Interview mit Gary Paffett

Interview mit DTM-Champion Gary Paffett Interview mit DTM-Champion Gary Paffett

Interview mit Gary Paffett

— 08.11.2005

"Ich wäre gern berühmter"

Fünf Siege und vier weitere Podestplätze machten Gary Paffett zum neuen DTM-Champion. Im großen Meister-Interview spricht der Mercedes-Pilot über seine Chancen in der Formel 1, die Stars der DTM, Popularität und seinen Lebenstraum.

In der DTM dreht sich alles um Teamarbeit

AUTO BILD MOTORSPORT: Sie haben Ihr Ziel erreicht und sind Meister der DTM. Es wäre an der Zeit, in die Formel 1 zu wechseln ... Gary Paffett: Nein. Ich habe mein Ziel hier zwar erreicht. Aber es wäre doch phantastisch, meinen Titel zu verteidigen. Ich hätte letztes Jahr schon Meister werden können. Doch Mattias Ekström hatte einfach mehr Erfahrung. Hätte ich jetzt nicht so viele Strafen gehabt, dann hätte ich auch schon zwei Rennen früher alles klarmachen können.

Hat es Sie nervös gemacht, gegen Stars wie Mika Häkkinen, Jean Alesi und Bernd Schneider zu fahren? Nein, es ist gut, diese Kollegen im Team zu haben, weil sie dich ans Limit bringen und du weißt, wie gut du bist. Ich will mich als Fahrer und Mensch weiterentwickeln und lerne gern von den erfahrenen Leuten.

Die Stars haben Ihnen also viel mehr Rückendeckung gegeben? Ja, aber man muß sich erst einmal selber in diese Position gebracht haben, daß man um die Meisterschaft fährt. Und wenn der andere keine Chance hat, ist es halt in der DTM so, daß man sich gegenseitig hilft. Es dreht sich alles um Teamarbeit. Die ist stärker als in den meisten anderen Serien.

Und Sie haben sich schließlich gegen den ehemaligen Formel-1-Weltmeister Häkkinen behauptet. Ja klar. Aber andererseits war der Fahrer, gegen den ich in dieser Saison am meisten gekämpft habe, Mattias Ekström. Er zählt auch zu den großen Namen der DTM, denn er ist schon lange dabei. Nur im Vergleich zu Jean, Mika oder Bernd hat er nicht so einen großen Namen. Aber meine Teamkollegen konnte ich über die ganze Saison beobachten. Jeder hat seine eigene Fahrweise. Und es war schon sehr interessant zu sehen, wie sie arbeiten.

Nur im Auto sind wir Einzelkämpfer

Wie ist das Leben im Team? Wenn wir im Auto sitzen, sind wir Einzelkämpfer. Aber sobald wir aussteigen, sind wir wieder ein Team. Am Anfang erscheint es komisch, anderen zu helfen. Aber sobald man mal realisiert hat, daß man durch diese Zusammenarbeit sich auch selber hilft, paßt es. Man braucht alle Daten aus den fünf Autos, um sie miteinander zu vergleichen. So kann man fünfmal soviel testen, als mit nur einem Auto. Das hat mich sehr beeindruckt. Es ist das Werk von Gerhard Ungar, der alle Daten zusammenbringt und für jeden ein spezielles Setup erstellt. Das hat uns in diesem Jahr in der Meisterschaft sehr geholfen und uns so konkurrenzfähiger auf jeder Strecke gemacht.

Wie unterstützt Sie Motorsport-Chef Norbert Haug? Es war unglaublich toll, wie Norbert Haug, aber auch Teammanager Jürgen Mattheis und Gerhard Ungar als technischer Leiter mich unterstützt haben. Als sich 2003 mein Formel-3000-Team zurückzog, hatte ich kein Cockpit. Mercedes hat mir die Chance in einem Vorjahresauto gegeben. Ich habe das Beste daraus gemacht. Nach einem Jahr hatten sie dann genügend Vertrauen zu mir, mir ein neues Auto zu geben. Es war ihr Glaube an meine Fähigkeiten, der mich nach vorn gebracht hat von einem Fahrer ohne Cockpit bis zum DTM-Champion. Das hätte ich mir nie erträumt.

