Hilfe für Afghanistan

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Hilfe für Afghanistan

— 22.12.2003

Die Straße der Hoffnung

Karawane nach Kabul: Mit einem Hilfstransport hat DaimlerChrysler die legendäre Seidenstraße wiederbelebt.

Neues Leben zwischen Ruinen

Die letzten Meter gehen fast kopfüber: "Combat landing" nennt sich das, was die alte und unter der Last ächzende Bundeswehr-Transall beim Anflug auf Kabul macht. Mit dieser steilen Landung endet ein 6000 Kilometer langes Abenteuer. Endlich ist Claws Tohsche (47) am Ziel: in Kabul.

Dort, wo der Krieg noch allgegenwärtig ist. Wo 1800 Bundeswehr-Soldaten in diesen Tagen das Weihnachtsfest feiern. Und wo durch die internationale Hilfe langsam wieder Hoffnung keimt. Als Claws Tohsche aus dem Flieger steigt, da sieht er freilich noch nichts von dieser Hoffnung. Da brennen sich dem Mercedes-Sprecher die zur Wirklichkeit gewordenen Kriegsbilder von Hieronymus Bosch, Picasso und Dalí ins Hirn.

Die in den Trümmern ihrer Häuser spielenden Kinder. Die Kriegsversehrten. Das Chaos. Das desaströse Ergebnis endloser Kämpfe. Doch der erste Eindruck täuscht: Zwischen den Ruinen beginnt neues Leben zu blühen. Zu diesem Zweck ist Claws Tohsche hier. Als Teil der Aufbauhilfe seines Unternehmens in Afghanistan wird er heute einen zur mobilen Werkstatt umgebauten Sprinter übergeben.

Seidenstraße – Straße der Hoffnung

24 Tage hat diese Reise bis Kabul gedauert, doch nur die letzten Kilometer innerhalb Afghanistans haben Tohsche und der Transporter (aus Sicherheitsgründen) mit der Transall zurückgelegt. Den restlichen Weg von Brüssel aus absolvierten sie auf dem Landweg. Über die Seidenstraße, die legendäre frühere Handelsverbindung zwischen Europa und Asien.

Der Sprinter ist Teil eines Hilfskonvois, mit dem DaimlerChrylser die in der Zwischenzeit verwilderte und vergessene Landverbindung wieder belebt: Mit 24 Fahrzeugen, davon 13 schwere Actros-Lkw, bringen die Schwaben 220 Tonnen Hilfsgüter des Technischen Hilfswerks (THW) über die Seidenstraße nach Kabul. Und machen die Route, die heute TRACECA heißt ("Transport Corridor Europe Caucasus Asia"), zur Straße der Hoffnung.

Was das Unternehmen in einem Land will, in dem es auf Jahre hinaus kein Geld verdienen kann, das erklärt DC-Boss Jürgen Schrempp so: "Ein Konzern kann auf Dauer nur Profite machen, wenn er sich zu seiner sozialen Verantwortung in der Welt bekennt." Das ist der Job von Matthias Kleinert, seit acht Jahren Generalbevollmächtigter und "Außenminister" der Stuttgarter Welt-AG. Kleinert ist Chef einer Truppe von 30 Spezialisten, die – bislang eher unbeachtet von der Öffentlichkeit – überall auf dem Globus tätig ist.

Moderne Zeiten auf traditionellen Wegen

Davon profitieren beispielsweise die Bewohner des brasilianischen Regenwalds, die als Kokosfaser-Hersteller für die Autositze von Mercedes-Limousinen ein Auskommen finden, ohne die grüne Lunge der Welt zu zerstören. Und Aids-Kranke im südlichen Afrika, die mit kostenlosen Medikamenten versorgt werden. Das hilft der schwedischen Königin Silvia bei der finanziellen Ausstattung ihres Kinderhilfswerks "Childhood Foundation". Den Fußballstars Klinsmann, Balakov und Soldo bei ihrem Engagement gegen Drogen und Kinderarmut. Und jetzt eben den Menschen in Afghanistan.

Nebenbei hat man sich bei Mercedes-Benz aber auch gedacht, dass so eine T(ort)our nach Kabul ein guter Praxistest für die Lkw wäre. Kleinerts Mannen haben schon vor Jahren begonnen, in Verhandlungen mit den Warlords und Regionalfürsten des wilden asiatischen Ostens mit der Seidenstraße einen Mythos wiederzubeleben, der seit Zeiten Alexanders des Großen und Tausende Jahre vor Marco Polo schon die Welt faszinierte. Die legendären Handelswege von Zimt, Ingwer, Moschus, Tee, Lackwaren und Fellen aus dem Land der Mitte und von Glas und Gold, Weihrauch, Bernstein und Sklaven von Rom nach China.

Die Route ist heute noch die gleiche: Europa, das Schwarze Meer, Georgien, Aserbaidschan, Kaspisches Meer, Turkmenistan, Usbekistan, mit dem (vorläufigen) Ziel Afghanistan. Nur die Ladung hat sich geändert: Die von Werksfahrern und Journalisten gesteuerten Actros bringen jetzt Wasseraufbereitungsanlagen, Generatoren, Material für Schulen und Krankenhäuser – und eben jenen Sprinter, mit dessen Hilfe uralte russische Busse wieder flottgemacht werden sollen.

Alle 40 Kilometer gibt es Kontrollen

Wer hier in Kabul einen Abstecher macht und die deutschen Soldaten im "Camp Warehouse" besucht, dem Hauptquartier der deutschen Schutztruppe in Afghanistan, der erkennt schnell, wie schwierig es für sie in Afghanistan sein muss: Nur ein Zehntel von ihnen verlässt das Lager ab und an für eine Streife durch die zerschossene Stadt. Alle anderen sind ausschließlich mit Auf- und Ausbau des Camps beschäftigt – und kennen vom Land kaum mehr als ihr Lager. Einzig der Bundeswehr-Sender "Radio Andernach" bietet da ein wenig Abwechslung.

Aber zurück zu Claws Tohsche. Der Konvoi-Chef ist die 6000 Kilometer lange Route über die Seidenstraße vorab schon einmal unbegleitet im G-Modell 270 CDI abgefahren. Und muss einen Moment nachdenken, wenn man ihn fragt, ob er das zur Nachahmung empfehlen kann. "Das geht schon", sagt er, "vorausgesetzt, man beachtet ein paar Dinge: Der Pkw darf nicht schwarz lackiert sein und wie ein Mafia-Auto aussehen. Niemals Bakschisch geben, das spricht sich rum. Keine Original-Ausweise herausrücken, sondern nur Kopien. Ein Satelliten-Handy für den Notfall und Dollar statt Euro dabeihaben. Bei Diesel-Fahrzeugen zuvor einen Wasserabscheider einbauen. Ab Turkmenistan auf Tankprobleme eingestellt sein. Und Zeit mitbringen, viel Zeit, denn alle 40 Kilometer gibt es Kontrollen. Und an den Grenzen wartet man manchmal Tage."

Ach ja: Wenn einem bei Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans eine schwarze S-Klasse, ein 600er, begegnen sollte: Sofort Platz machen und lächeln. Der gehört nämlich dem Vize-Verteidigungsminister Afghanistans, General Raschid Dostum. Wegen seiner Brutalität wird er nur "der Blutsäufer" genannt. Ist eben immer noch allgegenwärtig, dieser Krieg.

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