Interview mit David Coulthard

Interview mit David Coulthard Interview mit David Coulthard

Interview mit David Coulthard

— 30.10.2002

"Zuversicht schminke ich mir ab"

Sehr ernüchtert spricht der McLaren-Mercedes-Mann hier über die abgelaufene Saison, seine Gegner und die Zukunft.

Hochzeit? Coulthards Verlobte muss warten

AUTO BILD motorsport: Mister Coulthard, Sie hatten an dieser Stelle vor Saisonbeginn angekündigt: "Erst der Titel – dann Hochzeit." Beides müssen Sie verschieben. David Coulthard: Ja, jetzt geht der Job vor. Ich bin 31 und voll im Saft. Aber meine Karriere ist zu kurz, um sich auf anderes zu konzentrieren. Meine Verlobte muss also warten.

Möglicherweise ziemlich lange, denn vom Titelgewinn scheinen Sie und Ihr Team meilenweit entfernt. Mag sein, aber niemand weiß, was 2003 passiert. Ferrari ist in der besten Position. Und wir müssen über Winter den Stein der Weisen finden und technisch mindestens zwei Schritte auf einmal machen.

Sind Sie zuversichtlich? Das schminke ich mir ab. Wir haben so viele Neuerungen ausprobiert, die uns Siege bringen sollten. Und dann?

... kam lediglich ein Sieg für Sie dabei heraus. Richtig.

Das klingt frustriert. Tatsächlich? Bin ich aber gar nicht. Ich will nur nicht mehr spekulieren, was vielleicht passieren wird.

Aber Ihr Teamchef kündigt ein revolutionäres Auto für 2003 an, mit neuem Super-Getriebe und -Motor. Es gibt große personelle Veränderungen bei McLaren mit dem neuen Topdesigner Mike Coughlan. Und Motorenpartner Mercedes krempelt sein Team völlig um. Es tut natürlich gut, zu spüren, dass sich etwas bewegt. Das Seltsame ist nur: Solange man gewinnt, fragt man sich nie, warum das so ist. Erst wenn der Erfolg ausbleibt, kommen alle Probleme auf den Tisch.

Zu viele potenzielle Weltmeister

Das klingt nach Kritik an Ihrem Teamchef Ron Dennis, einem der genialsten Köpfe der F1. Sicher ist Dennis ein Top-Manager. Aber auch er kann immer nur den Leuten vertrauen, die er hat. Jetzt kommen viele neue, etwa von Ferrari. Aber auch die wissen nicht, wieso dieses Team so gut ist. Sie haben ein Auto gebaut, das schnell sein sollte, aber dass es alles in Grund und Boden fährt, haben die selbst nie im Leben erwartet. Dieses Auto kann Ferraris Sprungbrett für zwei, drei weitere Titel sein.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Mich interessiert nicht, was aufgrund unseres möglichen Potenzials sein wird, sondern das, was ist. Wenn mir ein Geldinstitut 20 Prozent potenzielles Wachstum in Aussicht stellt und ein anderes sechs, nehme ich die sechs. Es gibt zu viele potenzielle Weltmeister im Fahrerlager, aber nur zwei echte: Michael Schumacher und Ferrari. Wir hingegen haben Wasser getreten. Viele angekündigte Neuerungen, etwa das Getriebe sowie eine neue Hinterachse, wurden immer wieder verschoben.

McLaren-Testfahrer Alexander Wurz sagt, dass das Auto über die gesamte Saison hinweg, Reifenentwicklung ausgenommen, nur um sechs Zehntelsekunden schneller wurde ... Wenn Alex das sagt, wird es stimmen. Der hat ja endlos Kilometer gemacht.

Wo lag das generelle Problem? Unser Auto übersteuerte stark. Das hasse ich. Ich konnte den Wagen nach dem Bremsen nicht so präzise auf den Kurvenscheitel zureiten, wie ich's brauche. Wir haben oft damit reagiert, dass wir Abtrieb vorn weggenommen haben. Aber das war natürlich dem Grip abträglich, sodass das Auto beim Anbremsen oft unvorhersehbar reagierte. Nicht mal in Imola, wo ich früher immer stark war, hatten wir eine Chance – trotz neuer Aufhängung. Aber ich will nicht alles auf die Reifen schieben, oft fehlte dem Auto einfach die Balance.

