Interview mit Jacques Villeneuve

Interview mit Jacques Villeneuve Interview mit Jacques Villeneuve

Interview mit Jacques Villeneuve

— 06.10.2005

"BMW hat mit mir schon 2006 Erfolg"

Der Kanadier über sein bislang mißglücktes Comeback, Geld- und Entwicklungsprobleme beim Team Sauber, seine Abneigung gegenüber elektronischen Fahrhilfen und seine Zukunft mit BMW.

Bei Sauber "lief ich gegen die Wand"

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Villeneuve, Sie sind mit nur vier Top-ten-Plazierungen und neun Punkten WM-Dreizehnter. Sie hatten sich Ihr Comebackjahr sicher etwas leichter vorgestellt? Jacques Villeneuve: Teils, teils. Ich wußte, daß ich mit wenig Testkilometern in die neue Saison gehen würde (exakt 1400; die Red.). Der Anfang war hart. Und die Medien sind aggressiv mit mir umgesprungen.

Sagen Sie bloß, einen alten Profi wie Sie können Zeitungskritiken ernsthaft erschüttern? Oh doch, das ging mir nahe. Aber bei Sauber war die Schelte zu verschmerzen. Ich brauchte einfach zu lange, um mich im Team zurechtzufinden. Ein Grund ist: Bei Sauber kann man nicht einfach diese und jene technische Lösung ausprobieren, die einem so vorschwebt, weil Sauber nicht die Kapazitäten eines Topteams hat. Das bedeutet: Wenn wir hier eine neue technische Lösung ausprobieren, können wir eine andere automatisch nicht ausprobieren. Weil Zeit und Möglichkeiten fehlen. Deshalb lief ich mit meinen Ideen eine Zeitlang gegen die Wand. Das war frustrierend. Denn da, wo ich herkam, konnte ich immer alles mögliche versuchen, um zum Ziel zu kommen.

Wie war die Stimmung im Team? Angespannt, aber nie vergiftet. Das Team bekam schnell heraus, daß ich nicht willkürlich andere Lösungen forderte, sondern um uns voranzubringen. Nur fehlte das Geld für die Umsetzung.

"Ich kannte keine Beschränkungen"

Soll das heißen, wenn Sie früher neue Flügel oder Stoßdämpfer ausprobieren wollten, dann bekamen Sie die auch? Ja. Beschränkungen kannte ich bei Williams und BAR-Honda nicht. Schon weil diese Teams sehr interessiert daran waren, ob meine Ideen etwas bringen. Verwerfen konnte man sie immer noch, wenn sie sich als unsinnig erwiesen.

Jedenfalls brauchten Sie deshalb bei Sauber eine halbe Saison, um auf Tempo zu kommen. Dabei waren Sie Ende 2004 gut in die Tests gestartet. Ja, das war mit dem alten Auto (nach altem Reglement mit deutlich höherem Abtrieb gebaut; die Red.). Das lag wesentlich stabiler. Außerdem wurden die elektronischen Probleme, die ich später mit dem neuen Auto bekommen sollte, am Vorgänger nicht so offensichtlich. 2005 wurde unser Auto mangels Abtrieb wesentlich stärker abhängig von der Elektronik. Inzwischen haben wir da mit vielen mechanischen Änderungen an Stoßdämpfern und Radaufhängungen gegengewirkt. Das hat gedauert.

Was war so schwierig daran? Wenn ein Team wie Sauber einen Fahrer hat wie Felipe Massa, der das aktuelle Auto mitentwickelt hat und gut findet, ist es schwer als Neuling, zu fordern: Macht das bitte alles anders.

Hatte Peter Sauber Sie nicht gerade deshalb verpflichtet, um neue Wege aufgezeigt zu bekommen? Schon. Aber wenn du langsamer bist als dein Teamkollege, warum soll dein Team dann das Auto umbauen?

Das Grundproblem: zu harte Reifen

Ab dem vierten Rennen, Platz vier in Imola, ging es aufwärts. Ja, denn erstens bekamen wir weichere Reifen, weil Michelin seine Vorsicht nach gelungener Saisoneröffnung ablegen konnte. Und zweitens zahlten sich Tests aus, die wir ja erst nach drei Überseerennen machen konnten.

