Interview mit Jutta Kleinschmidt

Interview mit Jutta Kleinschmidt

— 20.07.2006

"Ein kleines Team hat auch Vorteile"

Der Speed stimmt. Nach dem ersten Test im BMW X3 CC sieht Jutta Kleinschmidt der Dakar 2007 optimistisch entgegen.

"Fhle mich sehr wohl im neuen Team"

AUTO BILD MOTORSPORT: Sie kommen gerade von einem Test mit dem BMW X3 CC aus Marokko zurck. Wie unterscheidet er sich vom VW Race- Touareg, den Sie in den letzten drei Jahren gefahren sind? Jutta Kleinschmidt: Der BMW-Motor hat mehr Hubraum als der VW (drei Liter im Vergleich zu 2,5 Liter; d. Red.). Dadurch hat er mehr Drehmoment, auerdem ist das nutzbare Drehzahlband breiter.

Der Race-Touareg hat optisch nur wenig mit dem Serienfahrzeug zu tun. Die Karosserieform des X3 ist deutlich seriennher. Auerdem muss der X3 aufgrund des greren Motors schwerer sein. Ist dies ein Nachteil? Kaum. Zwar liegt der BMW hher. Aber das kann man mit der Fahrwerksabstimmung ausgleichen.

In Marokko haben Sie auch zum ersten Mal mit Ihrem neuen Team X-Raid gearbeitet, das die BMW-Fahrzeuge einsetzt. Gibt es einen Unterschied zu einem Werksteam wie VW? Ich fhle mich in meinem neuen Team sehr wohl. Die Arbeit macht viel Spa. Alle sind sehr engagiert, jeder ist mit ganzem Herz bei der Sache. Natrlich lsst sich der Aufwand nicht miteinander vergleichen, schlielich hat X-Raid nur einen Bruchteil des VW-Budgets zur Verfgung. Die Arbeit mit einem kleineren Team hat aber auch Vorteile, weil Entscheidungen schneller getroffen werden.

Mit beschrnktem Budget lsst sich aber auch nur beschrnkt entwickeln ... Das ist richtig. Aber auch mit wenig Geld kann man an einem Rennauto Fortschritte erzielen. Wir haben beim Fahrwerk, bei den Bremsen und bei der Motorkhlung Dinge gefunden, die auch ohne ein Riesenbudget verbessert werden knnen.

Wie viel Potential steckt im BMW? Die zurckliegende Rallye Dakar hat gezeigt, dass der X3 CC beim Speed mit VW und Mitsubishi gut mithalten kann. Hier haben wir wenig Nachholbedarf. Wichtigster Punkt der Testarbeit wird sein, die Haltbarkeit zu verbessern.

Wie kommen Sie mit Ihren neuen Teamkollegen Guerlain Chicherit und Nasser Al-Attiyah zurecht? Nasser war beim Test nicht dabei. Mit Guerlain habe ich mich gut verstanden. Er ist unglaublich neugierig und scheut sich auch nicht, dauernd Fragen zu stellen, wie das vielleicht ein arrivierter Pilot nicht tun wrde. Aber seine Fragen zeigen, dass er trotz seiner geringeren Erfahrung (Chicherit fuhr erst zweimal die Rallye Dakar; d. Red.) bereits sehr viel von der Materie versteht. Ich bin sicher, er wird in absehbarer Zeit einer der Top-Piloten der Szene.

"Ich halte HANS fr eine gute Sache"

Wann fahren Sie den BMW zum ersten Mal im Wettbewerb? Das ist abhngig von der Entwicklungsarbeit. Mglicherweise bei der Pharaonen-Rallye in gypten (1. bis 8. Oktober 2006).

Sie lassen also die UAE Desert Challenge in Dubai aus, die traditionell als beste Vorbereitung auf die Rallye Dakar gilt? Das ist nicht endgltig entschieden. Ich glaube, die Pharaonen-Rallye ist besser als Vorbereitung. Die Strecke ist abwechslungsreicher als in Dubai, wo nur im Sand gefahren wird. In gypten sind Steinpisten dabei, wie sie auch bei der Rallye Dakar vorkommen.

