Interview mit Heinz-Harald Frentzen

Interview mit Heinz-Harald Frentzen Interview mit Heinz-Harald Frentzen

Interview mit Heinz-Harald Frentzen

— 19.01.2006

War's das, Herr Frentzen?

Der große Grand-Prix-Sieger Heinz-Harald Frentzen crashte 2005 als DTM-Achter von der Bildfläche. In diesem Interview ist er nun präsenter denn je.

"Ich will Rennen fahren!"

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Frentzen, einer beachtlichen Formel-1-Karriere ließen Sie ein unrühmliches Gastspiel in der DTM folgen. Wollen Sie so aufhören? Heinz-Harald Frentzen: Das war weder mein Ziel noch mein Plan. Ich habe in der DTM noch etwas gutzumachen. Dort gibt es nach Opels Rückzug nur noch Mercedes und Audi als mögliche Arbeitgeber.

Sie liebäugeln angeblich mit Audi. Ich sage dazu nur: Nach den beiden verkorksten Jahren mit Opel habe ich eine glasklare Priorität: in einem professionellen Team um Siege zu fahren, und zwar konstant.

Zumindest Ihre Ansprüche sind noch weltmeisterlich. Ich fühlte mich noch nie dazu berufen, im Mittelfeld zu fahren.

Was machen Sie, falls die DTM nicht nach Ihnen rufen sollte? Darüber denke ich später nach.

Gibt es keinen Plan B? Nein. Nach meinem Unfall im Saisonfinale von Hockenheim habe ich mich ausschließlich darauf konzentriert, wieder fit zu werden.

Sie erlitten dabei eine Hirnblutung. Ist die voll auskuriert? Ja, ich mußte zwei Monate kürzertreten, aber jetzt trainiere ich wieder. Es war angenehm, viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Aber jetzt regt sich der altvertraute Jagdinstinkt: Ich will Rennen fahren. Und deshalb bereite ich mich auf die neue Saison vor wie auf jede zuvor.

Wie denn? So wie immer.

"Wenn du nicht mehr kannst, hörst du auf."

Sie galten nie als Triathlet oder Zehnkämpfer. Glauben Sie, daß ich ohne ernsthafte Vorbereitung professionellen Motorsport betreibe und dabei extreme Risiken eingehe? Ohne entsprechende Fitness sollte man sich diesen Job bestimmt nicht antun.

Ihr Unfall in Hockenheim passierte kurz vor dem Rennende, vielleicht war es doch ein Konditionsproblem? Es war der schwerste Crash meiner gesamten Karriere, aber keine Folge fehlender Fitness, sonst wäre ich an die Box gefahren. Wenn du nicht mehr kannst, hörst du auf. Aber ich hatte vor, das Rennen zu gewinnen. Ich dachte wirklich, es sei möglich.

Sie wollten den Opel-Konzern mit dem ersten Sieg seit 2001 zu einem DTM-Verbleib umstimmen? Vielleicht, ja. In Hockenheim hatte ich es jedenfalls drin, vom vierten Startplatz aus. Es war anfangs naß. Aber leider hatten wir mit der Abstimmung auf Trockenheit von Beginn an gepokert. Es wurde jedoch erst am Ende des Rennens trocken. Überdies folgte ein verkorkster Boxenstopp, bei dem ich wertvolle Plätze verlor. Danach wollte ich unbedingt die verlorene Zeit wieder aufholen. Das Auto lief super. Ich hatte für Trockenheit eine Superabstimmung gefunden, das hatte schon meine zweitschnellste Zeit im Warm-up gezeigt. Dann folgt bei mir der Filmriß. Aber ich denke, der Aufschlag in den Reifenstapel hätte nicht so schwerwiegende Folgen haben dürfen. Das war ein fünflagiger Reifenstapel, also eigentlich genug Polsterung.

Ihr Rückschluß? Ich glaube bis heute, daß der Seitenaufprallschutz des Vectras noch mal auf seine Funktionsfähigkeit untersucht werden müßte. Ich habe dem DMSB meine Unterstützung auf diesem Gebiet angeboten. Zumal auch das HANS-System (Kopf- und Nackenschutz; d. Red.) mir nicht sehr geholfen hat. Es baut beim Seitenaufprall zu wenig Energie ab. Man knallt schon gegen die seitliche Verstrebung, bevor HANS den Schlag abfangen kann.

"Niemand kann die Uhr zurückdrehen."

Die ganze Aktion war jedenfalls ein symbolisch passender Schluß-Akkord unter zwei Jahre, die Ihrem Ruf geschadet haben. Ach, man gewinnt gemeinsam, und man verliert gemeinsam.