Trotzdem wirkten Sie am Anfang zu langsam, danach zu fehlerhaft. Das Problem ist, daß ich ausgerechnet in den Rennen in Zwischenfälle verwickelt wurde, in denen mein Tempo gut war. Meine wahre Ausbeute hätte viel höher sein können.

Gibt es ein Grundproblem für Sie 2005? Die Reifen, die dieses Jahr Qualifikation und Rennen überdauern müssen, sind zu hart für meinen Geschmack. Damit gelingt es mir zu selten, sie für eine schnelle Qualifikationsrunde richtig anzufahren, auch wenn das besser geworden ist.

Sie attackierten in Monaco ihren Teamkollegen Felipe Massa und hatten mindestens fünf weitere fragwürdige Zwischenfälle, wie verpatzte Boxenstopps, Kollisionen und ähnliches. In Monaco waren Felipes Reifen hinüber und ich viel schneller. Ich hatte den Auftrag anzugreifen. Dabei passierte es eben. Und einen Tankwart hat sogar Michael Schumacher schon angefahren.

Es sieht aus, als litten Sie mehr unter dem reifenbedingten Gripmangel als andere Fahrer. Glaube ich nicht. Grip mag doch jeder Fahrer. Tatsächlich hatte ich oft gute Rennen bei Nässe, wie zuletzt auch in Spa.

"Ich muß bis 2008 überleben"

Aber Probleme mit der Elektronik sind kaum zu leugnen. Nein, weil man damit zum Passagier wird. Die jungen Fahrer, wie Alonso, wissen ja gar nicht wie das war, ohne Traktionskontrolle. Die lenken ein und selbst wenn sie zu spät bremsen, warten sie einfach, bis das Auto gerade steht und treten dann voll aufs Gas. Ich kam aus meiner Pause, und niemand wollte die Elektronik zurückbauen. Das machen Ingenieure nicht. Aber Fahrer sind keine Roboter, wir fahren mit Gefühl. Auch das elektronische Bremssystem arbeitet in einem bestimmten Bereich gut. Wenn du diesen Stil aber nur minimal änderst, blockieren plötzlich die Hinterräder – aber richtig. Dann drehst du dich. Das ist kein Spaß. Aber jetzt sind wir damit im grünen Bereich. Ich stellte meinen Bremsstil um. Außerdem fahre ich eine ganz andere Software für die Traktionskontrolle als Massa.

Wann wird es erfolgreich sein? Mit BMW (dem Sauber-Aufkäufer, d. Red.) – und mir – in etwa einem Jahr.

Eine kühne Prognose! Nein, Sauber hat alle Möglichkeiten. Und durch BMW jetzt auch das Geld, sie zu nutzen.

Wieso mit Ihnen? Ich habe einen Zweijahresvertrag. Warum sollte jemand versuchen, das zu ändern?

BMW-Chef Dr. Mario Theissen hat Ihnen drei Rennen Probezeit verordnet, bevor er sich für oder gegen Sie entscheiden will. Das ist doch ein Wort, eine Herausforderung, die ich annehme.

Ihr Langzeitziel? Ich muß bis 2008 überleben, wenn die verdammte Elektronik abgeschafft wird und Slicks erlaubt sind.

Zur Person: Jacques Villeneuve

JACQUES VILLENEUVEGeboren: 9. April 1971 • Geburtsort: St.-Jean-sur-Richelieu (CAN) • Wohnort: Monaco • Nationalität: Kanadier • Familienstand: verlobt mit Ellie Green • Erlernter Beruf: Rennfahrer • Hobbys: Eishockey, Musik, Golf

Karriere: 1985 Karrierebeginn im Kart. 1994 bester Neuling in der IndyCar- Meisterschaft, 1995 jüngster IndyCar-Meister, Sieger der Indy 500, 1996 F1-Debüt mit Williams (Vizeweltmeister), 1997 F1-Weltmeister, 1998 WM-Fünfter, 1999-2003 BAR-Honda. Holte dort insgesamt 39 Punkte. Fuhr 2004 drei Rennen für Renault. 2005 Wechsel zu Sauber. Formel-1-Bilanz: 1 WM, 150 Grand Prix, 11 Siege, 13 Pole Positionen

Autor: Hesseler

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