Nardo High-Speed-Event

Nardo High-Speed-Event Nardo High-Speed-Event

High-Speed-Event in Nardo

— 17.11.2006

Völlig losgelöst

16 Autos, die eines verbindet: Ihre Leistung kennt keine elektronischen Grenzen. Mit insgesamt 9506 PS stellen sie in Nardo mit Nachdruck unter Beweis: Bei 250 km/h muss lange nicht Schluss sein.

Was passiert jenseits von 250 km/h?

Was haben die Isle of Man, Indien und Deutschland gemeinsam? Ausschließlich diese drei Staaten verzichten auf ein generelles Tempolimit. Wer jetzt den Plan hegt, aufgrund der hohen Verkehrsdichte in Deutschland nach Neu-Delhi umzusiedeln, sollte eine Alternative ins Auge fassen: Nardo. Die italienische Hochgeschwindigkeitsstrecke erlaubt freies Fahren ohne Angst vor Bußgeldern und ist statt 6000 nur rund 1000 Kilometer entfernt. Aus genau diesem Grund haben wir zwölf Tuner in Italiens Süden eingeladen – zum ersten Nardo High-Speed-Event von Continental und AUTO BILD SPORTSCARS. Die stehen am 22. Oktober 2006 gegen 6.30 Uhr mit insgesamt 16 Autos in Nardo an der Strecke, schauen reichlich verschlafen aus der Wäsche und warten auf die ersten Sonnenstrahlen. Die Veredler wollen uns und dem Rest der Welt eine elementare Frage beantworten: Was tut sich jenseits der obsoleten 250-km/h-Hürde?

Neuling in Nardo: Der Vectra OPC im EDS-Trimm schafft 276,7 km/h.

Zuallererst tritt EDS an, dieses Rätsel zu lösen. In der Rolle des Underdogs fühlt sich der Opel-Tuner aus Marl sichtlich wohl. Geschäftsführer Arno Schindler startet in Nardo nicht mit dem Rüsselsheimer Original, sondern mit einem rechtsgelenkten Vauxhall, der englischen Opel-Variante. Etwa aus Performance-Gründen? "Nicht doch", erklärt Schindler, "nur fand Vauxhall unser Projekt so vielversprechend, dass man uns förmlich ein Auto aufgedrängt hat." Das mit Abstand preisgünstigste Fahrzeug im Feld leistet dank großem Lader und modifizierter Elektronik 345 PS. Ein ordentlicher Wert. Aber genug für 300 km/h? Die sind nämlich das erklärte Ziel – das jedoch etwas hochgegriffen scheint: Nachdem Schindler mit seinem Laptop dem Auto über den Diagnosestecker gut zugeredet, an Ladedruck und Einspritzmenge gefeilt hat, kommt der Vectra beim dritten Versuch immerhin auf 276,7 km/h. Die Nardo-Frischlinge begnügen sich damit.

Als Nächster versucht Edo sein Glück. Der Tuner konnte mit seinen kompromisslos aufgebauten Porsche-Fahrzeugen bisher vor allem auf verwinkelten Rennstrecken Meriten sammeln. Hochgeschwindigkeitsfahrten hingegen sind Neuland für die Truppe um Edo Karabegovic. Bei seiner Premiere geht der Veredler aufs Ganze und rückt mit drei Autos an: Cayenne, Gallardo Spyder und F430 Spider. Den Porsche hievt sein furchtloser Stamm-Rennfahrer Patrick Simon auf 288,0 km/h. Ein akzeptables Ergebnis. Auch der Lamborghini fährt ein achtbares Resultat ein. Der mit Sportauspuff, Sportkats und modifizierter Elektronik versehene Roadster erreicht problemlos 320,9 km/h. Edo sieht noch Potenzial: "Beim nächsten Mal stimmen wir Anbauteile und Fahrwerk viel besser auf die Eigenheiten der Strecke ab – die zu harte Abstimmung macht uns bei den hiesigen Bodenwellen zu schaffen." Nur der Ferrari kann auf Heimatboden leider überhaupt nicht punkten. Nach einer schnellen Runde mit 311,7 km/h Spitze beginnen die Hydrostößel zu klackern – Abbruch.

Auch damit kann man Rekorde jagen: Enco-Cayenne mit 638 PS.

