Im VW T5 California Beach vom Nordkap nach Kapstadt — 27.01.2009
Ein Herz für Afrika
Auf seinen aufsehenerregenden Expeditionen gegen HIV/Aids verlangt Extremsportler Joachim Franz Höchstleistung von Mensch und Maschine. AUTO BILD ALLRAD war bei der Härtetour durch den afrikanischen Kontinent dabei.
Der Trans East African Highway ist mörderisch
24 Stunden später wundern sich die Rinderhirten in den Bergen: Gleich zwei unserer VW-Busse holpern den höchsten Pass Südafrikas hinauf. Die Motoren knurren wütend. Dämpfer schlagen trocken durch, die Federn knarzen gequält. Die Inneneinrichtung ächzt und stöhnt. Je höher die Wagen sich wühlen, desto steiniger wird der Weg, am Ende besteht er nur noch aus einem grob aus dem Fels geschlagenen Kletterpfad. Doch dann sind sie oben, parken vor dem Schild, direkt an der Grenze zwischen Südafrika und Lesotho: "Sani-Pass, 2865 Meter" steht darauf. Zugegeben: Diese T5 sind keine Bullis von der Stange. Es handelt es sich um eine spezielle Variante des California Beach 4motion: Der Aufbau entspricht dem des normalen Campers, doch unten drunter hat Umrüster Seikel das Fahrwerk modifiziert: Höherlegungsfedern und -dämpfer, Unterfahrschutz, seitliche Schutzrohre und 16-Zoll-Räder mit grobstolligen All-Terrain-Reifen sind montiert. Dazu kommen der serienmäßige 4motion-Allradantrieb und der 130 PS starke 2,5-Liter-TDI.Die im Gelände eher hinderlichen elektronisch gesteuerten Zügel des ESP lassen sich per Knopfdruck ablegen, bei Bedarf kann noch das Hinterachsdifferenzial gesperrt werden. Das muss genügen. Es genügt. Nicht nur am Sani-Pass. Der Trans East African Highway beschert nur selten das Glück einer intakten Asphaltdecke. Meist zieht er sich als holpriges Band aus rissigem Teer durch Äthiopien, Kenia, Tansania, Malawi und Teile Mosambiks bis nach Südafrika. Oft genug ist die Fahrbahn geborsten, die Ränder zerfleddern im roten Sand, als nage der Busch an ihnen. Dann wieder ist sie mit Schlaglöchern übersät wie der Mond mit Kratern. Ihr Befahren erfordert höchste Konzentration, ein gewisses Talent im Slalomfahren – und Zeit. Mitunter sind die Einschläge derart dicht gesät, dass ein Ausweichen unmöglich wird. Dann geht es nur noch mit 20, 30 km/h weiter, nicht einmal die ansonsten ziemlich abgebrühten einheimischen Kamikazefahrer kommen schneller voran.
Es gibt aber auch Strecken, die bestehen einfach nur aus grobem Schotter, tiefem Sand und hartem Fels. Dazwischen gähnende Löcher, scharfkantige Gesteinsbrocken, heimtückische Wellen, Wasserdurchfahrten. Und immer wieder diese Waschbrettpisten. Die Autos beben, bocken, stoßen, springen. Stecken unendlich viele Schläge ein. Lange Staubfahnen zeichnen ihren Kurs in die buschbestandene Landschaft. Eine mörderische Strecke für jedes Fahrzeug. Eine unmögliche Strecke für einen bis zur Halskrause vollgeladenen VW-Bus, der mit seinen dreieinhalb Tonnen auch noch ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringt? Tatsächlich bleiben nur einmal zwei der fünf Autos liegen. Schuld daran ist die Unaufmerksamkeit der Piloten: Sie fahren in der Marsabit-Wüste auf dem Weg nach Äthiopien viel zu dicht auf, lassen sich im Zwielicht eines frühen afrikanischen Morgens im Staubstrahl des Vordermanns mitziehen – und sehen so viel zu spät, was auf sie zukommt. Ein knietiefer Krater – das Vorderrad fliegt noch darüber hinweg, doch das Hinterrad rauscht hinein und bekommt die Gewalt des Schlages in voller Stärke zu spüren. Ergebnis: An jedem der beiden Fahrzeuge ein abgerissener Stoßdämpfer.
