F1-Interview: Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali

Interview: Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali

— 17.07.2009

Vier Fahrer für 2010

Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali spricht im Interview über die Fahrerplanung 2010, sein Interesse an Sebastian Vettel, Michael Schumachers Beratervertrag und die Rückkehr an die Formel 1-Spitze.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Domenicali, wenn ich Ihnen zu Beginn des Jahres gesagt hätte, Brawn und Red Bull kämpfen um die Meisterschaft. Und Sie nicht. Hätten Sie mir geglaubt? Stefano Dominicali: Damit hätte ich mich sicher schwer getan. Denn das konnte sich keiner vorstellen. Aber wer Ross Brawn kennt – und das tue ich als ehemaliger Kollege ja ganz gut – hat ihm diese Leistung sicher zugetraut. Und wenn Sie mich heute fragen, ist mir auch ziemlich klar, warum die Situation so ist. Realistisch gesehen haben wir einfach schlechter gearbeitet und die anderen besser.
Aber warum passiert einem Team wie Ferrari so etwas? Das soll jetzt keine Entschuldigung sein, aber je früher ein Team mit der Konstruktion des neuen Autos begonnen hat, desto weiter vorne fährt es im Moment. Und wenn man nur die Teams miteinander vergleicht, die bis zum Schluss um den Titel gekämpft und sich deshalb auf die Weiterentwicklung des 2008er-Autos konzentriert haben (Ferrari, McLaren Mercedes und BMW; d. Red.), sind wir da immer noch die Nummer eins.
Dennoch haben Sie die neuen Regeln nicht gut genug umgesetzt. Was auch daran lag, dass wir das Auto konsequent um das KER-System herum designt haben. Schaut man auf den WM-Stand, hat sich KERS aber nicht gerade als das Werkzeug herausgestellt, mit dem man das Auto schneller macht. Das haben wir im Winter falsch eingeschätzt. Und natürlich hat uns die Situation mit dem Doppeldiffusor auch nicht gerade geholfen. Daraus müssen wir lernen und es nächstes Jahr wieder besser machen.

Zu sehr auf KERS konzentriert

Im Winter auf das falsche Pferd gesetzt: Ferrari hat das Auto komplett um das KER-System entwickelt.

Red Bull hatte zu Beginn der Saison aber auch keinen Doppeldiffusor, trotzdem waren sie gleich die Nummer zwei.
Warum hat das bei Ferrari nicht funktioniert? Sie haben eben eine super Arbeit geleistet. Und im Gegensatz zu ihnen haben wir uns zu sehr auf KERS konzentriert.
Aber in den Wintertests schien Ihr Auto sehr stark zu sein? Ja, es gibt einige Dinge in diesem Jahr, die auch für uns noch ein Rätsel darstellen. Abgesehen vom Brawn, der uns alle geschockt hat, waren wir tatsächlich dichter dran an der Spitze. Und wir verstehen immer noch nicht ganz, warum sich die Performance des Autos sogar innerhalb eines Wochenendes durch eine minimale Temperaturschwankung so stark verändern kann. Mal sind wir extrem konkurrenzfähig, am nächsten Tag wieder im Nirgendwo. Das Konzept des Autos und die Reifennutzung sind für uns immer noch schwer einzuschätzen. Damit wir 2010 wieder konkurrenzfähig sind, müssen wir dieses Problem verstehen.
Warum dauert das so lange? Weil unsere Simulationen noch nicht effektiv genug sind. Wir leiden noch zu sehr unter dem Testverbot, denn gerade wir haben früher extrem viele Kilometer getestet und waren darin sehr gut. Im Bereich der Simulationen müssen wir dagegen noch viel lernen.
Dazu hat Ihr Team auch viele Fehler gemacht. Die Rede war von der italienischen Spaghetti-Kultur, die wieder Einzug hält. Zugegeben haben wir die Situation im Mittelfeld manchmal falsch eingeschätzt. Zum Beispiel, als wir mit Felipe Massa in Malaysia und Kimi Räikkönen  in Barcelona in Q3 hängen geblieben sind. Und als wir bei Kimi in Malaysia zu früh auf Regenreifen gesetzt haben, hätten wir auch die Helden sein können. In diesem Fall waren wir die Nullen. Aber so ein Risiko gehst du nur ein, wenn du eh nichts zu verlieren hast. Wir mussten erst lernen, im Mittelfeld zu fahren.

Der Dritte Platz in der Konstrukteurswertung ist das Ziel

Verfolger: Williams und Toyota wollen Ferrari den dritten Rang in der Konstrukteurswertung streitig machen.