Auf Edo folgt Enco: Der Newcomer aus Chemnitz war mit seinem Brachial-Cayenne bereits einmal in Nardo, blieb mit 280 km/h aber weit hinter den Erwartungen zurück. Sein Fahrzeug weckt bei Betrachtern ernsthafte Zweifel: Die Kotflügelverbreiterungen tragen nicht gerade dazu bei, die Windschlüpfrigkeit des 2,5-Tonnen-Klopses zu erhöhen. Nach ausgiebigen Versuchsfahrten bringt es der Cayenne trotzdem auf imposante 294,5 km/h. Die Rekordfahrt funktioniert jedoch nur mit demontierten Außenspiegeln. Die sind in Nardo tatsächlich verzichtbar – deshalb tolerierten wir diesen Griff in die Trickkiste. Zumal nicht nur Enco spiegellos fuhr, sondern auch fast alle anderen Tuner. Darüber hinaus scheinen großflächige Rad-kappen der neueste Trend zu sein. Sie verhindern, dass sich der Wind in den Rädern fängt. Gehen die Abdeckungen jedoch bei voller Fahrt fliegen – wie bei Sportec, Enco und Hohenester geschehen – wirft das kein gutes Licht auf den Tuner.

Im Anschluss wagt sich Lorinser auf die Piste. Dem schwäbischen Veredler gelang es tatsächlich, einen rundum getunten CL auf die Räder zu stellen. Allerdings fand die Fertigstellung des ambitionierten Projekts unmittelbar vor der Abfahrt nach Nardo statt. Aus diesem Grund tritt der Tuner nur mit gebremstem Schaum an: "Das Auto hat erst 200 Kilometer auf dem Tacho – im Interesse der jungfräulichen Maschine verzichten wir im Zweifel auf die letzten km/h", erläutert Lorinser-Urgestein Adolf Koch die Strategie. Die von Mercedes-Testfahrer Robert Schäfer erzielten 306,5 km/h stellen die Truppe denn auch vollauf zufrieden.

Alles andere als zufrieden ist Volker Schu von Hartge. Der rückte mit einem perfekt vorbereiteten H50 an, gewillt, sein Bestes zu geben. Ein Kontakt mit einem heimtückischen, wenige Zentimeter aus dem Asphalt ragenden Begrenzungsstein macht alle Ambitionen schlagartig zunichte. "Zwei Felgen haben so schwerwiegende Beschädigungen davongetragen, dass alles über 100 km/h an Wahnsinn grenzt", muss sich ein zu Tode betrübter Volker Schu schließlich eingestehen. Den fehlenden Vmax-Wert reichen wir in einer der nächsten Ausgaben nach – demnächst trifft sich Hartge mit uns zu einer High-Speed-Session im norddeutschen Papenburg.

Drei Weltrekorde an einem Tag

Konkurrent AC Schnitzer bleibt von derlei Tragödien verschont: Mit dem auf M6-Basis aufgebauten Tension wollte der BMW-Veredler bei seinem ersten Nardo-Auftritt eine respektable Duftmarke setzen. Ziel erreicht: 331,7 km/h sorgen für freudige Mienen. Fahrwerkspapst Manfred Wollgarten gesteht jedoch: "Mit demontiertem Heckflügel – gut für fünf bis acht zusätzliche km/h – wird das Heck ganz schön leicht." Obwohl er für eine zweite Fahrt sämtliche Fugen und die BMW-Niere mit Klebeband abdichtet, ist der zuvor gefahrene Wert nicht zu toppen. Porsche-Tuner TechArt kann ebenfalls nicht meckern: Ohne erkennbare Mühe fährt der schneeweiße 911 Turbo des Leonberger Veredlers 334,5 km/h. Geschäftsführer Thomas Behringer zeigt sich hocherfreut: "Dabei haben wir mit 580 PS erst die zweite Leistungsstufe gezündet. Noch mehr begeistert mich jedoch das Abschneiden unseres Cayman." Verständlich: Schafft der GT Sport doch stolze 303,0 km/h – und das trotz Monsterflügel. Der bringt zwar Abtrieb ohne Ende, stellt in Sachen Vmax jedoch einen echten Hemmschuh dar.

Hohenester tritt mit einem A4 aufs Gas – 650 PS reichen für Platz vier.

Im Anschluss rollt ein weiterer ganz großer Name der Tuningszene vor – Audi-Tuner Alfons Hohenester. Der präsentiert ein Auto, das leichte Skepsis hervorruft. Als Basis hat sich der Veredler einen A4 TDI auserkoren. Folgerichtig trägt das Auto stolz die originale Diesel-Instrumentierung zur Schau. Wer darauf einen Blick wirft, ist ob des bei 4500 Umdrehungen in den roten Bereich übergehenden Drehzahlmessers doch – gelinde gesagt – erstaunt. Die Prioritäten setzte Hohenester jedoch goldrichtig: Statt auf schönen Schein konzentrierte sich der Tuner auf das Innenleben des Audi. Und das hat es in sich: Musste der brave Dieselmotor doch einem von Hohenester auf 650 PS erstarkten Biturbo-RS4-Aggregat weichen. So setzt sich denn auch ein völlig entspannter Alfons Hohenester ans Steuer und fährt, mit der gleichmütigen Miene eines Menschen, der mal eben Brötchenholen geht, 340,1 km/h. Danach verlässt ihn die Lust und er übergibt das Steuer AUTO BILD SPORTSCARS-Rennfahrer Dierk Möller-Sonntag. Der den bestehenden Topwert um weitere 3,8 km/h überbietet!

