Hochgeschwindigkeitstest

Hochgeschwindigkeitstest

— 28.07.2004

Avanti, Avanti!

360 km/h. Das ist unglaublich schnell. Acht Tuner trafen sich in Nardo, um zu klren: Gibt es berhaupt Autos, die so schnell sind?

Hemmschuh beim Tempo sind die Reifen

Als die erste deutsche Eisenbahnstrecke Nrnberg-Frth 1835 in Betrieb genommen wurde, waren sich die Bedenkentrger einig: Eine konstante Geschwindigkeit von 40 km/h knne der Mensch auf Dauer unmglich aushalten. Schwerwiegende krperliche Schden seien bei diesem Hllentempo fast zwangsweise die Folge.

Das 21. Jahrhundert beweist, dass der Krper auch mit der zehnfachen Geschwindigkeit klarkommt. Der Transrapid fhrt bis zu 400 km/h. Die Magnetschwebebahn hat allerdings auch keine Rder und keine Reifen. Die sind nmlich meistens der Hemmschuh bei der Suche nach immer hheren Tempi. Alltagstaugliche Pneus machten bisher bei sptestens 330 km/h schlapp. Der neue Continental SportContact2 Vmax erlaubt 360 km/h.

Bevor wir smtliche Autobahnen um eine Express-Spur erweitern, sei jedoch gesagt, dass die Hersteller mit Conti nicht Schritt halten: Kein einziges (Groserien-)Auto schafft momentan 360 km/h. Aber es gibt ja die Tuner. Und die warten sehnschtig auf einen Reifen wie den Vmax. Wobei 360 km/h auch fr die Veredler kein Pappenstiel sind. Ab 300 km/h muss der Motor fr zehn km/h mehr Geschwindigkeit etwa 100 PS zustzlich aufbringen.

TechArt und 9ff wollen die 360 knacken

Auf dem Highspeed-Oval im sditalienischen Nardo gewhrt der Reifenhersteller acht Tunern freien Auslauf. Ein erlesenes Starterfeld hat sich eingefunden: Ordentlich in Reih und Glied aufgestellt, prsentieren sich acht Traumautos, deren Zusammentreffen an sich schon ein monumentales Ereignis darstellt. Am Abend vor dem entscheidenden Tag ben sich die meisten Tuner in Tiefstapelei: Alles ber 300 km/h sei ein Erfolg, heit es unisono.

Die leuchtenden Augen verraten uns jedoch: Sie hoffen auf mehr. Nur die Porsche-Tuner machen aus ihren Ambitionen, die Grenzen des Reifens auszuloten, keinen Hehl. Sowohl TechArt als auch 9ff wollen die 360 knacken. TechArt tritt mit seinem altbekannten GT Street S an, einem Porsche auf GT2-Basis. 9ff setzt auf Allradtechnik. Sein Umbau basiert auf dem Porsche Turbo. Beide versuchen sich am altbewhrten Tuning des Porsche-Doppelturbos.

Digi-Tec hingegen geht neue Wege. Die muss er auch einschlagen, schlielich hat er Groes vor: Der Tuner aus Datteln will den Rekord fr straenzugelassene Cabrios brechen. "365 km/h sollten mit unserem Auto mglich sein", hofft Chef Michael Pollmller. Sein offener Flitzer sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein normales 911-Cabrio. Unter der Haube steckt ein GT3-Motor. Dessen langes Drehzahlband ermglicht im sechsten Gang rein theoretisch 370 km/h. Praktisch reicht die Power der GT3-Maschine dafr aber bei weitem nicht aus. Deshalb hat Digi-Tec dem Motor zustzlich zwei Turbolader spendiert.

Nardo bietet traumhafte Bedingungen

Sonntag frh, vier Uhr: Am Rande der Rennstrecke herrscht rege Betriebsamkeit. Nur dieser eine Tag steht zur Verfgung. Vor allem die Mannschaft von LC Racing ist nervs. "Als wir das Auto gestern vom Hnger fahren wollten, riss der Keilriemen. Wir haben die ganze Nacht telefoniert, um einen neuen aufzutreiben. Hoffentlich kommt er rechtzeitig an", bangt Chef Peter Brecht. Digi-Tec hat ebenfalls mit Problemen zu kmpfen. Die Kupplung streikt. Pollmller kann den Defekt jedoch beheben.

Pnktlich zum Sonnenaufgang erfllt das Bollern hochgezchteter Motoren die Rennstrecke die Tuner erkunden die Strecke. Nardo bietet traumhafte Bedingungen. Das Hochgeschwindigkeits-Oval ist 12,6 Kilometer lang. Bis Tempo 250 ist die Strecke querkraftfrei, die Illusion, geradeaus zu fahren, nahezu perfekt. Erst darber muss der Pilot gegenlenken. Ab 320 rckt die uere Leitplanke immer nher. Jetzt muss der Fahrer maximale Konzentration aufbringen.

