Interview mit Fernando Alonso

Interview mit Fernando Alonso

— 04.06.2003

"Ich bin nicht besser als die anderen"

berraschend kaltbltig fr einen Spanier. So ist Fernando Alonso (21). Das beweist der Renault-Pilot auch im Talk mit AUTO BILD motorsport.

"Rikknen ist ein potenzieller Weltmeister"

AUTO BILD motorsport: Herr Alonso, Sie gelten als neuer Wunderknabe der Formel 1. Wie gut sind Sie wirklich? Fernando Alonso: Das wei ich nicht. Ich wei nur, dass ich im Auto immer mein Maximum gebe. Manchmal wird man dafr belohnt, manchmal nicht. Denn es kommt darauf an, wie das Zusammenspiel von Auto, Reifen und Fahrer funktioniert. Der Fahrer als Einzelposten hat keine Chance.

Wo haben Sie fahrerisch noch Defizite, speziell im Vergleich zu einem Michael Schumacher? Michael hat mehr Erfahrung, er fhrt schon so lange in der Formel 1. Er ist sehr schnell im Rennen, in der Qualifikation und macht selten Fehler. Ich muss noch viel lernen. Ich bin ja auch erst 21 Jahre alt und habe noch viel vor mir. In zwei oder drei Jahren, da bin ich sicher, werde ich viel besser sein als jetzt.

In welcher Hinsicht? In jeder, denn mit mehr Erfahrung werde ich noch viel schneller. Ich sehe das an meiner Entwicklung. Ich habe als Testfahrer bei Renault viel gelernt und dieses Jahr bei den sieben Renneinstzen sowieso.

War es schwer, sich 2002 zu motivieren, nur Testfahrer zu sein? Nie, ich gebe immer 100 Prozent.

Kimi Rikknen und Sie gelten als die Champions der Zukunft und damit als Herausforderer von Michael Schumacher. Was erwarten Sie von Kimi? Im Sauber oder Jordan wrde man nicht so viel von ihm erwarten. Im McLaren ist er jedoch ein potenzieller Weltmeister.

"Hoffe fr 2004 auf ein besseres Auto"

Und wie sieht das bei Ihnen aus? Genauso. Wenn man in einem Top-Team mit einem Top-Auto ausgerstet ist, kann man ganz vorn mitfahren. Ohne das habe ich keine Chance. Kimi hatte Glck. Er hat einen McLaren-Vertrag und fhrt dort auf einem sehr hohen Niveau.

Und Sie bei Renault? Wir sind gut, aber wir mssen unser gesamtes Paket im Vergleich zu Ferrari noch verbessern. Das fngt beim Motor an, betrifft eigentlich jedoch das ganze Auto. Renault hat ein gutes Potenzial. Wir haben deshalb auch schon in diesem Jahr Fortschritte gemacht. Ich hoffe, dass ich nchstes Jahr mit noch besserem Chassis, besserem Motor und einer noch besseren Aerodynamik ganz vorn mitfahren kann.

Warum nicht schon dieses Jahr? Darber denke ich noch nicht einmal ernsthaft nach.

Wann kommt die nchste Evolutionsstufe Ihres Renault-Motors? In Kanada, vielleicht aber auch erst danach am Nrburgring.

War der diesjhrige Renault-Renner, den Sie mit entwickelt haben, von Anfang an ein so gutes Auto? Er war auf Anhieb gut. Im Winter hatten wir sehr viel per Windkanaltests an der Aerodynamik verndert. Das ergab das gute Paket.

Hatten Sie einen groen Einfluss auf die Entwicklung des Wagens? Ich bin nicht besser als die anderen. Jeder Testfahrer trgt einen enormen Anteil an der Weiterentwicklung eines Autos in Bezug auf die Gesamtabstimmung des Chassis, vor allem im Zusammenspiel mit den Reifen. Die grten Schritte haben wir ohnedies auf dem Sektor Motor und Aerodynamik gemacht. Da konnten wir Testfahrer nicht so helfen wie die Ingenieure oder die Spezialisten im Windkanal.

Hat die Arbeit als Tester Ihre Entwicklung als Fahrer beschleunigt? Ich habe sehr viel ber die Arbeit in einem Top-Team gelernt, und zwar in jeder Beziehung. Aber wenn man im Auto sitzt, bleibt man von der Qualitt her der Fahrer, der man ist.

"Ferrari ist vorn. Was brauchen die mich?"

Wer sind Ihre strksten Gegner? Michael und Rubens, die beiden Ferrari-Fahrer, sind immer ein Problem; dazu beide McLaren-Mercedes- und BMW-Williams-Fahrer.

Sie frchten mehr die Qualitt der Autos als die der Fahrer? Sieht so aus.

Bei Renault hlt man sehr viel von Ihnen. Ihr Vertrag soll bis 2007 verlngert werden. Dazu kann ich nichts sagen ...

Ferrari soll Ihnen aber fr 2005 ein konkretes Angebot gemacht haben. Wenn Ferrari mich brauchen wrde, wrde man mich sicher fragen. Aber das ist nicht der Fall. Auerdem sind die mit allem, was sie haben, vorn. Was brauchen die mich?

