Interview mit Dr. Wolfgang Ullrich

Interview mit Dr. Wolfgang Ullrich

— 21.08.2009

"Zwei starke Jungs vorn"

Dr. Ullrich sieht Audi und Mercedes in der DTM auf Augenhöhe, freut sich aufs interne Titelduell, analysiert Audis Rennschwächen und fordert mehr Verantwortung fürs Budget von seinen Fahrern.

AUTO BILD MOTORSPORT: Nach sechs Saisonrennen scheinen Audi und Mercedes-Benz auf einem sehr ähnlichen Level zu liegen. Ihre Einschätzung?
Dr. Wolfgang Ullrich:
"Aus den letzten Rennen ist in Summe zu erkennen, dass die Fahrzeuge in der Tat auf einem sehr ähnlichen Level liegen. Das war die Basis dafür, dass wir uns darauf geeinigt haben, die Technik für die nächste Saison einzufrieren. Das Niveau liegt außerdem nah an dem der Vorjahreswagen. Damit haben wir eine sehr gute Basis, spannende Rennen sicherzustellen. Das ist genau das, was wir unseren Fans bieten wollen. Nur derjenige, der nun jetzt immer 100 Prozent nutzt, kann auch gute Resultate erzielen."
Mit Mattias Ekström und Timo Scheider kristallisieren sich zwei starke Titelaspiranten heraus. Ein internes Problem? "Es ist besser, drei oder vier starke Fahrer zu haben, die vorne sind. Dass man sich irgendwann vielleicht für einen entscheiden muss, ist ein Luxusproblem. Mit dem kann ich gut leben. Wenn man bedenkt, dass Mattias beim Saisonauftakt in Führung liegend durch einen unverschuldeten Reifenschaden viele Punkte liegen gelassen hat, dann könnte die Situation für ihn jetzt ganz anders ausschauen. Genauso kann ich sagen: Wenn Tom Kristensen in Oschersleben seine Pole-Position gut umgesetzt hätte, dann hätten wir jetzt vielleicht sogar drei Fahrer unter den besten fünf und wären damit in einer noch besseren Situation. Wir haben zwei ganz starke Jungs vorne. Beide haben in den letzten Jahren bewiesen, dass jeder für sich die Kraft hat, die Meisterschaft zu gewinnen. Wir brauchen außerdem ein starkes Team dahinter. Und das haben wir."

Schwieriger Kompromiss zwischen Zweikampf und Teamwork

Hartes Teamduell: Die Audi-Piloten Jarvis und Premat gerieten am Nürburgring aneinander und schieden aus.

Acht Pole-Positions holte Audi hintereinander. Aber nur drei Siege in den letzten sechs Rennen. Woran liegt das? "Wenn man eine gute Startposition erzielt, muss man auch immer eine Lösung finden, im Rennen lange und konstant schnelle Runden fahren zu können. Damit waren wir vielleicht nicht immer hundertprozentig dort, wo wir hinwollten. Aber wir kennen die Problematik. Wir arbeiten permanent daran, dass unsere Qualifying-Ergebnisse auch mit einer gewissen Zuverlässigkeit in guten Rennergebnissen enden. Das hat sehr viel mit dem Basis-Reifenluftdruck zu tun sowie mit dem richtigen Sturz der Räder für die jeweilige Streckentemperatur. Wir reden hier aber über Hundertstel von bar, die man rauf oder runter geht. Daran arbeiten wir intensiv. Dazu gehört aber auch ein glückliches Händchen."
Ab 2011 soll ein neues DTM-Reglement her. Haben Sie eine Idealvorstellung? "Wichtig ist, dass durch dieses Reglement die Autos auf der Strecke sehr eng aneinander liegen. Dafür muss man das Konzept so weit wie möglich festlegen. Aber man muss auch den Teams und Herstellern gewisse Freiheiten lassen. Es muss darauf geachtet werden, dass man sowohl von den Entwicklungskosten wie den Kosten für die Teile günstiger wird als es heute der Fall ist. Um den Motorsport in der DTM abzusichern. Die neuen Autos sollen obendrein natürlich auch noch sicherer werden."
Diese Saison gab es Rangeleien unter Audi-Fahrern, die Punkte gekostet haben... "Es ist unheimlich schwierig, den richtigen Kompromiss zu finden. Einerseits den Zweikampf zu ermöglichen, den unsere Zuschauer sehen möchten. Andererseits darf ein Zweikampf nicht zu sehr aufs Material gehen. Oder sogar dazu führen, dass am Ende zwei Fahrer aus der Wertung fallen. Wenn so etwas vorkommt, gibt es dazu ein Gespräch zwischen den betroffenen Fahrern und mir. Die Einsicht ist immer da. Keiner macht so was absichtlich. Trotzdem muss aber klar sein, dass wir alle ein Team sind und dass man innerhalb eines Teams nicht zu rüde miteinander umgehen darf. Außerdem hat auch jeder Fahrer eine Verantwortung dafür, mit dem Budget, das wir haben, vernünftig umzugehen. Diese Kombination müssen wir optimieren"

Paffett, Spengler und di Resta sind gleichauf

Der Chef am Kommandostand: Dr. Wolfgang Ullrich hat alle Bereiche des Teams im Blick.

