ABm-Interview mit Jos Verstappen

Interview mit Jos Verstappen Interview mit Jos Verstappen

Interview mit Jos Verstappen

— 08.10.2003

"Michael wird wohl ewig kämpfen"

Der Holländer ist Schumis bester F1-Freund. Mit AUTO BILD motorsport sprach er über den Superstar und sein eigenes Dasein am Ende des GP-Feldes.

"Wir fahren immer total hinterher"

AUTO BILD motorsport: Wie schwer ist es im Minardi-Cosworth, eigentlich komplett ein Vorjahresmodell, eine Saison zu bestreiten? Jos Verstappen (31): Am Anfang gab es Hoffnung, aber seit Saisonmitte ist es richtig schwierig. Ich gebe immer alles, aber in solchen Zeiten kann ich nicht immer hochmotiviert zum Fitnesstraining antreten.

Wie schlecht ist das Auto genau? Im Schnitt sind wir vier Sekunden pro Runde zu langsam. Manchmal fehlt mir in der Qualifikation eine volle Sekunde zu Platz 18. Dabei ist es jeweils egal, ob wir zuvor getestet haben oder nicht. Was wir brauchen, ist ein Windkanal und das Geld, um die nötigen Teile zu produzieren.

Fühlen Sie sich gedemütigt? Nein. Als Rennfahrer gibt man im Auto immer 100 Prozent.

Was war der Tiefpunkt der Saison? Es gab keinen konkreten. Wir fuhren ja immer total hinterher.

Würden Sie mit dieser Erfahrung noch mal bei Minardi einsteigen? Hätte ich das nicht getan, wäre meine F1-Karriere beendet gewesen. Wenn ich also für 2004 einen Vertrag bekomme, war es richtig. Wir sprechen mit einigen Teams – auch mit Jaguar und Jordan. Aber wenn man immer hinten rumgurkt, kann man keine richtigen Rennen fahren. Mein Ziel ist es, noch einmal ein gutes Auto zu bekommen, mit dem man sich für eine der ersten sechs Startreihen qualifizieren kann. Dann hat man eine Chance, im Rennen etwas zu bewegen.

Auf wie viele Testtage werden Sie 2003 insgesamt kommen? Auf zwei oder drei, viel mehr werden es nicht.

Woran fehlt es dem aktuellen PS03? Abtrieb ist unsere große Schwäche. Wir sind fast nie im Windkanal. Die Top-Teams sind sieben Tage pro Woche 24 Stunden drin – bei uns waren es im Verlauf von zwei Monaten nur fünf Tage. Bis zum GP San Marino fuhren wir alte Reifen.

"Die Szene wird sehr kurzsichtig betrachtet"

Können die anderen Teamchefs die Leistung eines Minardi-Fahrers richtig beurteilen? Nein. Die Szene wird sehr kurzsichtig betrachtet. Nur die ersten drei zählen – der Rest interessiert keinen. Die wollen eher junge Leute haben, die sie ein wenig leiten können und um die ein Hype gemacht wird. Für mich wird es deshalb schwierig. Aber ich gebe nicht auf.

Es heißt, sie brächten fünf Millionen Dollar von Sponsoren mit. Ich bin zufrieden hinsichtlich der Unterstützung meiner Partner.

Sie sind der erfolgreichste niederländische F1-Pilot aller Zeiten. Was bedeutet Ihnen das? Eine gewisse sportliche Befriedigung bringt das durchaus. Aber mit dem richtigen Material könnte ich mehr erreichen. Okay, ich war tatsächlich zweimal als Dritter auf dem Podest, aber mit dieser Ausbeute bin ich nicht zufrieden.

Was die Anzahl der Comebacks betrifft, sind Sie Rekordhalter. Eine Unterbrechung 1994, eine 1995, eine 1998. 1999 waren Sie komplett weg vom Fenster, 2002 trotz eines gültigen Arrows-Vertrages ebenfalls. Was ist Ihr Comeback-Rezept? Das ist der Beweis dafür, dass manche Leute unverändert an mich glauben. Wenn meine Karriere einige Male unterbrochen wurde, lag das ja auch an einer gehörigen Portion Pech. Wenn ich mich dann wieder in ein Auto setzen konnte, war ich auf Anhieb schnell. Das hat viele wohl beeindruckt.

Ein gutes Auto bekamen Sie nur zum Debüt – bei Benetton 1994. Genau dieses erste Jahr war wohl das Problem. Ich machte Fehler, weil das Auto mir nicht lag. Michael Schumacher wurde damit Weltmeister. Es war total auf ihn zugeschnitten. Da sah ich natürlich schlecht aus. Dann hatten die tödlichen Unfälle von Ratzenberger und Senna Regeländerungen zur Folge. Für mich als Rookie blieb da nicht viel Zeit, das Auto nach meinen Bedürfnissen abzustimmen. Der 94er-Benetton war sehr nervös. Kollegen, die ihn nach mir fuhren, machten die gleiche Erfahrung. Für mich wäre es wohl besser gewesen, bei einem kleineren Team anzufangen, um langsam aufzusteigen.