Dennoch sind Sie das einzige Top-Team aus 2008, das wieder zurückgefunden hat an die Spitze. Wie haben Sie das geschafft?
Nicht hektisch zu reagieren und einen nach dem anderen auszutauschen. Das wäre falsch. Man muss cool bleiben, bei all dem Druck, der besonders auf einem Team wie Ferrari lastet, nicht den Kopf zu verlieren und entsprechend zu reagieren. So haben wir Schritt für Schritt auch das Auto verbessert. Die Chaos-Tage sind vorbei.
Wo stehen Sie jetzt? Uns fehlt immer noch Abtrieb. Deshalb haben wir auch immer noch Probleme die Reifen aufzuwärmen. Ein Teufelskreis. Wir haben schon einen guten Schritt nach vorn gemacht. Jetzt müssen wir aber sehen, ob wir uns nicht langsam auf 2010 konzentrieren sollten. Denn mit dem Tankverbot wird sich das Auto schon wieder grundlegend ändern. Und diesmal wollen wir den Anschluss nicht verpassen.
Können Sie denn dieses Jahr noch gewinnen? Das werden wir bis zum Ende versuchen. Es können so viele unvorhergesehene Dinge passieren. Dann müssen wir zur Stelle sein. Realistisch gesehen peilen wir aber den dritten Platz bei den Konstrukteuren an. Mehr ist nicht drin. Und selbst das ist nicht einfach, weil Williams und Toyota dicht an uns dran sind.

Alonso ist einer der Besten

Ihre Fahrer sind es gewohnt zu siegen. Wie gehen die mit der Situation um? Natürlich waren sie frustriert. Ein guter Fahrer muss aber auch in so einer Situation gut reagieren. Wenn du ein gutes Auto hast, ist es immer leicht. Felipe und Kimi haben eine unterschiedliche Herangehensweise. Der eine fügt sich mehr in das Team ein, der andere ist etwas reservierter. Ich würde aber sagen, dass beide so gut reagiert haben, wie sie konnten.
Wie gehen Sie damit um, dass Sie für nächstes Jahr derzeit drei Fahrer haben? Ach, glaubt man den Medien, sind es sogar mehr als drei (Massa, Räikkönen, Alonso und Kubica). Allerdings haben wir nur zwei Autos. In einer Alternativserie mit drei Fahrzeugen pro Team würde das sicher klappen. Nein, im Ernst: Ich möchte das nicht kommentieren. Schon vor zwei Jahren hatten wir jede Woche eine andere Fahrerpaarung. Jetzt darüber zu sprechen ist nicht gut, um die Situation im Team, mit den Fahrern und Sponsoren zu stabilisieren.
Fernando Alonso hat aber zuletzt sehr gut über Ferrari gesprochen. Was können Sie Positives über ihn sagen? Ich habe immer gesagt, dass er ein toller Fahrer ist, einer der besten in der Welt. Da habe ich meine Meinung überhaupt nicht geändert.
Auch Sebastian Vettel wird immer wieder mit Ferrari in Verbindung gebracht. Was halten Sie von ihm? Sehr viel. Ich mag ihn sehr, weil er einen sehr positiven Charakter hat und sehr unabhängig ist. Für sein Alter ist er sowohl in technischer als auch mentaler Hinsicht extrem weit.
Würden Sie Ihn eines Tages gerne im Ferrari sehen? Sag niemals nie.
Haben Sie auch mit Michael Schumacher über ihn gesprochen? Ja. Und ich weiß, dass auch Michael sehr viel von ihm hält. Er hat keine Zweifel, wie gut Sebastian ist.

Der Streit begann mit der FOTA-Gründung

Teil der Ferrari-Familie: Michael Schumacher ist extrem wichtig für die Italiener.

Wie wichtig ist Michael Schumacher noch für Ferrari?
Im Bereich der Serienautos ist er extrem in die Entwicklung neuer Modelle involviert. Und auch uns hilft er, die Situation zu verbessern.
Sein Beratervertrag läuft Ende des Jahres aus. Haben Sie schon über eine Verlängerung gesprochen? Noch nicht. Das werden wir nach dem Sommer tun. Sicher bedeutet Michael viel für Ferraris F1-Geschichte. Es gibt aber noch keine Tendenz.
Die Formel 1 befindet sich weiter im Krieg. Wo bleibt die gute Beziehung zwischen Ferrari und der FIA auf der Strecke? Der Streit mit der FIA und auch dem Vermarkter begann, als wir im vergangenen Jahr die FOTA gegründet haben. Die FIA hat nicht erkannt, dass wir damit die Formel 1 verbessern wollten. Im Gegenteil: Sie interpretierte es als Angriff. Seitdem nahm das Unglück seinen Lauf.  All das ist überhaupt nicht gut für die Formel 1. Wir haben schon viel zu viel Schaden angerichtet. Die Glaubwürdigkeit des Sports hat extrem gelitten. Aber die Frage warum wir uns in dieser Situation befinden, kann ich selbst nicht mehr beantworten. Jetzt müssen wir nur noch so schnell wie möglich aus dieser vertrackten Situation herauskommen. So können wir es jedefalls nicht länger akzeptieren.
Ex-Ferrari-Teamchef Jean Todt gilt als einer der Kandidaten auf das Amt des FIA-Präsidenten. Was halten Sie davon? Jean Todt war mein Boss und ich weiß, dass er in Sachen Formel 1 sehr gut ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Autor: Bianca Garloff

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