Im Karma Kab durch London

Karma Kab Karma Kab

Im Karma Kab durch London

— 27.02.2002

Taxitrip mit Seelenstrip

Ein neuer Mensch werden. In einer Stunde. Durch bloßes Rumsitzen und Mitfahren im Taxi des "Karma-Therapeuten". Klappt das?

Noch zehn Meter und ich kotze. Aus dem Radio plärrt indische Gebetsmusik. Die pinkfarbenen Pailletten der Schonbezüge machen blind. Qualm und Geruch der Räucherstäbchen lassen meinen Magen tanzen. Wenn Tobias wirklich, wie versprochen, einen neuen Menschen aus mir macht, dann vermutlich einen Mörder. Oder einen Fußgänger. Will ich das? Wir sind in London, auf dem Weg nach Notting Hill. Pop-Diva Madonna hat hier jüngst ein Haus gekauft. Zwei Straßen weiter residiert mein Chauffeur, "To-Bei-Äss". Auf einer öffentlichen Parkbank, hölzern und sehr breit, mit einer Rückenlehne bis zu den Ohren. "Mein Office", sagt er grinsend, als wir da sind. "Kaffee?" Mit wehendem Schal verschwindet der füllige Mittfünfziger in "Tom's Deli", dem Café auf der Rückseite des Büros.

Nett hat er es hier: rechts ein Blumenladen, links Antiquitätenhändler. Nur die Lieferwagen, die regelmäßig über den Flur donnern, stören ein wenig. Aber nun, die eigentliche Behandlung findet ja woanders statt. Im Ambassador. Drei dieser indischen Morris-Oxford-Nachbauten hat der schräge Vogel zu höheren Weihen verholfen: Er überführte die darbenden Drittwagen aus den Garagen kolonial denkender Briten ins Nirwana des Londoner Stadtverkehrs. Nun sind sie "Karma Kabs". Fahrende Schreine von Heathers Gnaden. Oder, banal betrachtet, quietschbunte, rappelnde Taxis.

Couch mit vier Rädern

Nix für Eilige: Die Karma Kabs kommen nur auf Bestellung. Und nur, wenn die Fahrgäste die richtige Grundeinstellung mitbringen.

Normalerweise heißen die hier "Cabs". Aber "Karma Cabs" sieht nicht aus, befand Heather Allen, Tobias Lebensgefährtin, Stilberaterin und persönliche Autodesignerin. Also Kabs. Indische, nicht etwa die urigen britischen, denn um die Mysterien des Subkontinents dreht sich alles beim Taxitrip mit Seelenstrip. "Hunger?" Der selbst ernannte Karma-Therapeut ist zurück, mit Gebäck-Tablett und Milchkaffee. "Hi, Darling", grüßt er eine vorbeiflanierende Brünette. Sie lacht, Tobias lacht, sogar der farbige Ticket-Scherge lacht, der kritisch auf die Parkuhr lugt, vor der "Shiish Mahal" parkt, das auffälligste der drei Karma Kabs.

Blumenranken an den Stoßstangen, den Innenseiten der Türen, der Hutablage, dem Ganghebel. Auf dem Armaturenbrett kleben Plastikminiaturen von Ganesh und Shiva. Indische Götter, die sich vermutlich nie haben träumen lassen, Touristen wie mich, Filmstars wie John Malkovich und Popbarden wie Jason Donovan zu begleiten auf ihrem Weg zum neuen Ego. 50 Pfund kostet der Spaß, umgerechnet 163 Mark. Dauer der Selbstfindung: eine Stunde. Herkömmliche Seelenklempner würden vermutlich 27 bis 40 Sitzungen veranschlagen. Und ein kleines Vermögen verlangen. Aber die fahren ja auch keine Kabs.

Der Geist von Goa schwebt durchs Kab

"Wollen wir weiter?" Müssen wir wohl: Die Couch hat vier Räder. Also wieder rein in die Räucherbude, der Parkschein ist eh abgelaufen. Auch die Duftstängel aus Kalkutta haben während der kleinen Rast aufgegeben. Die Leuchtdiodenheiligenscheine der indischen Götter tanzen unbeirrt weiter. Heiter im Kreis. Über mir baumelt ein Glasperlenvorhang. Der passt hervorragend zu Tobis ganzem Stolz - dem Fahrzeughimmel, über und über bedeckt mit kleinen Spiegel-Mosaiken. "Pierre Mesquish, ein Franzose, hat sie entworfen, Heather angeklebt. Danach war sie eine Woche high." Die Dämpfe.

Seit Mitte 1999 sind die fahrenden Tempel in London unterwegs. Auf Bestellung. "Wir sind kein Taxi-Unternehmen im herkömmlichen Sinne. Weder kannst du uns auf der Straße stoppen, noch sind wir in zehn Minuten da, wenn man uns anruft. Wer uns bucht, hat es nicht eilig", klärt Master Moss auf. Der Weg ist wichtiger als das Ankommen, so das Credo von Tobias und seinen Mitstreitern - Jessie, "Karma-Fotograf", und Sascha, "Karma-Maler". Bei ihrer Fahrweise gewinnt diese Weisheit eine völlig neue Bedeutung. Egal ob man im Shiish Mahal (Palast der Spiegel), im Maharaj (Hochzeits-Palast, komplett mit Brokat ausgeschlagen) oder im Kama Sutra (Liebestempel mit Leopardenfell) Platz nimmt: Karma-Kab-Fahrer fürchten weder Busse noch rote Ampeln. "Solides Blech. Und schneller als 50 fährt in London eh keiner." Der Verkehr.

Kein Platz für Gestresste und Hektiker

Betagte Exoten: "Shiish Mahal" (links) und "Maharaj" in Notting Hill.

Den zu meistern ist für Sascha, den 42-jährigen Belgrader im Team, Erlebnis und Botschaft zugleich: "Ich bewege mich durch die Stadt, ohne den Boden zu berühren. Eine fantastische Erfahrung." Ursache und Wirkung - die Karma-Lehre ergreift offensichtlich jeden, der einsteigt. "Was immer du tust, kommt zu dir zurück", lehrt Tobias. Mitte der Sechziger machte er diese Erfahrung zum ersten Mal - als Touri in Indien. "Ich ging als Hippie hin und kam als Hippie zurück, sechs Jahre später. Heute bin ich immer noch einer." Jo.

Musik, Düfte, Stimmung, Klamotten - der Geist von Goa und Kalkutta weht durch die Isuzu-Motor-getriebenen Wägelchen. "Ich liebe diese Autos, sie sind mein Zuhause. Darum suche ich mir die Leute sehr gut aus, die ich darin empfange." Gestresste und Hektiker scheiden aus. "Hat keinen Sinn, das höre ich schon beim Anruf." Wie bei Geschäftsleuten. "Die sind immer unterwegs, aber nie auf dem Weg zu sich selbst." Ganz anders Tobias. "Ich bin mit mir im Reinen", sagt er und grinst unter seinem bunten Hütchen. Ich bin es jetzt auch. In einer Stunde geht mein Flieger.

Autor: Ralf Bielefeldt

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