Interview mit Jacques Villeneuve

Jacques Villeneuve im Interview Jacques Villeneuve im Interview

Interview mit Jacques Villeneuve

— 03.07.2006

"Ich bin ein gutes Geschäft"

Der Kanadier Jacques Villeneuve gilt als sehr eigenwilliger Typ. Im Interview spricht er über BMW, seine Zukunft und immer mehr Fouls in der Formel 1.

"Das neue Auto ist wie eine zweite Haut"

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Villeneuve, wie fällt Ihre persönliche Halbzeitbilanz nach dem stressigen Heim-GP in Montreal aus? Jacques Villeneuve Wir haben mehr Punkte geholt als erwartet. Wir hatten einige mechanische Probleme, das nervt immer. Wie zum Beispiel in Barcelona (wegen Motorwechsel vom letzten Platz aus gestartet; die Red.). Aber in Silverstone waren wir schneller als erwartet. Offenbar haben wir bei diesem GP einen größeren Sprung vorgelegt als unsere Gegner. Alles in allem eine positive erste Halbzeit.

Was funktioniert nach BMWs Sauber-Übernahme, was nicht? Wir haben als Team eine sehr schnelle Reaktionszeit, aber uns fehlen noch etliche Leute, um all die anfallende Arbeit zu erledigen. Doch das ändert sich täglich. Das Budget ist da. Das Team expandiert noch. Wenn es diese Sorgen nach zehn Jahren noch hätte, dann wäre es ein wirkliches Problem.

Wieso kommen Sie mit dem aktuellen BMW-Sauber besser klar als mit dem Sauber von 2005? Das liegt teils an der Umstellung auf V8-Motoren. Das Auto ist leichter zu fahren. Unser Vorgängermodell war immer am Limit. Wir mußten sehr aggressiv fahren, konnten es nie nur laufen lassen. Das paßte mir gar nicht. Ich hatte nie das Gefühl, daß ich es fahre, sondern reagierte immer nur darauf, was es gerade tat. Das alte Auto war nie ein Teil von mir, das neue ist seit der ersten Ausfahrt wie eine zweite Haut. Es ist im Gegensatz zum Vorgängermodell eigens für Michelin-Reifen entwickelt worden und hat deshalb vorn mehr Federweg. So fühle ich den Grip beim Bremsen besser. Der BMW-Motor ist sehr stark. Außerdem haben wir sehr viel damit getestet. Wir verändern und entwickeln es ständig und kommen besser vorbereitet zu den Rennen.

Und grundsätzlich? Der V8-Motor hängt weniger an elektronischen Vorgaben und Regelungen, benötigt seltener den Einsatz von Traktionskontrolle und anderer Steuerungen. Das liegt mir.

Also sind Sie rundum glücklich mit BMWs Entwicklung? Absolut. Als wir in die Saison gestartet sind, waren wir so positiv, daß ich befürchtete, einige Leute würden vielleicht sogar bald abheben. Aber das ist zum Glück nicht eingetreten. Wir arbeiten begeistert und schnell, sind auf dem Weg nach oben und haben das Ziel noch nicht erreicht, was gut ist.

Wieso gut? Sie haben uns doch wörtlich mitgeteilt: "Mit mir hat BMW Ende 2006 schon Erfolg." Habe ich das? Das ist lustig. Jeder Fahrer denkt doch, er wird seinem Team nach vorn helfen. Man weiß, daß einige Einrichtungen an unserem Auto auf meine Arbeit zurückzuführen sind. Und es gibt andere Entwicklungen, in die ich involviert bin.

"Zu viele Formel-1-Fahrer sind unfair"

Pikanterweise galten Sie bei BMW zunächst als unerwünscht. Nun sind Sie ab und zu sogar schneller als BMW-Wunschpilot Nick Heidfeld. Wieso? Weiß ich nicht, vielleicht liegt mir das Auto einfach etwas besser.

Wie ist Heidfeld als Teamkollege? Er ist stark, er ist freundlich, und er ist nicht politisch. Eine sehr erfreuliche Erfahrung. Wir kommen gut klar.