Welcher war Ihr bisher schönster Sieg in Ihrer Karriere? Es gab schon einige schöne Momente. Der schönste Sieg – da muß ich ganz weit zurückblicken, 1999, meine zweite Saison in der Formel Opel. Vor dem Finale war ich Tabellendritter und stand auf Startplatz fünf. Es regnete, und ich war eine Sekunde schneller als die anderen. Am Ende hatte ich das Rennen gewonnen. Da meine Gegner kollidierten, war ich sogar Meister. Es war ein unglaubliches Rennen. Die letzten beiden Jahre in der DTM waren ganz speziell. Der Saisonauftakt 2004 in Hockenheim, mein erstes Rennen im neuen Mercedes und dann zu gewinnen – unglaublich.

Ich wäre schon gern ein bißchen berühmter

In den vergangenen beiden Jahren sind Sie in Deutschland recht populär geworden. Wie sieht es bei Ihnen zu Hause in England aus? Es wird besser. Aber derzeit bekomme ich noch mehr Unterstützung aus Deutschland. Doch ich hoffe, daß nach dem Meistertitel nun auch in England mehr Leute wissen, wer ich bin und was ich gemacht habe.

Was bedeutet denn Popularität in Großbritannien? Außerhalb der Motorsportszene sind die Rennfahrer in England nicht so bekannt. David Coulthard ist einer der wenigen sehr populären. Aber selbst für Jenson Button ist es schwer, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Doch viele aus der Motorsportszene kennen mich. Ich werde zu allen wichtigen Motorsportveranstaltungen eingeladen.

Wären Sie denn gern bekannter? Ich wäre schon gern ein bißchen berühmter in England. Doch nicht nur meinetwegen, sondern weil die DTM auch eine tolle Meisterschaft ist. Sie kann nur von der Formel 1 geschlagen werden.

Noch einmal zur Formel 1. Wie stehen die Chancen? So gut wie immer. Wir waren schon mal nah an der Formel 1, und ich hoffe, dieser Titel hilft mir weiter dabei. Ich bin in einer guten Position. Vielleicht klappt es noch nicht nächstes Jahr, dann hoffentlich 2007. Das Ziel ist es, in den nächsten zwei Jahren ein Renncockpit in der Formel 1 zu bekommen.

So schnell wie ich fahren nur wenige

Wie sehen Ihre F1-Kontakte aus? Der intensivste Kontakt besteht naturgemäß zu McLaren und Mercedes. Ich hatte auch eine enge Verbindung mit Sauber. Aber mit Peter Sauber habe ich vor der Sache mit BMW gesprochen. Also, dieser Kontakt hat sich jetzt erledigt. Aber wir kennen auch andere Teams. Doch nach dieser Saison hoffe ich, daß die Teams auf mich zukommen statt ich auf sie.

Wenn Sie an die Formel 1 denken, träumen Sie dann noch, oder ist es eher frustrierend? Träumen ist das falsche Wort. Ich bin ja schon nah dran. Die Formel 1 ist schon Realität. Der Traum ist dann eher, Formel-1-Weltmeister zu werden. In den vergangenen zwei, drei Jahren war ich einige Male auf dem Sprung. Da fragt man sich manchmal schon: Warum klappt das nicht? Was soll ich noch machen? Aber in der Formel 1 geht es sehr viel um Politik. Man muß es schaffen, die richtigen Leute kennenzulernen.

Gab es in Ihrer Karriere mal einen Punkt, an dem Sie nicht so selbstbewußt waren wie jetzt? Man muß selbstbewußt sein. Ich bin so, wie ich bin, und das nun auch schon eine ganze Weile. Ich glaube, daß ich so schnell Auto fahren kann wie nur wenige. Das ist eine Sache, die sich in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat. Ich konnte mich mit großen Stars vergleichen.

