Tracktest Hyundai i30 N TCR

Hyundai i30 N TCR: Tracktest

Der Babyblaue für die Grüne Hölle

Der Hyundai i30 N TCR soll auf der Rundstrecke und beim 24h-Rennen Können und Zuverlässigkeit zeigen. AUTO BILD ist mittendrin statt nur dabei.
Cervesina, Italien, Circuito Tazio Nuvolari. Ein blauer Wagen steht aufgebockt in einer Box. Daneben wuseln Italiener. Andiamo dort, allora hier, mittendrin ein drahtiger Typ; auf dessen Rennanzug steht: Gabriele Tarquini. Wow, der Tarquini? Ja, der frühere Formel-1-Pilot und Tourenwagen-Weltmeister (2009) ist es höchstpersönlich. Was macht der denn hier? Gabriele steht seit zwei Jahren in den Diensten von Hyundai und soll den neuen i30 rennstreckentauglich machen. Hier in Cervesina finden letzte Abstimmungsarbeiten für die Debütsaison 2018 statt. Und wir dürfen mitmachen. Schließlich wollen wir mit dem TCR-Auto das diesjährige 24h-Rennen auf dem Nürburgring bestreiten.

In der WTRC soll der Hyudai-Renner für Furore sorgen

Mehr Kraft und mehr Aerodynamik: Aus der guten Basis macht Hyundai ein 350 PS starkes Sportgerät.

Kurz vor dem Einstieg wollen wir aber noch diejenigen aufklären, in deren Augen Hyundai nur ein koreanischer Autohersteller ist. Denn seit ein paar Jahren geben die Asiaten mächtig Vollgas. In der Rallye-WM ist Hyundai längst reif für den Titel, der i20 WRC ein Siegkandidat. Auf der Straße hat man gerade den i30 N auf die GTI-Meute losgelassen. Doch die Koreaner wollen sich nicht ausruhen und nun auch auf der Rundstrecke den Ton angeben. Dafür steigen sie ein in die WTCR, die neue Tourenwagen-Weltmeisterschaft. Tarquini ist einer der Fahrer. Und weil ein WM-Rennen auch auf der Nordschleife gefahren wird, passt das Rendezvous mit dem Italiener perfekt. Erfahrungsaustausch in und am Auto quasi. Als Basis verwendet Hyundais Motorsportabteilung den neuen i30 N. Der bis zu 275 PS starke Kompakte passt wegen seiner viertürigen Karosse und Frontantrieb perfekt ins TCR-Reglement. Serien- und Rennwagen unterscheiden sich hauptsächlich bei Aerodynamik, Motor und Getriebe. Erlaubt sind eine breitere Spur samt bulliger Karosserie, XXL-Heckflügel, ein sequenzielles Renngetriebe und ein leicht modifizierter Zweiliter-Turbomotor.

Durch Weglassen spart der i30 reichlich Gewicht ein

Ausgeräumt: Im absolut komfortbefreiten Rennauto erinnert nichts mehr an den zivilen Hyundai i30 N.

Da es doch Unterschiede zwischen den vielen Marken gibt, regelt eine BoP (Balance of Performance), die die Autos auf einen gleichen oder zumindest ähnlichen Leistungslevel bringt. Alle Autos müssen mindestens 1250 Kilo wiegen, sind also über 200 Kilo leichter als das Serienauto. Kein Wunder, dass im Cockpit nichts mehr an einen i30 N aus dem Autohaus erinnert. Kein Komfort mit Leder und Teppich, dafür nacktes Blech, Carbon und ein ziemlich wild gestrickter Überrollkäfig. Auch Navi und Klimaanlage sind verschwunden, dafür ist unten neben der Fahrersitzschale ein Schalterpult mit Tasten für Wischer, Licht und Feuerlöscher. Das Lenkrad ist vollgepflastert mit Drehreglern für Fahrprogramme, den "N"-Power- Button vom Serienauto gibt es nicht. Braucht es auch nicht, der TCR-i30 hat genug Dampf unter der Haube. Geänderte Elektronik und größerer Turbo kitzeln 350 PS raus. Die Ampeln auf der Rennstrecke Tazio Nuvolari stehen auf Grün, der Vierzylinder wurde gezündet, herrlich wie der Renner schon aufgebockt vor sich hin sprotzelt und blubbert.