Mitbewerber Sportec schraubte die Ansprüche weit höher. Der Schweizer Tuner hatte geplant, mit seinem Über-Porsche allen anderen davonzufahren. Nachdem am Morgen jedoch eine streikende Wegfahrsperre die Inbetriebnahme verzögert, läuft im Anschluss alles getreu der Devise: "Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu." Testfahrer Andreas Hodel erklärt geknickt: "Die Nockenwellenverstellung einer Zylinderbank fiel aus." Ursache: ein defekter Phasengeber. Der wäre ohne größeren Aufwand in Windeseile ausgetauscht worden – hätten die Schweizer ein entsprechendes Ersatzteil dabeigehabt. Zwar versucht die Sportec-Crew, den Defekt mechanisch zu überbrücken, wirklich zum Laufen bringen sie ihr Auto jedoch nicht. Dass aus einem allerletzten Versuch schließlich doch noch 370,1 km/h resultieren, verdient allerhöchstes Lob und lässt erahnen, welches Potenzial in dem 802(!)-PS-Auto schlummert. Schlussendlich wollen wir uns des Trios annehmen, das Nardo inzwischen kennt wie die eigene Hosentasche: HGP, Brabus und 9ff.

Schneller als der HGP R32 mit 323 km/h war noch kein Kompakter.

Ersterer tritt traditionell mit einem doppelt aufgeladenen Golf R32 an. Der leistet inzwischen imposante 600 PS. HGP-Chef Martin Gräf will unbedingt die Bestmarke von 2004 überbieten. Damals war sein Golf IV Biturbo bereits unglaubliche 321 km/h gerannt. Mit dem Fünfer-Golf als Basis alles andere als einfach: "Der wiegt nicht nur mehr, sondern hat auch eine deutlich größere Stirnfläche", benennt Martin Gräf die beiden entscheidenden Handicaps. Mit dem furchtlosen Testfahrer Stefan Amann am Steuer, gelingt es dem Tuner trotzdem sofort, die bestehende Bestmarke zu toppen: 322,7 km/h zeigte das GPS-Display an. Gut, aber nicht gut genug für Martin Gräf.

Nach stundenlangem Feinschliff wagt sich der Tuner ein weiteres Mal auf die Strecke. Und ist tatsächlich schneller – und zwar genau 0,4 km/h. "Wir sind damit zufrieden – trotzdem müsste eigentlich noch viel mehr gehen", lässt sich ein stets ehrgeiziger Martin Gräf vernehmen. Oder nicht ganz so zurückhaltend ausgedrückt: Weltrekord in der Kompaktklasse! Brabus will es dieses Mal ebenfalls wissen. Mit einer getunten S-Klasse legen die Bottroper tadellose 327,0 km/h vor. Im Anschluss konzentriert sich alles auf den urgewaltigen Rocket. Der präsentiert sich in Bestform und setzt seine 730 PS nahtlos in Geschwindigkeit um. Testfahrer Hans-Georg Horn schießt nach mehreren Testläufen den Vogel ab: 365,7 km/h – Limousinen-Weltrekord.

Der König von Nardo: 380,5 Sachen schaft das 9ff 911 Cabrio T-6.

Zuallerletzt liegt es an 9ff, dem Ruf als Tuner, der der Physik trotzt, gerecht zu werden. Chef Jan Fatthauer hat eine neue Strategie entwickelt und teilt mit der Gemütsruhe eines Yoga-Gurus mit: "Diesmal verzichten wir auf jeglichen Stress. Ich habe lediglich einen Techniker und keinerlei Werkzeug dabei. Das Auto wird funktionieren. Sollte dem nicht so sein, haben wir eben Pech gehabt." Das Glück ist aber bekanntlich mit den Tüchtigen: Und so steigt Jan Fatthauer in sein dezentes, mit einem Hardtop versehenes Porsche-Cabrio, gibt Gas, dreht drei Runden, stellt das 780 PS starke Auto am Streckenrand ab und geht Kaffeetrinken. Resultat: 380,5 km/h – Cabrio-Weltrekord. Angesichts dieses Geschwindigkeitsrekords hat sich die Streckenwahl auf alle Fälle bezahlt gemacht: Auf der Route von Kalkutta nach Mumbai wäre es Jan Fatthauer zwischen Eselskarren und Motorrollern wahrscheinlich doch etwas mulmig geworden. Gratulation an alle Beteiligten! Die technischen Daten und die kompletten Testergebnisse können Sie hier kostenlos als PDF herunterladen. Einfach auf diesen Link klicken!