Demnach werden Sie wohl bei der Rallye Dakar zum ersten Mal auf Ihren alten Arbeitgeber VW treffen. Wie stehen die Chancen? Man muss realistisch bleiben. Schlielich sind VW und Mitsubishi Werks- und X-Raid ein Privatteam. Ein Platz auf dem Podium wre schon sehr, sehr gut.

Der Zweikampf zwischen VW und Mitsubishi hat den Konkurrenzdruck bei Wstenrallyes gewaltig verschrft. Liegt darin der Grund fr die schweren Unflle der letzten Zeit? Es liegt in der Natur des Rennsports, dass das Tempo immer hher geschraubt wird. Die Autos sind inzwischen so gut, da man nur noch sehr wenig Rcksicht auf das Material nehmen muss. Auch die Reifen halten viel mehr aus als noch vor fnf Jahren. Wer nur auf Ankommen fhrt, hat keine Siegchance. Trotzdem, die meisten Unflle passieren bei relativ geringer Geschwindigkeit. Insofern halte ich die Diskussion ber ein Tempolimit fr sinnlos.

ber eine Vorschrift des HANS-Systems wird diskutiert. Ich halte HANS fr eine gute Sache und habe es beim Testen schon ausprobiert. Allerdings ist es mit handfesten Nachteilen verbunden, z. B. schrnkt es die Bewegungsfreiheit beim Reifenwechsel oder Luftablassen stark ein. Deswegen muss man HANS vorschreiben, dann haben alle den gleichen Nachteil.

"Wer behauptet, ich sei zu langsam ..."

VW-Motorsportdirektor Kris Nissen ist der Meinung, Sie sind fr die moderne Generation der Cross-Country-Autos zu langsam. Kommen Quereinsteiger wie Carlos Sainz oder Colin McRae mit diesen Fahrzeugen besser klar? Wer behauptet, ich sei zu langsam, sollte sich einmal meine Resultate aus den letzten Jahren anschauen. Bei der Dakar 2006 war ich bestplazierter VW-Pilot bis zu dem Tag, an dem technische Probleme auftraten. Ein Fahrer wie Carlos Sainz ist aber eine Bereicherung fr den Cross-Country-Sport, weil er mit seiner Popularitt viel ffentliche Aufmerksamkeit generiert.

Apropos ffentliche Aufmerksamkeit: Bei VW waren Sie sehr stark in Werbung und Pressearbeit eingebunden. Wie wird BMW Ihre Popularitt nutzen? Das ist momentan noch nicht klar. Aber wir reden bereits ber gemeinsame PR-Aktionen.

Trotzdem haben Sie jetzt mehr Freizeit als in den Jahren als VW-Werkspilotin? Klar, wir testen weniger und fahren weniger Rallyes. Dennoch bin ich intensiv in die Entwicklungsarbeit eingebunden. Auerdem nutze ich die Zeit, um mein Fitnesstraining zu intensivieren. ber Langeweile kann ich mich nicht beklagen.

Die erfolgreichste Frau im Rallye-Sport: Jutta Kleinschmidt.

Kurzvita von Jutta Kleinschmidt Geboren: 29. August 1962 Geburtsort: Kln Wohnort: Monte Carlo/MC Nationalitt: Deutsche Familienstand: ledig Ausbildung: Diplom-Ingenieurin (Physik) Hobbys: Sport, Hubschrauber fliegen, Computer Karriere: 1988 startete Jutta Kleinschmidt erstmals im Wettbewerb bei der Rallye Dakar auf einem Motorrad. 1993 der Wechsel ins Auto, als Beifahrerin bei ihrem zeitweiligen Lebensgefhrten Jean-Louis Schlesser. 1995 sa sie dann selber am Lenkrad (Mitsubishi). 2001 holte sie als bisher einzige Frau den Gesamtsieg bei der Dakar. Nach fast vier Jahren im VW-Werksteam fhrt Jutta Kleinschmidt heute fr das BMW-Privatteam X-Raid.

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