Ein Artikel aus AUTO BILD SPORTSCARS

Neue Hankook-Regenreifen sind in Heizdecken gepackt und werden gerade montiert. Bevor ich einsteige, kommt Tarquini: "Eigentlich fährt er sich wie ein normaler Hyundai i30 N, nur eben ein bisschen schneller. Fahr die Bremsen warm, dann bekommen die Reifen auch Temperatur, dann Vollgas." Der Scheibenwischer ist an, typisches Eifelwetter, perfekte Vorbereitung auf das 24h-Rennen. Per Schaltwippe am Lenkrad den ersten Gang rein, Kupplung zart kommen lassen, ab geht's.

Auch bei Regen fährt sich der Koreaner annähernd schlupffrei

Das Fahrwerk erlaubt im Verbund mit Heckflügel und breiter Spur hohe Kurvengeschwindigkeiten.

Unter Halbgas fühlt sich der Hyundai wie das 75 PS schwächere Straßenauto an, ist nur um ein Vielfaches lauter. Unglaublich, wie der Korea-Racer nach vorne schiebt, der Straßen-i30 gibt sich da harmloser. Anbremsen, runterschalten, es bollert im Abgasstrang, unterm Helm breitestes Grinsen. Alles ist prima, der 128.000 Euro teure Renner liegt im grünen Bereich, jetzt die Schaltdrehzahlen erhöhen und das sequenzielle Getriebe härter rannehmen. Der Vierzylinder-Turbo dreht bis 6800 Touren, die Schaltanzeigen ermahnen hellrot zum Gangwechsel. Die Sechskolbenbremse lässt sich mit dem linken Fuß fein dosieren – und das ohne Bremskraftverstärker! Normalerweise ist bei der WTCR und den anderen TCR-Rennserien kein ABS erlaubt, für die Langstreckenrennen wie das 24h-Rennen am Nürburgring schon. Und hier beim Tracktest funktioniert das Regelsystem perfekt. Aus Spitzkehren zieht sich der TCR-i30 mit seiner Differenzialsperre selbst bei diesem Wetter fast schlupffrei heraus. Das kann das Serienauto ähnlich gut, nur beim Speed in den Kurven muss er den Racer wieder ziehen lassen. Dessen breitere Spur und die ausgeklügelte Aerodynamik pressen den Viertürer auf den Asphalt. Witzig: Je schneller man fährt, desto sicherer geht es durch die Kurven.
Alles untermalt von Motorsound, der rein gar nichts mit einem normalen Hyundai zu tun hat. Vorne geht es ziemlich rau zu, am Heck knallt der Auspuff, das Differenzial singt sein eigenes Lied. Drei Runden später schäle ich mich aus dem Cockpit. Mit breitem Grinsen kommt Tarquini: "Nicht schlecht für einen Journalisten. Trotzdem fehlen dir zwei Sekunden auf meine Zeit." Tja, der Weltmeister und der Hyundai i30 TCR haben eben beide was drauf.

Fahrzeugdaten Hyundai i30 N TCR
Motorbauart R4-Turbo
Einbaulage vorn quer
Hubraum 1998 cm³
kW (PS) bei 1/min 257 (350)/6200
Literleistung 175 PS/l
Nm bei 1/min 420/2500
Getriebe 6-Gang sequenziell
Antriebsart Vorderrad
Reifengröße vorn 27/65 R 18
Reifengröße hinten 27/65 R 18
Länge/Breite/Höhe 4450/2650/1950 mm
Leergewicht 1285 kg
Leistungsgewicht 3,7 kg/PS
0-100 km/h ca. 5,1 s
Vmax ca. 250 km/h
Preis 128.000 Euro

Guido Naumann

Fazit

Dieser Hyundai ist ein echter Knaller! Unglaublich, wie der Koreaner mit "nur" 350 PS anschiebt. Der Kurvenspeed ist heftig, vom Straßenauto weit entfernt. Und dieser Sound – Gänsehaut pur. Dass selbst Amateure wie ich schnell mit dem Auto warm werden, ist ein Indiz für die perfekte Abstimmung durch einen Könner wie Gabriele Tarquini. Der babyblaue i30 N TCR ist also bestens gerüstet, das 24h-Rennen kann kommen.

Stichworte:

Rennwagen

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