Sind Sie aufgrund Ihrer Routine heute besser als 1994? Natürlich. Jede Saison macht einen besser. Man sammelt Erfahrungen, gewöhnt sich an Strecken, wird mit der Geschwindigkeit der Autos immer vertrauter und verinnerlicht Reaktionen auf viele unterschiedliche Situationen.

"Schumi hat mir immer sehr geholfen"

Frustriert es Sie, Ihr Potenzial nicht in Erfolg umsetzen zu können? Sehr. Man sieht all die jungen Leute, die gute Autos bekommen und schneller fahren. Aber dagegen kann man nichts tun. Aber ich bin noch hier, und darüber freue ich mich. Zum einen, weil ich die F1 liebe und diese Autos sehr gern fahre. Zum anderen, weil ich wieder eine Stufe höher möchte.

Wo stufen Sie sich heute ein? Ich bin davon überzeugt, dass ich zur Top-Kategorie zähle ...

Meinen Sie die ersten sechs, sieben, acht Fahrer? Ja, sieben bis acht. Insgesamt sind die Unterschiede zwischen uns allen gering. Michael Schumacher ist der Beste. Das hat er in Monza und nun in Indy wieder bewiesen. Er macht einfach das Optimum aus jeder Situation, egal unter welchen Bedingungen. Wir gehen ja öfter zusammen Kart fahren, fetzen uns wie die Verrückten. Er liebt dieses Kämpfen über alles. Ich glaube, das wird sich nie ändern. Und das ist ein entscheidender Teil seines Wesens und seines Erfolgsrezepts. Dazu kommen seine Professionalität und seine immense Erfahrung. Und natürlich ein Topauto. Nach ihm kommen Leute wie Barrichello und Montoya. Aber zwischen denen und dem Schlechtesten besteht kein großer Unterschied. Ich habe Michael die Daumen gedrückt für seinen sechsten Titelgewinn. Das hat wohl schon ein bisschen geholfen.

Sie gelten als guter Überholer. Kommt das vom Mut oder von dem Gespür für den Augenblick? Wenn man von hinten startet, hat man nicht die schnellsten Leute vor sich. Außerdem fahre ich zu Rennbeginn sehr aggressiv – da kann man Plätze gutmachen.

Ihr Talent war sogar bei Ferrari gefragt. 2002 hätten Sie dort Testfahrer werden können. Aber Sie wollten einen Vertrag mit Arrows einhalten, der dann von Arrows gebrochen wurde. Es war Ende 2001, als Michael meinte, ich könnte vielleicht Testfahrer bei Ferrari werden. Er hat mir bei Benetton geholfen und hatte auch nach unserer gemeinsamen Zeit dort immer ein Auge auf mich. Dafür bin ich ihm dankbar. Aber damals musste ich mit Blick auf meinen Arrows-Vertrag absagen. Wenn ich angenommen hätte, hätte Arrows-Boss Tom Walkinshaw mich verklagt.

Wie viel Geld ging Ihnen durch den Vertragsbruch verloren? Etliche Millionen, ich bekam nichts. Schwamm drüber. Ich müsste jetzt in ein Team wie Jordan kommen. Dann könnte ich etwas zeigen. Nach der Formel 1 könnte ich mir einen Wechsel in die DTM vorstellen.

Müssen Sie denn noch arbeiten? Ich muss nicht, habe gut verdient. Geld interessiert mich weniger. Ich würde lieber mal ein Rennen gewinnen. Das wäre viel schöner. Das Geld kommt dann von selbst.

Jos Verstappen im Kurz-Porträt

Kurz-Porträt Geboren: 4. März 1972 • Geburtsort: Montfort (NL) • Wohnort: Monte CarloNationalität: Niederlande • Familienstand: verheiratet mit Sophie, zwei Kinder (Sohn Max, Tochter Victoria) • Erlernter Beruf: Rennfahrer • Hobbys: Modellautos.

Der Früh-Starter Jos (von Josef) Verstappen begann seine sportliche Laufbahn 1983 im Kart. Bis 1991 brachte er es zu fünf Titeln (nationalen bis hin zu europäischen). 1992 wurde er in der Opel-Lotus-Serie Benelux-Champion und gewann parallel zwei EM-Läufe. Mit acht Saisonsiegen sicherte er sich als damaliger Schützling von Schumi-Manager Willi Weber 1993 die F3-DM.

1994 stieg er, nach Meinung von Weber "zu früh", in die F1 auf. Seitdem bestritt er für die Teams Benetton, Simtek, Arrows, Tyrrell, Stewart und Minardi 106 GP. 1994 war Verstappen u. a. mit zwei Podiumsplätzen (Dritter in Budapest und Spa) und zehn WM-Punkten WM-Zehnter. 1999 dann Testfahrer für ein Honda-F1-Entwicklungsprojekt.

In dieser Saison fährt Verstappen für Minardi (noch ohne WM-Punkt). In seiner Heimat gilt er als Volksheld. Gemanagt wird er inzwischen von seinem Landsmann Huub Rothengatter, einem Ex-Formel-1-Fahrer. Weitere Verstappen-Informationen im Internet unter www.verstappen.nl.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.