Welchen Mercedes-Piloten schätzen Sie am stärksten ein? "Für mich sind Gary Paffett, Bruno Spengler und Paul di Resta auf einem sehr ähnlichen Niveau unterwegs. Am Nürburgring hatte Gary Paffett in der Qualifikation ein technisches Problem, war in einer sehr schlechten Ausgangslage. Er hatte sich vorher klar am besten in der Meisterschaft positioniert."
Oliver Jarvis hat sich in dieser Saison unter ihren Jahreswagen-Fahrern besonders hervorgetan. Setzen Sie ihn nächstes Jahr in ein aktuelles Auto? "Oliver hat sicherlich immer wieder bewiesen, dass er sehr stark ist. Das, was wir von ihm erhofft haben, hat er auch wirklich geliefert. Er hat schon letztes Jahr, in seiner ersten DTM-Saison, einige wirklich tolle Ergebnisse gebracht. Er ist im Moment auch derjenige Vorjahreswagenfahrer, der am konstantesten gute Ergebnisse einfährt. Das ist kein Zufall. Er macht ganz einfach einen sehr guten Job. Ich freue mich, dass wir ihn zu uns ins Team geholt haben. Er ist sicherlich einer, der sich derzeit für ein aktuelles Cockpit im nächsten Jahr empfiehlt. Aber es sind noch vier Rennen zu fahren, ehe die Saison um ist. Somit kann und werde ich mich heute noch auf nichts festlegen."
Timo Scheider hat sehr lange auf der "Mercedes-Strecke" Norisring geführt. Andererseits hat Gary Paffett in Zandvoort gewonnen. Eine Strecke, die als Audi-Kurs galt. Sind sich die Autos vom Grundkonzept ähnlicher geworden? "Das Reglement hat die Autos immer näher aneinander gebracht. Man kam sicherlich von zwei unterschiedlichen Philosophien. Aber es wird immer nur ein Optimum geben. Diesem nähert man sich eben von zwei Seiten her an. Die Ergebnisse von Zandvoort sind aber mit Vorsicht zu genießen. Dort sind im Qualifying Dinge passiert, die uns Startpositionen beschert haben, von denen man sehr schwer nach vorne fahren kann. Das hatte nichts mit der Fahrzeug-Performance zu tun. Wenn man nur die Leistung der Autos betrachtet, dann hätten wir Zandvoort ganz sicher gewinnen können"

"Wir wollen 100 % rausholen"

Der technische Stand der Autos wurde nach dem Rennen am Nürburgring "eingefroren". Welche Möglichkeiten haben Sie jetzt noch, ihre A4 DTM zu verbessern? "Es gibt nur noch sehr stark eingeschränkte Freiräume, in denen man entwickeln kann. Das im Kurzen zu erklären, ist zu kompliziert. Es ist genau festgelegt, in welchen Bereichen man nichts tun darf. Diese Liste ist sehr lang. Es ist nur noch Feintuning, das übergeblieben ist. Die Technik ist sehr stark eingefroren und auch an der Aerodynamik darf man nur noch in sehr kleinen Bereichen weiterarbeiten. Aber wir werden natürlich versuchen, überall 100 Prozent herauszuholen. Auch wenn es nur minimale Änderungen sind. Der Entwicklungsaufwand ist aber dramatisch heruntergegangen. Man kann für die Autos der nächsten Saison nichts nennenswertes mehr entwickeln. Wir können uns dafür darauf konzentrieren, gemeinsam an einem technischen Reglement für 2011 zu arbeiten, um das entsprechend auf die Beine zu stellen."
Was machen jetzt ihre bisherigen Entwicklungsingenieure? "Bei uns gibt es keine Mitarbeiter, die einen DTM-Stempel aufgedrückt bekommen haben. Es gibt eine Mannschaft, die sich um DTM, Sportprototypen und den R8 GT3 kümmert. Wir haben durch mehrere Projekte so viele Zusatzaufgaben bekommen, dass unsere Leute ausgelastet sind. Selbst wenn in der DTM jetzt weniger zu tun ist. Dieser Zustand verschiebt sich sofort wieder, sobald ein neues Reglement steht und es darum geht, ein komplett neues Auto zu entwickeln."
Bisher war die Aerodynamik der Fahrzeuge sehr aufwendig und teuer. Ändert sich das? "Wir werden sicherlich dafür sorgen, dass das Reglement so ausgelegt ist, das generell der Entwicklungsaufwand als auch die Teilekosten der Fahrzeuge runter gehen."      

Autor: Martin Westerhoff

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