Sie sind mit nun 35 Jahren seit Ihrem Abschied vom Topteam Williams Ende 1998 nach einigen verkorksten BAR-Jahren, fast einem Jahr Rennpause und Comeback ein Ex-Weltmeister, der immer noch im Mittelfeld ackert. Wo liegt da der Spaß? Da ist kein großer Unterschied mehr zwischen der Spitze und uns. In der Gesamtwertung sind wir von Platz acht auf fünf geklettert, waren in Silverstone vierte Kraft. Wir spüren jede Veränderung am Auto sofort. Wir hängen nicht meilenweit hinterher. Das macht es für mich momentan so aufregend.

Aber Sie klagten unlängst, daß Ihnen noch kein Team einen Vertrag für 2007 angeboten hat. Ich habe nur klargestellt, daß ich mich hier wohl fühle und bleiben möchte. Wenn ich hier keinen neuen Vertrag bekomme, gibt es eine Menge anderer interessanter Teams. Es hängt davon ab, wie ich fahre – und von vielen anderen Faktoren. Ich bin schnell, erfahren und nicht mal teuer, deshalb ein gutes Geschäft für etliche Teams.

Würden Sie sich kostenlos anbieten, um einen Vertrag zu kriegen, wie 1993 Ayrton Senna? Das wäre nur ein Mittel, um andere (Fahrer und Teams; die Red.)unter Druck zu setzen. Ich bin 35 und verheiratet und werde Vater. Ich möchte dieses Leben mit all den Reisen und Tests und Verpflichtungen und abseits meiner Familie und meinem Zuhause nicht zum Nulltarif auf mich nehmen. Dann würde ich lieber zu Hause bleiben.

Klingt konsequent – macht ein Villeneuve immer noch keine Kompromisse? Ich glaube nicht, daß ich mich seit meinem F1-Start vor zehn Jahren geändert habe.

Ungefähr so lange schon gelten Sie als Feind Michael Schumachers. Wie bewerten Sie seine Monaco-Blockade heute? Diese Sache hat nichts mit seinem Foul an mir 1997 zu tun. Damals ging's um den Titel. In Monaco sah ich einfach, was geschah und sagte meine Meinung (er sprach Schumi Formel-1-Niveau ab; die Red.). Ich will keinen Krieg daraus machen. Ich war ja gar nicht betroffen. Es ist nur einfach traurig, wenn so was passiert. Ich habe immer nach meinen Prinzipien gelebt und werde das auch nicht ändern. Blocken scheint groß in Mode. Es passiert halt. Michael hat seine angemessene Strafe bekommen. Diese Strafen sind offenbar nötig. Und richtig, solange sie als Mittel korrekt eingesetzt werden. Leider brauchen wir sie, denn zu viele Fahrer sind unfair.

Jacques Villeneuve im Kurzportrait

Jacques Villeneuve im Kurzportrait • Geboren: 9. April 1971 • Geburtsort: St.-Jean-sur-Richelieu (Quebec, Kanada) • Wohnort: Villars, Schweiz • Nationalität: Kanadier • Familienst.: verheiratet mit Johanna seit Juni 2006 • Ausbildung: Rennfahrer • Hobbys: Ski, Eishockey

Karriere Zwar saß "JV" mit fünf Jahren erstmals am Steuer eines Pkw. Aber erst mit 15 – vier Jahre nach dem Unfalltod seines Vaters Gilles – probiert er sich 1986 an der kanadischen Jim-Russel-Racing-School als Pilot. Zwei Jahre später (1988) nimmt er an der italienischen Tourenwagenmeisterschaft teil, wechselt dann für drei Jahre in die italienische F3-Meisterschaft. 1992 landet er in der japanischen Formel 3 vorn (Zweiter), wird 1993 Dritter der Formel Atlantic (USA), 1994 Rookie des Jahres der US-Indycar-Serie, 1995 Indy-500-Sieger und -Meister. 1996 dann F1-Vizeweltmeister, 1997 Weltmeister (jeweils mit Williams). 1999 bis 2003 (BAR), 2004 Renault-Gastspiel, seit 2005 bei Sauber bzw. BMW. Bilanz: 161 GP, 11 Siege, 13 Pole-Positions.

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