Redakteur Ingo Roersch im Selbstversuch

Von Ingo Roersch Die Tachonadel fliegt über die Skalierung: ... 300 km/h ... 330, 340 ... – zack, plötzlich bricht das Heck aus. Wie ein Kampfjet im Sturzflug krachen wir in die Leitplanke, schleudern zurück und schießen über drei Spuren auf die innere Betonmauer zu. "Das war's. Aufprall mit 340. Immerhin ein schneller Tod." Riiiiiiiiiiiiiiiing. Der Wecker klingelt, zum Glück nur ein Traum. Es ist fünf Uhr morgens. Das Vorhaben "Schnellster Passagier aller Zeiten" beginnt vor dem Morgengrauen. Nach zwei Espressi und einstündiger Fahrt trifft der Hochgeschwindigkeitstross am "Nardo Prototipo"-Testoval ein.

Nur Fliegen geht schneller: 365,7 km/h im 730 PS starken Brabus Rocket.

Weil die Porsche von 9ff und Sportec wegen ihrer sensiblen Abstimmung keinen Copiloten dulden, bietet Brabus-Sprecher Sven Gramm einen Platz im Brabus Rocket an – mit 362,4 km/h die bis dato schnellste Limousine der Welt. Das iridiumsilberne PS-Projektil mit V12-Biturbo, 730 PS und 1100 Nm Drehmoment ist Hightech-Gerät und Luxuslimo in einem: Hier Gewindefahrwerk, Differenzialsperre und Zwölf-Kolben-Bremse; dort DVD-Surround- Anlage, Ledersitze und Klimaautomatik. Heute soll der eigene Rekord getoppt werden. Die Bedingungen sind gut, aber nicht perfekt. Nach den Regenschauern der Nacht ist die Luft schwül und mit 20 Grad recht warm. Trotzdem schafft Brabus-Motorenentwickler und Testpilot Jörn Gander im ersten Roll-out 359,5 km/h. "Heute geht noch mehr", so Gander.

Er hat recht. Um 11.57 Uhr ertönt Jubel made in Bottrop: 365,7 km/h – Weltrekord! Am Steuer diesmal: Hans-Georg Horn, Brabus-Berater und seit über 30 Jahren in der Fahrzeugentwicklung bei Mercedes tätig. Der 58-Jährige kennt Nardo wie sein Wohnzimmer. "Der Trick ist, so dicht wie möglich an der Leitplanke zu fahren. Maximal einen halben Meter Abstand, dann wird der Radius größer." Na, prima. Leitplanke? 360 km/h? 50 Zentimeter Abstand? Soll ich absagen? Zu spät. Ein dezenter Wink, jetzt oder nie. Während Rekord-Pilot Horn wohlverdient pausiert, setzt sich Jörn Gander den Helm auf. Die Tür schlägt zu, kurzer Instrumentencheck: Öl, Reifendruck – alles o.k.! Ein Druck auf den Starterknopf, raus auf die Strecke und es gibt kein Zurück. Zuerst gilt es, zwei Drittel des 12 Kilometer langen Ovals in einem inneren Sicherheitskreis zu umrunden, der holprig wie eine kasachische Autobahn ist. "Im Oval ist es nicht viel besser", so Gander.

Wie bitte? Bodenwellen bei 360 Sachen? Der Puls steigt. Wir fädeln in die oberste Spur ein. Der Rocket geht, sorry, ab wie eine Rakete. Untermalt vom zischenden Wastegate, erreichen wir spielend 340, 350. Wow, die Krümmung ist viel stärker als gedacht. Von wegen fast wie geradeaus. Das ist die schnellste Kurve der Welt. Wir sind bei 358, 359 km/h. Das Messgerät unter dem Rückspiegel zeigt 128 Grad Öltemperatur – dann 360,3 km/h. Es ist schnell (1000 Meter in 10 Sekunden), noch schneller vorbei und – erstaunlich unspektakulär. Zumindest im Rocket. Mir ist's recht so, ehrlich gesagt.

Autor: Ben Arnold

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