Interview mit Ferrari-Chef Luca di Montezemolo

Interview mit Ferrari-Chef Luca di Montezemolo

— 14.04.2011

"Alles ist zu künstlich geworden!"

Immer mehr Regeln, immer mehr Verbote: Im AUTO BILD-Interview beklagt sich Ferrari-Chef Luca di Montezemolo über das Kunst-Produkt Formel 1 und fordert ein Umdenken. Den Verbleib von Ferrari in der F1 knüpft er an Bedingungen.

Ferrari-Chef Luca di Montezemolo gilt als glühender Fan der Formel 1. Mit der aktuellen Entwicklung in der Königsklasse des Rennsports ist der Italiener aber alles andere als zufrieden. Im Interview mit AUTO BILD-Chefredakteur Bernd Wieland kritisiert der "Chef" von Fernando Alonso und Felipe Massa die andauernden Regeländerungen und fordert mehr Freiheiten für die Teams. Das ist Wasser auf die Mühlen der F1-Kritiker, die eine "Piraten-Serie" parallel zur Formel 1 fordern. Dazu äußert sich Luca die Montezemolo nicht. Den Verbleib von Ferrari in der Formel 1 knüpft der Italiener aber an Bedingungen.

AUTO BILD: Herr Montezemolo, obwohl ein Deutscher Weltmeister ist, war die Formel 1 schon mal spannender. Woran liegt das?
Luca di Montezemolo: Es gibt zu wenig Überholvorgänge. Heute werden Rennen oft nicht auf der Piste, sondern in der Box gewonnen.
AUTO BILD: Sind Taktik und Strategie gegenüber der eigentlichen Rennfahrerei zu wichtig geworden?
Ja, zumal die Regeln viel zu oft geändert wurden. Da kommt das Publikum nicht mehr mit. Alles ist zu künstlich geworden.
AUTO BILD: Was meinen Sie damit?
Viele Boxenstopps sind ein künstlicher Versuch, mehr Abwechslung ins Rennen zu kriegen. Auch die Autos werde immer künstlicher. So ein Formel 1-Lenkrad ist heute ein Computer, bei dem der Fahrer eine Unmenge von Knöpfen drücken muss. Das verstehen die Fans nicht mehr. Die ursprünglich einmal faszinierende mechanische Technik rückt immer mehr in den Hintergrund.

AUTO BILD: Warum ist das so? Weil es dafür zu viele Regeln gibt?
Bei Motor und Getriebe wird uns alles vorgeschrieben, da gibt es im Gegensatz zu früher kaum Spielraum. Frei ist eigentlich nur die Aerodynamik, hier entscheidet sich dann alles. Das macht 80 Prozent der Performance aus, die Teams müssen 24 Stunden im Windkanal arbeiten.
AUTO BILD: Was gefällt Ihnen daran nicht?
Wir bauen doch keine Flugzeuge, das ist nicht unser Hauptgeschäft! Die Faszination eines Rennmotors wird dabei vernachlässigt. Wenn die Zylinderzahlen von zehn auf vier reduziert wird, macht das das Ganze auch nicht besser. Kosten sparen in allen Ehren, aber bald fahren wir mit Motorrad-Motoren. Wollen wir das wirklich? Wir sollten unser herrliches Spielzeug verbessern, nicht auf Raten zerstören. Schade finde ich auch, dass das Reglement dazu führt, dass der Fahrer nicht mehr die herausragende Bedeutung hat wie früher.

AUTO BILD: Warum ist das so?
Früher waren das Auto und der Fahrer zu je 50 Prozent am Erfolg beteiligt. Heute hat sich das verschoben, das Auto macht 70 Prozent des Erfolgs aus. Das wird auch daran deutlich, dass junge unerfahrene Fahrer mehr Chancen haben als früher. Dennoch finde ich es gerade für die Jungen sehr schade, dass nicht mehr trainiert werden darf. Wenn ich eine Teststrecke in Fiorano habe und einen neuen Fahrer fördern will, muss ich doch trainieren dürfen. Ich habe noch nie einen Sport gesehen, bei dem man nicht so viel trainieren kann wie man möchte. Ich sehe dies nicht als Negativkritik, sondern möchte konstruktiv beitragen, die Faszination der Formel 1 wieder auf Topniveau zu heben.
AUTO BILD: Wie soll es jetzt weitergehen?
Die laufenden Verträge laufen Ende 2012 aus. Wir sollten uns jetzt zusammensetzen, um zu besprechen, wie es weitergehen soll.
AUTO BILD: Wird Ferrari in jedem Fall in der Formel 1 bleiben?
Ferrari wird weiter dabei sein, solange uns dieser Sport etwas für die Technologie unserer Serienautos bringt – sonst nicht.

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