Das Leben Ostafrikas spielt sich an der Straße ab
Ein Schicksal, das hier viele trifft: Reisende bleiben mit zerfetzten Dämpfern ebenso liegen wie Einheimische. Letzteren wiederum ist durchaus zuzutrauen, dass sie auch ohne weiterfahren. Sie bewegen ihre Autos, meist Produkte der Marke Toyota, so lange, bis gar nichts mehr geht (wer übrigens an die Mär glaubt, dass 90 Prozent aller jemals gebauten Land Rover noch heute laufen, der findet die anderen 10 Prozent hier). Was hier unterwegs ist, dürfte deutsche TÜV-Gutachter um die letzten Haare bringen. Fehlende Beleuchtung, geborstenes Blech, verbogene Achsen – so lange der Rest rollt, wird gefahren. Und wenn das Gefährt endgültig den Geist aufgibt, parkt man es am Straßenrand, wo es dann über die Jahre und Jahrzehnte verrottet. Dort besorgen Wind und Wetter das Zerstörungswerk, das Straße und Fahrweise der Verkehrsteilnehmer nicht geschafft haben: Oft tragen völlig übermüdete Lkw-Kapitäne zum Unfallgeschehen bei, immer wieder gehen Fahrer im Vollrausch auf die Piste.Doch auch das Leben Ostafrikas spielt sich an der Straße ab. Vielleicht ist sie auch deshalb meist in desolatem Zustand: Je langsamer man fahren muss, umso mehr Zeit bleibt für das Studieren des Angebots am Straßenrand. Die Ortsdurchfahrten gleichen Jahrmärkten. Von Bananen, Mangos, Kartoffeln und Zwiebeln über runderneuertes Schuhwerk und ausladendes Mobiliar bis hin zu billigem Plastiktand ist hier alles zu haben. Sogar Särge sind im Angebot, und natürlich dürfen auch handgeschnitzte Masken, Figuren und Perlenketten nicht fehlen. Es gibt Eier zu kaufen, Nüsse, in der Sonne brütenden Fisch und streng riechendes Fleisch. Wie diese Art des Wirtschaftens funktioniert, wird Europäern auf ewig ein Rätsel bleiben. Angesichts der herrschenden Armut fragt man sich, wer all das kauft, was dort im Staub des Straßenrands feilgeboten wird. Die Armut fern der Touristenzentren ist greifbar. Man erkennt sie auf den ersten Blick an den Brunnen: Dort wo das kostbare Nass aus tiefen Schächten geholt wird, gibt es kein fließend Wasser in den Häusern.
Bei jedem Stopp sind wir von Menschen umringt
In solchen ländlichen Regionen befinden sich die für Ostafrika so typischen Rundhütten oft in desolatem Zustand: Der Verputz aus Lehm bröckelt, die Strohdächer lecken, in die althergebrachte Dorfstruktur mischen sich viereckige Bretterbuden, verstärkt mit verrostetem Wellblech, geflickt mit Pappkartons – Behausungen, wie man sie ansonsten aus den Ghettos rund um Großstädte wie Nairobi, Dar Es Salam und Kapstadt kennt. Auch der Kontakt zur Bevölkerung entsteht am einfachsten längs der Straße. Eine Gegend kann noch so abgelegen sein, noch so einsam wirken: Vor allen Dingen im Buschland Kenias und Tansanias dauert es nach dem Anhalten keine zehn Minuten, bis zehn, fünfzehn Einheimische unsere Autos umringen. Die Art der Begegnung variiert: Die halbnomadisierenden Massai beispielsweise, gekleidet in ihre typischen Umhänge und noch immer bewaffnet mit Langdolch, Stöcken und Speeren, sind zu stolz, um sich wirklich mit Fremden einzulassen. Was nicht heißt, dass sie sich zu schade wären, einen Obulus zu verlangen, etwa dort, wo man auf ihrem Stammesland genächtigt hat – im Grunde ein fairer Handel. Andernorts haben die Menschen unversehens die komplette Kollektion an Batikbildern, Halsbändern und Armreifen zur Hand, alles in "very good quality" und selbstverständlich "very cheap".Die Bewohner des Landesinneren in Mosambik und der Zulu-Dörfer im nördlichen Südafrika wiederum haben kaum etwas anzubieten – sie bitten meist höflich, beinahe scheu um eine Zigarette oder einen Dollar; auch bettelnde Kinder gibt es fast nur hier. Ansonsten sind es tatsächlich vor allen Dingen die Kinder, die offenherzig, aus purer Neugierde den Kontakt suchen. Im Zeitalter der Digitalfotografie kann man ihnen kaum eine größere Freude bereiten, als ihnen das eigene Porträt auf dem Bildschirm vor die Nase zu halten. Dann leben sie erst richtig auf, es wird posiert und herumgealbert, geschubst und geschoben. Fotografen riskieren dabei allerdings, in einer Traube aus schwarzen Köpfen unterzugehen. 20.000 Kilometer legt unser Konvoi im Kampf gegen Aids zurück, den größten Teil davon in Ostafrika. Bis auf die beiden Stoßdämpfer stehen alle Fahrzeuge das Inferno aus Staub und Schmutz, aus Rütteln und Schütteln ohne Schaden durch, tragen ihre Botschaft durch den Schwarzen Kontinent: Die Aids-Zahlen dürfen nicht mehr steigen.

