Frentzen-Fans finden dieses verpatzte DTM-Engagement nach einer nicht ganz erfüllten Formel-1- Karriere sicher schade. Hätten Sie sich das Opel-Abenteuer nicht ersparen können? Man kann hinterher immer gut darüber streiten, ob ein Fahrer richtige oder falsche Entscheidungen getroffen hat. Aber es bringt nichts, Entscheidungen im nachhinein zu kritisieren. Ich bin so gestrickt, daß ich Herausforderungen gern annehme, je größer desto besser. Klar kann das auch mal danebengehen. Aber trotzdem gewinnt man gerade in schwierigen Zeiten wertvolle Erfahrungen, die man später nutzen kann.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie noch mal 20 wären? Das ist doch müßig! Wenn ich noch mal 20 wäre, hätte ich die Weisheit ja auch nicht mit dem Schaumlöffel gefressen. Niemand kann die Uhr zurückdrehen.

Sie galten immer als Fahrer, der sich auch um die Technik kümmert. Haben Sie sich das Leben schwerer gemacht als nötig? Mein Gott, was für eine Frage. Man kann es sich entweder zu einfach machen oder zu schwer. Es gibt Fahrer, die setzen sich gern ins gemachte Nest. Aber ich habe mich schon als Kind nicht in ein professionell vorbereitetes Kart gesetzt, sondern selber mitgeschraubt. Das ist Teil meines Wesens geworden. Denn Technik fasziniert mich. Und diese Neigung hat mir mehr genutzt als geschadet.

Noch einmal in ein GP-Rennauto?

Welche Ihrer 157 Formel-1-Rennen würden Sie gern noch mal fahren? Alle, mit wenigen Ausnahmen.

Fühlen Sie im Alter von 38 Jahren noch keine Einschränkungen? Nein.

Im April werden Sie wieder Vater. Ja, der Termin kollidiert aber nicht mit dem DTM-Auftakt am 9. April.

Michael Schumacher fühlt sich wie 25. Und Sie? Im Kopf wie 50, körperlich wie 18.

Hat Schumi den richtigen Zeitpunkt zum Absprung verpaßt? Ja und nein. Er hatte ideale Gelegenheiten dafür, aber er kann immer noch mit einem Erfolg abtreten. Michaels Fähigkeiten und seine immense Erfahrung reichen im richtigen Auto durchaus noch zum Titelgewinn.

Ganz im Ernst: Wie lange würden Sie denn brauchen, um ihr altes F1-Tempo wiederzuerlangen? Ganz im Ernst, das ist schon wieder eine hinterhältige Frage: Denn das hört sich ja so an, als ob ich dieses Tempo verloren hätte.

Würden Sie es gern noch mal in einem GP-Rennauto probieren? Jederzeit. Aber in meinem Alter fängt man eigentlich nicht mehr von vorn an.

In der Formel 1 ist eine neue Generation gefragt. Alonso, Räikkönen, Button sind Fahrer, die jung sind und schon als Superstars gelten. Allerdings. Alonso hat mit 24 einer extremen Drucksituation standgehalten und den Titel geholt. Das zeugt von enormer Reife. Der ist schon sehr weit für sein Alter.

Welche Chancen haben Nick Heidfeld mit BMW, Ralf Schumacher mit Toyota und Nico Rosberg bei Williams? Nick ist der meistunterschätzte Fahrer der Formel 1. Er hatte 2005 einige extrem starke Auftritte. Seine Leistung hängt davon ab, wie gut sein neues Auto wird. Das Team steht ja erst am Anfang einer neuen, ständigen Entwicklung und kann 2006 wohl noch nicht siegen. Ralf hat Jarno Trulli 2005 nach Punkten geschlagen. Der eine ist ein Top- Qualifyer und konzentriert sich auch total darauf, der andere fährt bessere Rennen. Eine Mischung aus beiden wäre ideal, ein Schrulli sozusagen. Nico ist ein neues Talent und hat die seltene Chance, in einem sehr guten Team zu starten. Dem traue ich von Beginn an Achtungserfolge zu.

Zur Person: Heinz-Harald Frentzen

Geboren: 18. Mai 1967 • Geburtsort: Mönchengladbach • Wohnort: Monaco • Nationalität: Deutscher • Familienstand: verheiratet mit Tanja, zwei Töchter: Lea (5) und Sarah (2) • Erlernter Beruf: Bürokaufmann • Hobby: Modellflugzeuge, digitale Fotografie, Mountainbike fahren

• Karriere: Seit 1980 betreibt Frentzen Motorsport. Ein Jahr später holte er seinen ersten Sieg im Kart. 1986 begann er dann seine Karriere im Monoposto. Über die Formel Ford 2000, den Gewinn der Formel Opel Lotus und einen zweiten Platz in der deutschen Formel 3 kam er zur Sportwagen- Weltmeisterschaft, wo er 1990 mit Michael Schumacher im Sauber-Mercedes-Junioren-Team fuhr. Frentzen startete noch in der Formel 3000 und der Formel Nippon, bevor er 1994 in der Formel 1 für Sauber debütierte. 1997 wechselte er zu Williams, wo er Vize-Weltmeister wurde. Weitere F1- Stationen: Jordan (1999 – 2001), Prost (2001), Arrows (2002) und Sauber (2002 – 2003). Insgesamt fuhr er 157 GP und holte drei Siege. 2004 und 2005 bestreitete Frentzen für Opel in der DTM 21 Rennen. Seine besten Plazierungen waren zwei dritte Ränge.

Autor: Hesseler

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