Zur Strafe mehr Promotion-Termine

Auf harten Mischungen erschien Ihr Teamkollege Räikkönen schneller. Ja, dann übersteuerte es. Aber Übersteuern hilft niemandem wirklich. Damit gewinnt man einfach keine Rennen, sondern dreht sich höchstens von der Strecke. Mit weichen Reifen war ich aber durchweg schneller als Kimi.

Wieso konnten Sie ausgerechnet in Monaco gewinnen? Na ja, Monaco ist ein Straßenkurs. Da hängt die Startaufstellung eben mehr an den Fahrern als vom Auto ab (grinst breit). Außerdem bekamen wir bei diesem Rennen von Michelin ausnahmsweise mal eine weiche Reifenmischung – Kompliment an mein Team, dass es das durchgesetzt hat. Die Walzen brachten in der Qualifikation eine Sekunde pro Runde, sonst hätte ich nirgendwo gestanden. Im Rennen war der richtige Fahrer zur rechten Zeit am rechten Ort.

In Magny-Cours war Teamkollege Kimi Räikkönen nahe am zweiten Sieg für McLaren-Mercedes. Hatten Sie so viel Gegenwehr von ihm erwartet? Haben Sie etwa geglaubt, der wäre eine Sekunde langsamer? Doch egal ob Kimi, Trulli oder Button oder Alex Wurz: Die sind alle schnell. Das sind alles Super-Profis, topfit, jede Woche im Auto, verrückt nach Erfolg. Zwischen uns gibt es nur geringe Unterschiede. Wie damals zwischen Mika und mir, nur dass Mika das bessere Ende meist für sich hatte.

Wie entwickelt sich eine erfolglose Saison gegenüber einer tollen? Ganz anders, viel kraftraubender, weil man ständig Niederlagen erklären muss, statt Siege zu feiern. Und weil sich im Alltag alles nur um die Niederlagen dreht. Ein Team ist dann viel angespannter. Und wir Fahrer mussten zum Ausgleich für den Misserfolg viel mehr Promotions- und PR-Termine machen, anstatt zu trainieren und uns auf den Rennsport zu konzentrieren.

"Vielleicht bin ich selbst ja auch schwierig"

Gibt es in schlechten Zeiten auch Selbstzweifel? Klar. Wenn nicht, macht man was falsch. Das gilt für die Nummer 22 bis zur eins, auch wenn Michael Schumacher das vor seinem Karriereende nie zugeben würde.

Meinen Sie etwa, danach ...? Nein, wahrscheinlich auch nicht.

Was kann man tun: Mischen Sie sich in politische Team-Belange, von denen schließlich Ihre technischen Möglichkeiten abhängen? Völlig sinnlos. Das Team macht seine Verträge, und ich nehme es, wie es kommt. Ich schaue auch nicht jede Woche im Konstruktionsbüro vorbei, sondern halte mich raus.

Wie ist Ihr Umgang mit Räikkönen? Puuuh ... Also wenn man in einem Team fährt, muss man nicht unbedingt eine tolle Gemeinschaft bilden. Da muss nichts entstehen.

Verstehe. Nein, nein. Man hofft natürlich darauf. Aber ich habe ja auch Mika nie kennengelernt, trotz hundert gemeinsamer Rennen, unzähliger gemeinsamer Termine. Da gab es nie einen Anruf, kein "Wie geht's dir, was machst du?".

Ein finnisches Phänomen? Vielleicht, aber vielleicht bin ich selbst ja auch schwierig. So weit kamen wir einfach nie. Mit Kimi ist es bisher dasselbe, wir haben eher... keine Beziehung, höchstens eine professionelle. Und wenn, dann entwickelt sich unsere persönliche sehr langsam.