Sie haben in zwei Jahren den Riesenschritt von Minardi ber einen Testvertrag bei Renault zum Weltklassemann gemacht. Wie sehr erstaunt Sie diese irre Entwicklung? Gar nicht. Mein Erfolg lsst sich ja erklren. Da ist kein Glck im Spiel. Das Team und ich haben unseren Erfolg erkmpft. Wenn das alles zufllig passiert wre, wre ich erstaunt. Aber das ist es ja nicht.

Apropos Glck: Wie haben Sie Ihren schweren Unfall beim Grand Prix von Brasilien im Cockpit erlebt? Ich konnte nicht mehr reagieren, als ich den Reifen pltzlich auf der Piste sah. Dann bin ich in die Mauer gekracht. Wir sind alle Profis und wissen sehr wohl, dass so etwas passieren kann.

Keine Angst gehabt oder zumindest eine Schrecksekunde? Keine Emotionen! Ich war zu schnell, fr so was war keine Zeit.

Sie sind in Brasilien vor dem Wrack des Webber-Jaguars trotz gelber Flaggen nicht vom Gas gegangen. Alle sind da weiter Vollgas gefahren. Nur die, die von dem Unfall in der bestimmten Kurve wussten, sind vom Gas. Ich wusste es nicht, also blieb ich drauf.

Was haben Sie aus dieser schlimmen Erfahrung gelernt? Kein Problem, keine Angst, nichts.

Wie kommt das? Ich wei es nicht. Ich habe eben keine Angst, also hinterfrage ich das auch nicht.

Ans Heiraten denkt der Spanier (noch) nicht

Haben Sie eine Beziehung zur tdlich verunglckten Formel-1-Legende Ayrton Senna? War er vielleicht sogar ein Vorbild fr Sie? Nein.

Haben Sie berhaupt im Rennsport ein Vorbild? Nein.

Und im Privatleben? Niemand, ich gehe meinen eigenen Weg. Gradlinig und klar, so, wie ich es fr richtig halte.

Sie sind mit 21 Jahren sehr abgeklrt. Woher kommt das? Das war immer schon so. Meine ganze Familie ist so. Wir sind alle ruhig und nicht so schnell, wenn es darum geht, aufgeregt zu sein.

Kann Sie denn nichts begeistern? Rennen und Rennautos. Aber wenn ich kurz vorm Start im Wagen sitze, werde ich wieder total ruhig.

Bringt Sie Ihr lebenslustiger Teamchef Flavio Briatore denn nicht manchmal in Stimmung? Sicher. Aber am meisten habe ich Spa beim Fuball, Tennis und Radfahren. Eine Freundin habe ich auch, aber bers Heiraten denke ich nicht nach.

Was macht Ihnen denn in der Formel 1 Spa? Spa macht mir das Fahren in einem der schnellsten Autos der Welt. Fr jeden Rennfahrer ist so ein Wagen ein groer Moment.

Ein Auto ein groer Moment was meinen Sie damit konkret? Die Beschleunigung, das spte Bremsen, die Traktion, die Kraft, die das ganze Auto aufbaut. Und das Erlebnis, eine 300 km/h schnelle Kurve Vollgas zu fahren und dabei immer noch die Kontrolle zu haben.

Was missfllt Ihnen an Ihrem Job? Das viele Reisen geht mir auf die Nerven. Testen, Flugzeug, Testen, Flugzeug. Am Ende des letzten Jahres hatte ich ber 200-mal im Flieger gesessen. Ich war vllig kaputt und sehr mde.

Ist Formel 1 fr Sie ein Traum? Getrumt habe ich nie. Ich bin ein realistischer Mann und mache nur meinen Job so gut wie mglich.

Auch keine Trume vom WM-Titel? Nein. Es ist nur mein grtes Ziel, der beste Fahrer der Welt zu sein, aber kein Traum.

Fernando Alonso im Kurz-Portrt

Steckbrief Geboren: 29. Juli 1981 Geburtsort: Oviedo (Spanien) Wohnort: Oxford (England) Nationalitt: Spanien Familienstand: ledig, befreundet mit Rebeca Erlernter Beruf: Rennfahrer Hobbys: Sport, Kino, Lesen

Der Frhznder Fernando Alonso zhlte schon immer zu den Jngsten. Mit drei Jahren sa der Spanier zum ersten Mal im Kart. Seine Gegner waren schon acht Jahre alt und grer als der kleine Alonso. Deshalb bekam "Fernandino" Holzkltze unter die Fe geschnallt, damit er an die Pedale rankommen konnte. Zehn Titel holte das Talent im Kart-Sport. 1996 sogar den WM-Titel.

In seiner ersten Rennsaison 1999 gewann er sofort die Formel Nissan (sechs Siege, neun Pole-Positions). Nchster Schritt: Formel 3000, mit Astromega (Gesamtvierter 2000). Mit seinem Sieg in Spa (B) berzeugte Alonso die Minardi-Verantwortlichen: F1-Debt beim GP Australien 2001 mit 19. Damit ist er der drittjngste F1-Pilot. "Ich bin es gewohnt, dass ich der Jngste bin", sagt Alonso.

Nach einem Jahr als Renault-Tester greift der 21-Jhrige nun wieder an: "Ich hoffe, dass ich bald auch der jngste Rennsieger werde." Dafr bleiben ihm noch neun Grand Prix. Um jngster Weltmeister zu werden, hat er Zeit bis 2006.

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