Interview Marcus Grönholm

Interview Marcus Grönholm Interview Marcus Grönholm

Interview Marcus Grönholm

— 02.03.2005

"Ich bin verdammt gut"

Endzeitstimmung in der Rallye-WM bei Peugeot und Citroën. Die Franzosen steigen aus. Doch Marcus Grönholm kämpft um den WM-Titel.

Man macht Fehler, wenn man am Limit fährt

AUTO BILD MOTORSPORT: Mit 37 Jahren sind Sie jetzt einer der ältesten Fahrer in der Rallye-WM ... Marcus Grönholm: Erzähl’ das bloß keinem.

Wird Ihnen der Druck der Jungen – Sébastien Loeb und Petter Solberg – nicht langsam zuviel? Jeder starke Fahrer übt Druck aus. Aber die Positionskämpfe mit Séb und Petter machen Riesenspaß.

Wieso können Sie derzeit als einziger der, Verzeihung, alten Garde den Speed der Jüngeren mitgehen? Weil ich verdammt gut bin? Aber Spaß beiseite. Man muß bedenken, daß momentan drei Marken das Tempo bestimmen: Peugeot, Subaru und Citroën. Die Top-Fahrer aus den drei Teams kämpfen logischerweise um Siege.

Ihren neuen Teamkollegen Markko Märtin zählen Sie also nicht zu den Top-Fahrern? Selbstverständlich. Er kommt halt nur mit dem 307 WRC noch nicht so gut zurecht wie ich. Doch Tempo ist nicht alles. Man muß auch ins Ziel kommen.

Nach Ihren Unfällen von Monte Carlo und Schweden, als Sie jeweils im Kampf um den Sieg passen mußten, hat Sie Peugeot-Teamchef Corrado Provera hart kritisiert ... Corrado macht sich die Sache manchmal ein bißchen leicht. Er sitzt im trockenen Teamzelt, raucht Zigarre und fordert, daß wir keine Unfälle bauen. Natürlich habe ich in Monte Carlo und in Schweden blöde Fehler gemacht. Aber so etwas kommt nun mal vor, wenn man am Limit fährt. Ich bin halt so: Für mich zählt bei einer Rallye einfach immer nur der Sieg.

Von "Magic Marcus" zum Sündenbock

AUTO BILD MOTORSPORT: Ihr Teamkollege Markko Märtin war da cleverer. Er war nicht ganz so schnell, hat aber gepunktet. Marcus Grönholm: Das ganze Jahr 2004 über haben mir die Peugeot-Ingenieure – und auch Corrado Provera – nicht wirklich geglaubt, als ich den 307 WRC als sehr schwer zu fahren bezeichnet habe. Ich denke, angesichts von Markkos Speed, der ja nun wirklich kein langsamer Fahrer ist, glauben sie mir endlich.

Wo liegt das Problem? Zunächst einmal bei der langen Motorhaube. Sie hängt sehr weit über die Vorderachse, was das Auto unübersichtlich macht. Die Gewichtsverteilung und das Fahrwerk sind auch noch nicht ideal. Manche Reaktionen überraschen mich. Kein tolles Gefühl, wenn man mit 200 km/h durch den Wald fährt. Markko Märtin fordert sogar, das Auto komplett umzubauen.

Corrado Provera hat sich nach der Rallye Schweden in den Ruhestand verabschiedet. Seit Sie 2000 zu Peugeot gekommen sind, hat er das Team geleitet. Welche Erinnerungen bleiben Ihnen? Corrado ist ein Mensch, der das Herz auf der Zunge trägt. Er konnte die Mannschaft phantastisch motivieren. Aber seine Emotionalität hat auch dazu geführt, daß er schnell sauer war. Ich habe es am eigenen Leib oft genug erlebt: Vom heldenhaften „Magic Marcus“ zum Sündenbock in 30 Sekunden.

Provera war nie aktiver Motorsportler, eher Politiker. Sein Nachfolger Jean-Pierre Nicolas dagegen war selbst ein erfolgreicher Rallyefahrer. Erwarten Sie Änderungen in der Teamleitung? Nein. Jean-Pierre hat die Tagesgeschäfte des Teams schon seit Jahren geleitet. Corrado war während der Rallyes immer das markante Aushängeschild.

"Bin nicht sicher, ob es zum Titel reicht"

Sie waren 2000 und 2002 Weltmeister, 2003 und 2004 sind nicht besonders gelaufen. Nur vier Siege in zwei Jahren. Wie motivieren Sie sich in solchen Phasen? Zum Rallyefahren brauche ich mich nicht zu motivieren. Schwieriger war die Sache schon beim Testen. Wie die Wahnsinnigen haben wir den 307 WRC in der Saison 2004 getestet, aber einfach keine richtigen Fortschritte erzielt. Das war ganz schön frustrierend.

Corrado Provera hat Sie wegen Ihrer öffentlich geäußerten Kritik ebenso öffentlich zur Ordnung gerufen. War da auch Taktik von Ihrer Seite mit im Spiel? Ein bißchen vielleicht. Aber ich reagiere nun mal gelegentlich emotional. Wenn ich mit Getriebeproblemen auf der Wertungsprüfung eine halbe Minute verliere und im Ziel fragt mich vor laufender TV-Kamera ein Reporter, was los war – was soll ich da sagen? Daß ich zu blöd zum Autofahren bin?