Bei den Mercedes-Tunern luft alles wie am Schnrchen. Keines der Autos macht Kummer. Die erreichten Endgeschwindigkeiten liegen eng zusammen: Brabus fhrt 315 km/h, Carlsson 316 km/h. Lorinser stagniert bei Tempo 306. Trotz prominentem Fahrer: Robert Schfer, altgedienter DaimlerChrysler-Testfahrer (zuletzt mit der Abstimmung des SLR beschftigt), lenkt den Boliden. Der Tuner hadert mit seinem Schicksal: "Conti hat nur 19-Zller im Programm. Wir bentigen fr unseren SL aber eigentlich 20 Zoll." Der geringere Abrollumfang kostet Geschwindigkeit.

Rekorde fallen nicht bei Sonnenschein

BMW-Tuner Hartge hlt tapfer mit. Sein M3 mit M5-Motor und Kompressor kommt ebenfalls auf 306 km/h. Die Porsche-Piloten indes werfen immer wieder einen Blick aufs Thermometer. Jedes zustzliche Grad Auentemperatur macht Geschwindigkeitsrekorde unwahrscheinlicher und die Sonne brennt von Stunde zu Stunde intensiver. Die modifizierten Biturbomotoren sind uerst sensibel. Wird es ihnen zu hei, knicken sie ein.

Jan Fatthauer von 9ff muss nach wenigen Runden einen auerplanmigen Boxenstopp einlegen. "Wir sind mit Tempo 310 ber eine Bodenwelle zwischen Kilometer drei und vier geschossen. Die hat das Auto so brutal ausgehebelt, dass es abgehoben ist. Beim Einfedern flog dann ein Schlauch vom Ladeluftkhler ab."

Auch Digi-Tec scheint vom Pech verfolgt. "Dem Motor mangelt es an Leistung. Aufgrund eines Lecks in der Kraftstoffleitung fehlt uns der ntige Benzindruck." Fr heute hat Michael Pollmller genug: "Aber wir kommen wieder."

Ein anderer Totgeglaubter taucht pltzlich, munter vor sich hin brabbelnd, wieder auf: Der Ferrari von LC Racing meldet sich zurck der neue Keilriemen ist doch noch eingetroffen. Mit 314 km/h knallt der Tuner denn auch ruck, zuck eine respektable Geschwindigkeit aufs Parkett. Der Spa whrt jedoch nicht lange: Ein Vertreter der internationalen Presse berfhrt einen winzigen Poller und reit dabei die Frontspoilerlippe ab.

372,2 km/h Ritt auf der Rasierklinge

Bei all dem Trubel geht TechArt fast unter. Der Tuner dreht unauffllig seine Runden, bleibt von Defekten verschont und wirft seine Nardo-Routine in die Waagschale. "Bei unserem letzten Vmax-Versuch stoppte uns die zu harte Abstimmung bei 334 km/h", erzhlt TechArt-Inhaber Thomas Behringer. Diesmal stimmt das Set-up: Der GT Street S fhrt 361 km/h. Der Sieg scheint sicher.

Aber nur nicht zu frh gefreut. Auf einmal rollt das 9ff-Auto wieder auf die Strecke. Fatthauer will es jetzt wissen. Er klemmt sich hinters Steuer, zieht mit entschlossener Miene den Helm ber. Minuten spter herrscht andchtiges Schweigen. Das GPS-Messgert zeigt 372,2 km/h an, gefahren wohlgemerkt mit einem unscheinbaren Porsche Turbo, den von auen nur die Felgen und ein anderer Heckflgel von der Serie unterscheiden.

Jan Fatthauer ist wunschlos glcklich: "Die Power hat gestimmt. Trotzdem hatte die Fahrt hnlichkeit mit einem Ritt auf der Rasierklinge. Durch die hohen Auentemperaturen ist der Motor thermisch an seine Grenzen gestoen. Die Maschine stand stndig kurz davor, Leistungsabfall zu haben. Zudem hat das Auto bei jeder Unebenheit auf der Piste heftig versetzt." Die Pneus steckten Fatthauers Extremfahrt brigens problemlos weg.

Das Schlusswort gebhrt natrlich dem Sieger der sich mit dem Erreichten keineswegs zufrieden gibt: "Wir arbeiten an der nchsten Leistungsstufe. Continental darf das Limit ruhig weiter in die Hhe schrauben wir sind vorbereitet." Alles klar: Sollten Sie mal im Transrapid unterwegs sein und ein Auto zieht drauen an Ihnen vorbei, wissen Sie jetzt, aus welchem Stall es kommen knnte und welche Reifen mglicherweise darunter stecken.

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