Wäre eine verschworene Gemeinschaft nicht besser? Ja, doch. Wir tun schließlich beide etwas, das wir lieben: Rennen fahren. Und das will man doch genießen, etwa indem man aufeinander zugeht, wenn man zur Arbeit kommt.

"Verstehe Hysterie um Montoya nicht"

Also ein eher kühles Miteinander? Es ist nicht das beste Verhältnis, das ich bisher zu einem Teamkollegen hatte. Mit Gil de Ferran habe ich mir vor zwölf Jahren ein Zimmer geteilt, obwohl wir beide um jeden Preis gewinnen wollten. Aber das waren andere Zeiten.

Und was ist mit Montoya, dem zweiten Wunderknaben im Feld? Im Training gibt er 200 Prozent. Im Rennen hat er Mankos.

Nach der gemeinsamen Kollision auf dem Nürburgring sagten Sie: "Viel Herz, wenig Hirn." Ich wollte ihn nicht runtermachen. Mir fiel nur auf, dass er immer, wenn er überholt wird, abfliegt oder crasht.

Aber er hat sich doch entschuldigt. Darauf pfeife ich. Ich will nicht am Rennen gehindert werden und brauche keine Entschuldigungen. Ich brauche nur WM-Punkte. Wir hätten beide welche geholt. Und verloren beide. Ich verstehe die Hysterie um ihn sowieso nicht. Alle sagen: Das ist der Champion von morgen. Aber noch mal: Es gibt eine Menge künftiger Weltmeister. Vielleicht ist er einer, vielleicht ich, vielleicht Barrichello oder Räikkönen. Alles Gewäsch. Wer es draufhat, soll es beweisen. Alle Welt schwärmt von Juans Pole-Positions. Ja, die bringt er. Aber dann fährt er, in Führung liegend, in die Wiese. Man sollte deshalb sagen: Er ist im Training super, im Rennen fehlt ihm noch was. Auch er braucht Zeit.

Sie taugen kaum zum Helden. Vielleicht, weil Sie schon seit 1996 für McLaren-Mercedes fahren ...? Mag sein, aber soll ich zu einem schlechteren Team wechseln, nur um mein Erfahrungsspektrum zu erweitern? Darin sehe ich keinen Sinn.

Jacques Villeneuve, Ihr Wohnmobil-Nachbar an den europäischen Rennstrecken, hat es Ende 1998 getan. Klar, aber nicht um der Erfahrung willen, sondern für die Kohle. Und ganz bewusst. Jetzt heißt es: Der hat es nicht verdient, im Mittelfeld rumzufahren. Das geht mir nicht in den Kopf.

Der McLaren-Mercedes-Pilot im Kurzporträt

David Coulthard Geboren: 27. März 1971 • Geburtsort: Twynholm (GB) • Wohnort: Monte Carlo • Familienstand: ledig, verlobt mit Simone Abdelnour • Erlernter Beruf: Kaufmann • Hobbys: Golf, Schwimmen, Radfahren, Joggen

Der Senna-Ersatz David Coulthard begann 1983 mit dem Kartsport. 1989 fuhr der Schotte sein erstes Auto-Rennen, wurde gleich britischer Formel-Ford-1600-Meister. 1991 siegte "DC" beim Formel-3-GP in Macau und wurde britischer F-3-Vizechampion. In den beiden folgenden Jahren Formel 3000, 1992 Neunter, 1993 Dritter. 1994 übernahm er als Williams-Testfahrer das Formel-1-Cockpit des tödlich verunglückten Ayrton Senna. Ein Jahr später erster Grand-Prix-Sieg (Portugal).

Seit 1996 fährt der Schotte McLaren-Mercedes. Fürs deutsch-englische Team holte er 1997 in Australien den ersten Sieg nach zwei erfolglosen gemeinsamen Jahren. Viermal wurde der Brite WM-Dritter (1995, 1997, 1998, 2000). Seine erfolgreichste Saison war 2001: Vize-Weltmeister hinter Michael Schumacher. 2002 langte es nur zu WM-Rang fünf vor Teampartner Räikkönen: In 141 Grand Prix schaffte er je zwölf Siege und Pole-Positions.

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