Die ersten zwei Rallyes des Jahres 2005 haben gezeigt, daß die Zuverlässigkeit des Peugeot 307 WRC viel besser geworden ist. Schaffen Sie zum Abschied von Peugeot aus der Rallye-WM Ihren dritten Fahrertitel? Die Zuverlässigkeit ist jetzt da, das stimmt. Ob es zum Titel reicht? Da bin ich mir nicht sicher.

War es klug, für nur ein Jahr den Reifenpartner (Michelin statt Pirelli, d. Red.) zu wechseln? Diese Entscheidung wurde getroffen, bevor der Ausstieg klar war. Die Situation ist natürlich nicht ideal. Aber die ersten zwei Rallyes des Jahres haben gezeigt, daß wir mit den Pirelli-Reifen schon sehr gut zurechtkommen.

Rücktritt am liebsten als Weltmeister

AUTO BILD MOTORSPORT: Ihr Team weiß, daß Ende des Jahres Feierabend ist. Aber davon merkt man überhaupt nichts. Was erwarten Sie von der Rallye-WM 2006, die ohne Citroën und Peugeot stattfinden wird? Marcus Grönholm: Ich denke, die Rallye-WM ist in einer gefährlichen Phase. Wenn wir Pech haben, sind 2006 nur vier Werke am Start. Dann wird es ganz schön eng auf dem Fahrermarkt.

Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? Es fing damit an, daß die FIA (Weltmotorsportverband) die Regeln so geändert hat, daß die Teams nur noch zwei statt wie zuvor drei Autos einsetzen dürfen. Das ist total bescheuert für die Fans.

Wie steht es um Ihre eigenen Nachwuchsförderungsprojekte? Ich unterstütze Kosti Katajamäki in der Junior-WM und Juuso Pykälistö, der bei einigen WM-Läufen ein privates World Rally Car fahren wird. Kosti hat gerade erstmals einen Lauf zur finnischen Meisterschaft gewonnen.

Weltmeister Loeb, dessen Team Citroën ebenfalls aussteigt, sucht bereits ein neues Cockpit. Wie sieht’s bei Ihnen aus? Für mich ist es noch zu früh, mir Gedanken darüber zu machen.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen sind Sie nicht nach Monte Carlo gezogen, sondern in Ihrer Heimat Finnland geblieben. Wie wichtig ist das Zuhause für Sie? Sehr wichtig. Auf meiner Farm kann ich zusammen mit meiner Frau Tessa und unseren drei Kindern ausspannen. Außerdem gibt’s immer irgendwo was zu tun, was mich für einige Stunden den Rallyesport vergessen läßt. Das macht den Kopf frei.

Klingt nicht so, als könnten Sie nicht ohne die Rallye-WM leben. Wenn ich zurücktrete, dann am liebsten als Weltmeister. Bis dahin habe ich noch eine Menge Arbeit.

Lebenslauf Marcus Grönholm

Kurzvita Marcus Grönholm

• Geboren: 5. Februar 1968 • Geburtsort: Kauniainen/Finnland • Wohnort: Inkoo/Finnland • Nationalität: Finnland • Familienstand: verheiratet, drei Kinder • Erlernter Beruf: Landwirt • Hobby: Sport • Homepage: www.mgr.fi

• Karriere: 1989 1. WM-Lauf (Lancia); 1991 finnischer Meister (Gruppe N); 1992 zwei WM-Läufe (Toyota); 1993 ein WM-Lauf (Toyota); 1994 zwei WM-Läufe (Toyota); 1995 vier WM-Läufe (Toyota); 1996 zwei WM-Läufe (Toyota);1997 fünf WM-Läufe (Toyota), finn. Meister; 1998 sechs WM-Läufe (Toyota), finnischer Meister; 1999 sieben WM-Rennen (Peugeot, Seat, Mitsubishi); 2000 Weltmeister, 4 Siege (Peugeot); 2001 P5 Rallye- WM, drei Siege (Peugeot); 2002 Weltmeister, fünf Siege (Peugeot); 2003 WM P6, 3 Siege (Peugeot); 2004 WM P5, 1 Sieg (Peugeot)

Grönholms Crash-Krise (seit seinem letzten Sieg in Finnland 2004)

• Deutschland 2004: Unfall in WP 1, Ausfall mit abgerissenem Rad nach Abflug

• Japan 2004: 4. Platz, Getriebeprobleme

• Großbritannien 2004: Unfall auf P3, Ausfall. Nach Abflug erneut Rad abgerissen

• Italien 2004: 7. Platz, defekter Turbolader Frankreich 2004: 4. Platz

• Spanien 2004: 2. Platz Australien 2004: schwerer Unfall in Führung liegend, nach Re-Start erneuter Unfall, im Krankenhaus zum Check

• Monte Carlo 2005: 5. Platz, verliert P2 durch Unfall. Abflug auf Schnee gegen eine Mauer, Rad abgerissen

• Schweden 2005: Unfall auf P2, Ausfall. Grönholm in letzter WP mal wieder neben der Strecke – Rad ab

Autor: Christian Schön

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