Haben Sie vor irgend etwas Angst? Ich bin ein Kontroll-Freak. Hin und wieder verschrecken mich Pferde. Die sind schwer und haben einen eigenen Kopf. Sie sind manchmal unkontrollierbar.

Mein Lebenstraum: eine glückliche Familie

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Ihr Sohn Harvey im März 2004 geboren wurde? Ein Baby ändert viel. Die Ansichten, was wichtig und unwichtig ist. Man sieht das Leben anders. Aber Motorsport ist Motorsport. Um dort gut zu sein, muß man sehr fokussiert sein. Lisa und Harvey kommen mit zu den Rennen. Aber sobald ich im Auto sitze, ist es genau wie früher.

Haben Sie an Harvey schon Charakterzüge entdeckt, die mehr nach Ihnen oder mehr nach seiner Mutter kommen? Ja. Er sieht aus wie ich. Aber ich glaube, er hat viele Charaktereigenschaften von Lisa, weil ich ihn oft nicht verstehe. Es ist schon komisch, wie sich manche Dinge entwickeln. Erst wollte er nur zur Mami, jetzt kommt er auch zu mir. Er vermißt mich jetzt sogar. Einmal habe ich eine Tasche hinausgetragen, und er fing an zu weinen. Er dachte, ich würde verreisen. Heute versuche ich, nachts zu gehen, damit er nicht weint.

Was bedeutet Ihnen Luxus? (überlegt) Nicht viel. Er ist schön, aber nicht notwendig. Ich habe nicht viel Luxus. Ich bin ziemlich bodenständig.

Was war Ihr letzter Lustkauf? Was ich gekauft habe, das ich wirklich nicht viel nutze? Das war ein schöner Flachbildschirm-Fernseher fürs Schlafzimmer. Und jetzt habe ich festgestellt, wie wenig ich eigentlich im Schlafzimmer fernsehe. Das war wahrscheinlich Geldverschwendung. Aber sagt es nicht Lisa ...

Sie haben vier Fernseher daheim. Was ist Ihre Lieblingssendung? Eigentlich sehe ich gar nicht viel fern. Was ich schaue, ist Motorsport. Aber die DTM-Wiederholung wird nach dem fünften oder sechsten Mal auch langweilig. Ich schaue Golf, das interessiert mich seit neuestem. Und da gibt es die Serie "CSI", in der Gerichtsmediziner Mordfälle aufklären. Ich sehe aber lieber die Ur-Version aus Las Vegas. Nicht die aus Miami, die ist mir zu amerikanisch (lacht).

Wie sieht Ihr Lebenstraum aus? Ich wollte immer eine Familie haben. Wir haben Harvey, doch wir möchten vielleicht noch ein zweites Kind. Ein schönes Haus, worauf wir uns immer freuen. Ja, eine glückliche Familie ist mein Traum.

Kurzvita Gary Paffett

Name: Gary Paffett • Geboren: 24. März 1981 • Geburtsort: Bromley (GB) • Wohnort: Haverhill (GB) • Nationalität: Engländer • Familienstand: verlobt mit Lisa Lannerd, Sohn Harvey (19 Monate) • Erlernter Beruf: Rennfahrer • Hobbys: Fußball, Computerspiele

Karriere: 1997 erstes Jahr in der Formel Vauxhall Junior, ein Jahr später Meister. 1999 holt er den Gesamtsieg und wird zum "McLaren-Autosport"-Nachwuchsfahrer gewählt. Belohnung: F1-Test. Drei Jahre F3 folgen, erst in England, dann in Deutschland. 2002 wird er Meister. 2003 DTM mit Mercedes im Vorjahresauto. Seit 2004 im DTM-Team HWA.

Autoren: Oliver Hilger, Katrin Wolff

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