damals waren das knapp 3800 Mark. Was er da noch nicht ahnte:

Nacktes Blech, fröhliche Farben: der spartanische Innenraum.

Er sollte einen Freund fürs Leben finden. Klaglos schluckte der kleine Kombi alles, was Sarra einlud, von Ölfässern bis zu Hühnerkäfigen, und brachte ihn auch ohne Murren zur Hochzeit seiner Cousine ins 260 Kilometer entfernte Pompei. Vor allem aber hilft ihm das Auto bei der wichtigsten Einnahmequelle – der Safran-Ernte. In Sarras Heimatdorf Civitaretenga bei Navelli sichert das "Gold der Küche" die Existenz ganzer Familien. 1298 soll ein Mönch das von einer Krokuspflanze stammende Gewürz aus Spanien in die Region gebracht haben. Dank einer Hochebene bietet sie optimale Anbaubedingungen: "Der Safran aus Navelli", sagt Sarra, "ist der beste der Welt." Zwischen vier und 22 Euro kostet das Edelgewürz – und zwar pro Gramm.

Das klingt unverschämt. Aber wer den Männern und Frauen von Navelli einen Tag bei der Arbeit zusieht, der versteht, warum Safran so teuer ist: Jeder einzelne Safranfaden muss per Hand aus dem Blütenkelch gezogen werden. Und um ein Kilo Safran zu bekommen, braucht man bis zu 360.000 (!) der roten Fäden – gelb werden sie erst beim Kochen. Es ist ein Knochenjob, und die Safranbauern leben alles andere als luxuriös. Die Wände ihrer Häuser sind dünn und zugig, Holzöfen oft die einzige Wärmequelle. Internet und Handys gibt es nicht, Urlaub schon gar nicht, und gegessen wird nur das, was die eigenen Felder hergeben. Dafür können die 180 Einwohner ihre Haustüren offen und die Autoschlüssel stecken lassen. Weil jeder jeden kennt, gibt es keine Kriminalität. Die wirtschaftliche Lage indes hat sich für Sarra und seine Kollegen noch weiter verschärft, seit billiger Safran aus dem Iran den Markt überschwemmt. Überleben können sie nur, weil sie eine Kooperative gegründet haben und nun gemeinsame Sache machen.

Der 500 Kubikzentimeter kleine Viertakt-Zweizylinder-Motor sitzt im Heck.

Silvio Sarra ist ihr Vorsitzender und so etwas wie die graue Eminenz im Dorf. Seine Worte haben Gewicht – und seine Bescheidenheit ist schlicht beeindruckend. "Warum sollte ich denn ein modernes Auto kaufen", fragt Sarra, "solange das alte noch so gut funktioniert?" Dann stimmt der alte Italiener ein Loblieb auf seine Giardiniera an: "Der Motor ist großartig, der wird sofort warm. Hier, spüren Sie die Wärme? Dann die bequemen Sitze! Und vor einiger Zeit sind wir mal mit vier Personen eine Steigung von 18 Prozent hochgefahren – das ging ohne Probleme!" Bis auf das fehlende Logo an der Front ist die Giardiniera noch genau so, wie Sarra sie einst im Nachbarort gekauft hat. Die braunen Ledersitze, das karge Armaturenbrett mit den drei Kippschaltern (Tachobeleuchtung, Abblendlicht, Scheibenwischer), das dünne Zweispeichen-Lenkrad. Eine Werkstatt hat der Wagen noch nie von innen gesehen, alle 10.000 Kilometer muss nur mal ein halber Liter Öl nachgekippt werden. Allerdings rangiert Sarra den Wagen vorsichtshalber immer rückwärts in die Garage – damit er ihn im Notfall auf der abschüssigen Straße anspringen lassen kann.

Aber hat er denn wirklich noch nie etwas am Auto machen lassen? Silvio Sarra zögert einen Moment, denkt nach, dann antwortet er trocken: "Doch, vor acht Jahren. Da habe ich den Wagen polieren lassen."

Bequemer Einstieg garantiert: Die Türen sind hinten angeschlagen.

Für mehr Pflege wäre auch gar keine Zeit, vor allem nicht während der Safransaison. Im August werden die Krokusknollen gepflanzt, Mitte Oktober beginnt die Blüte – und dann muss es schnell gehen. "Die Fäden müssen sofort gezogen werden, sonst verlieren sie ihr Aroma", erklärt Sarra, "allerdings darf man auch nicht pfuschen: Sie müssen an genau der richtigen Stelle abgebrochen werden." Anschließend werden die Safranfäden getrocknet. Nicht zu lang, weil sonst die Farbe verschwindet, nicht zu kurz, weil sie sonst verfaulen. Man merkt schon: Das alles braucht viel Erfahrung, und ein bisschen Aberglaube kann auch nicht schaden. Am Ende der Saison streuen die Safranbauern ihre abgeernteten Krokusblüten auf die Erde, das soll Glück bringen. Bislang hat es immer funktioniert – und notfalls passt ja auch noch Jesus auf.

Die Historie des Fiat 500

Stammvater: Der "Topolio" kam zuerst mit 13-PS-Motor.

Senator Agnelli hatte genaue Vorstellungen: "Einen günstigen Kleinwagen, der nicht mehr als 5000 Lire kostet", forderte der Fiat-Chef 1934 von seinen Entwicklern. Zwei Jahre später wurde der Fiat 500 vorgestellt – und hatte schnell seinen Spitznamen weg. Topolino nannten die Italiener den Kleinstwagen, "das Mäuschen". Nach dem Krieg sollte eine moderne Version das Land mobil machen. Die Vorgaben aber blieben: geringes Gewicht, einfache Konstruktion, geringe Kosten. Das Ergebnis war der Nuova 500, der kleine Große, der im Juli 1957 vorgestellt wurde und drei Jahre später auch als Kombi zu bekommen war – unter dem Namen "Giardiniera" (Gärtnerin). Das nächste Kapitel der Fiat-500-Geschichte steht jetzt bevor: Im Sommer erscheint der neue Fiat 500. Preis: ab 9900 Euro.

Autor: Alex Cohrs

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