Interview mit Jacques Villeneuve

Jaques Villeneuve im AUTO BILD MOTORSPORT-Interview Jaques Villeneuve im AUTO BILD MOTORSPORT-Interview

Interview mit Jacques Villeneuve

— 25.01.2005

"Ich habe genug Jahre verschwendet"

Neustart mit dem Sauber-Team: Für die Schweizer – und den Erfolg – paßt sich Villeneuve an. Und bleibt doch derselbe, wie er behauptet.

"Keine schmutzige Wäsche bei Sauber"

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Villeneuve, nachdem Sie Ende 2004 nach einem Jahr Pause als Ersatzfahrer bei Renault in den letzten drei GP von der großen Anstrengung der Rennen überrascht wurden, sehen Sie nun bei Sauber topfit aus. Sie haben über Winter wohl intensiv trainiert? Jacques Villeneuve: Ja, vor allem Eishockey. Ich will mit meinen Freunden David Coulthard und Mika Salo in der Schweiz ein Team gründen. Aber sicher habe ich mich auch insgesamt seriös vorbereitet.

Seriös! Das war bisher nicht das erste Attribut, daß man mit Ihnen in Verbindung gebracht hat. Nein? Ich war aber immer gründlich in meiner Vorbereitung. Doch als ich 2004 plötzlich die Chance bei Renault bekam, waren die Autos erheblich schneller geworden, als ich erwartet hatte. Der Renault war außerdem schwierig zu fahren. Ich mußte richtig ackern.

Sie sind mit 33 Jahren längst nicht mehr der Jüngste, aber starten mit Sauber gewissermaßen noch mal am Anfang. Ja. Und so fühle ich mich auch. Etwa wie 1996/97. Da beginnen die schönen Erinnerungen. Später folgten dann genügend vergeudete Jahre, vor allem bei BAR-Honda unter der Führung von David Richards. Aber jetzt ist es ähnlich wie bei Williams vor acht Jahren. Auch Sauber hat nur das Ziel, im Rennsport Erfolg zu haben. Politik spielt hier keine Rolle. Der Wettbewerb ist das einzige, was zählt. Gleichzeitig ist die Atmosphäre bei Sauber sehr familiär. Jeder steht hinter dem anderen. Das gefiel mir vom ersten Tag an. Man findet über dieses Team keine Skandale in den Medien. Hier wird keine schmutzige Wäsche gewaschen. Probleme werden intern geregelt. Dadurch kann man hier in Ruhe arbeiten.

Probleme? Intern? Sie galten doch selbst oft als das Problem, waren Stammgast in den Medien. Zu oft, ja. Genau daraus habe ich gelernt. Ich rede weniger, denke aber noch genauso selbständig wie eh und je.

"Tempo mit Köpfchen verbinden"

Der Rebell gibt sich dem System geschlagen. Eddie Irvine wird kein gutes Haar an Ihnen lassen. Ich hatte genug Probleme und will nur noch meinen Job machen. Und noch mal Weltmeister werden.

Mit Sauber, einem noch sieglosen Team, wird das aber schwierig. Schon richtig, wir sind nicht die Favoriten. Aber dieses Team hatte 2004 die beste Formkurve nach oben. Und zwar mit den vergleichsweise wenigsten Tests. Ich will sehen, wie weit wir kommen.

Wer wird Weltmeister? BAR und McLaren-Mercedes werden vorn sein. Bei Ferrari hängt es von den Reifen ab. Und die kann noch niemand einschätzen.

Was Ihr alter Freund Michael Schumacher wohl dazu sagt? Er weiß wie ich, daß es im Motorsport immer wieder Überraschungen gibt. Seine Erfahrung ist ein enormer Bonus. Aber ich habe nicht viel weniger. Und: Wer hätte schon 2004 mit BAR-Honda als WM-Zweiten gerechnet. Deshalb sehe ich jetzt auch für uns – besonders nach dem Wechsel auf Michelin – die Chance, vorn mitzufahren. Zumal unsere Möglichkeiten durch den krassen Regeleinschnitt nochmals begünstigt werden. Denn die Änderungen betreffen in erster Linie die Aerodynamik. Und da ist Sauber schon top.

Wie wird sich die neue Technik für die Fahrer auswirken? Es gibt weniger Grip, also sinken die Geschwindigkeiten. Es wird mehr wie bei Regen sein, was heißt, daß die Autos mehr driften, unberechenbarer werden, unvermittelter ausbrechen, die Fehlerquote steigt. Das ermüdet einen eher mental. Wir müsse zwar auch mehr am Lenkrad arbeiten, dafür aber nicht so schwer, denn die G-Kräfte werden geringer. Folglich braucht man weniger Muskelkraft.

Doch weniger Boxenstopps durch das Verbot der Reifenwechsel bedeuten weniger Erholungspausen, oder? Aber auch ganz andere Rennen. Mir gefällt es, daß man nun strategischer fahren muß, nicht mehr stumpf eine Qualifikationsrunde nach der anderen. Dadurch sind wir gezwungen, Tempo mit Köpfchen zu verbinden. Also steigt die Verantwortung für die Fahrer. Das wollen wir doch alle. Auch das kommt dem Racing meiner ersten F1-Jahre näher. Und technisch muß man dadurch, daß ein und dieselbe Abstimmung Qualifikation und Rennen meistern muß, einen dritten Faktor mit einbeziehen, der Erfahrung fordert. Und die spricht für mich. Jetzt müßte nur noch die Traktionskontrolle weg. Dann hätten wir wieder perfekten Rennsport.

Jacques Villeneuve im Kurzporträt

Jacques Villeneuve im KurzporträtGeboren: 9. April 1971 • Geburtsort: St.-Jean-sur-Richelieu (Quebec, Kanada) • Wohnort: Villars (Schweiz) • Nationalität: Kanadier • Familienstand: verlobt mit Ellie Green, Ballerina • Erlernter Beruf: Rennfahrer • Hobbys: Musik, Computer, Skisport

Gute Noten in Mathe – unter dieser Bedingung, erklärte Joann Villeneuve ihrem knapp 13jährigen Sohn, dürfe er einmal Kart fahren. Jacques paukte. Und paukte. Im September 1985 drehte er schließlich seine erste Runde auf der Kart-Bahn von Imola – und war von da an nicht mehr zu bremsen.

1990 bis 1991 startet Jacques Villeneuve in der italienischen Formel 3. Um seine Karriere etwas zu beschleunigen, wechselt er 1993 in die Japanische Formel 3, wo er zunehmend Erfolge einfährt. 1993 startet Villeneuve in der Formel Atlantic, 1994 wird er IndyCar "Rookie des Jahres", 1995 IndyCar-Meister und Sieger Indy-500.

1996 folgt der ersehnte Wechsel in die Formel 1; hier wird er mit Williams Vize-Weltmeister, ein Jahr später, 1997, Weltmeister. 1999 bis 2003 geht Villeneuve für BAR-Honda in die F1-Rennen, macht 2004 wegen mangelnder Erfolge aber ein Jahr Pause. Seit November 2004 ist Jacques Villeneuve bei Sauber unter Vertrag.

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