Interview mit Timo Glock

Interview mit Timo Glock

— 24.09.2009

"Ich habe Job-Angst"

Toyota-Formel-1-Pilot Timo Glock spricht im Interview über verpasste Chancen, die Konkurrenz zu Teamkollege Jarno Trulli, Probleme mit seinem Auto und seine Zukunft in der automobilen Königsklasse.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Glock, Sie haben gesagt, Sie wollen 2010 Weltmeister werden. Sind Sie dem Ziel näher gekommen? Timo Glock: Wenn Sie mich das nach den ersten fünf Rennen gefragt hätten: deutlich näher. Jetzt bin wieder weiter weg. Weil sich die Situation nicht nur in der Formel 1, sondern in der ganzen Welt verändert hat. Keiner weiß im Moment wirklich, wie es weitergeht. Ich weiß nicht, ob ich auch nächstes Jahr noch hier sitze. Ich habe noch keinen Vertrag für 2010 und deshalb sind da überall Fragezeichen.
Auch sportlich gesehen…? Als Team haben wir Anfang des Jahres gezeigt, dass wir das Potential haben, um vorne mitzufahren. Fakt ist aber auch, dass wir uns mit der Weiterentwicklung des Autos schwerer getan haben als die anderen. Uns fehlt die Konstanz übers Jahr gesehen auf jeder Strecke schnell zu sein. Warum wissen wir auch nicht. Ab Monaco ist das Feld so eng zusammengerückt, dass du – wenn irgend etwas nicht läuft – gleich ganz nach hinten rutschtst.

Das Auto reagiert aggressiv auf Veränderungen

Nach gutem Saisonstark erfüllten sich die Hoffnungen im Toyota-Team nicht.

Trotzdem: McLaren hat den Sprung zurück an die Spitze geschafft, Ferrari auch. Brawn und Red Bull blieben trotzdem konkurrenzfähig. Warum schafft ein so großes Team wie Toyota das nicht?
Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich weiß es einfach nicht. Das Auto ist wieder in ein kleineres Abstimmungsfenster gerückt.  Anfang des Jahres konntest du dich im Grenzbereich besser bewegen. Durch die aerodyamische Entwicklung ist das Auto aggressiver geworden, reagiert stärker auf Veränderungen. Das macht es schwieriger.
Wollen Sie 2010 immer noch Champion werden? Klar! Ziel ist es immer. Es wird dann aber eben immer direkt reingedrückt in die Wunde, so schnell und so hart, wie‘s geht, wenn du es nicht schaffst. Aber damit kann ich leben. Wenn wir dieses Jahr kein Rennen gewinnen, müssen wir analysieren wieso nicht und müssen daraus lernen. Nächstes Jahr wird sich das Regelwerk wieder ändern. Deshalb ahbe ich mir leider auch kein einfaches Jahr ausgesucht, für das ich den Titel angekündigt habe. Denn du weißt nie, wie die Teams aufgestellt sind. Ich könnte nächstes Jahr also auch voll in die Sch... tappen, wenn ich weiterhin für Toyota fahren sollte. Oder ich liege voll richtig.
Trauen Sie dem Team eine Steigerung zu? Eindeutig. Wir haben alle Möglichkeiten dazu.

Jarno Trulli ist ein Top-Qualifyer, aber ich habe mich gesteigert

Immer wieder ist Glocks Teamkollge Jarno Trulli (l.) im Qualifying schneller. Dafür hat der Deutsche im Rennen mehr Speed.

Ihr Teamchef John Howett fordert von Ihnen eine Steigerung in der Qualifikation, wenn er Ihren Vertrag verlängern soll. Was sagen Sie dazu?
Ich nehme das zur Kenntnis. Ist ja auch vollkommen richtig, dass Jarno im Qualifying schneller ist. Ich glaube aber auch, dass ich mich schon verbessert habe. Und dieses Auf und Ab macht es mir natürlich nicht unbedingt leichter. Jarno hat mit seinen mehr als 200 GP einfach die größere Erfahrung uns ist bekannt dafür, dass er ein Top-Qualifyer ist. Im Endeffekt zählen aber auch die Rennresultate. Und wenn ich Rennen zeige wie Ungarn, wo ich von Platz 13 auf sechs vorfahre und dem Teamkollegen dreißig Sekunden abnehme…
…dann machen Sie es sich in der Qualifikation unnötig schwer. Ja, unnötig und vor allem ungewollt. Aber das ist ein Thema, was die Erfahrung bringt. Besonders in diesem Jahr fahren – mit Ausnahme von Sebastian Vettel – sehr viele erfahreneFahrer da vorne rum. Sebastian (Vettel; d. Red.) ist ein Ausnahme, hat aber auch ein Auto, das genau zu ihm passt. Bei mir reagiert das Auto öfter so, wie ich es nicht erwarte. Dadurch passieren mir Fehler. Als Team müssen wir daran zusammen arbeiten.
Sie loben Vettel. Was macht ihn zur Ausnahme? Er macht einfach einen sehr guten Job mit wenigen Fehlern. Klar hat er ein sehr starkes Team und ein sehr starkes Auto. Aber wir haben es beide in die Formel 1 geschafft. Da bin ich stolz drauf, er auch. Jetzt ist aber die Frage: Wie kriegst du das schnellstmögliche Auto unter den Hintern? Das hat er bisher besser hinbekommen. Aber auch ich hab auf dem Podium gestanden und meine Stärken in schwierigen Rennen gezeigt.

"Ich muss cool bleiben"

Haben Sie Jobangst? Klar habe auch ich als F1-Fahrer Jobangst! Ich mache mir schon meine Gedanken. Wenn es nächstes Jahr in der Formel 1 nicht klappt, muss es eine andere Möglichkeit geben. Aber ich muss cool bleiben und das an einem Rennwochenende ausblenden. Ich habe schon so viele Situationen in meiner Karriere gehabt. Dass ich im neuen Jahr nicht wusste, wo ich fahre. Deshalb habe ich damit weniger Probleme.
Aber Sie machen sich schon Gedanken um einen möglichen Ausstieg von Toyota aus der Formel 1. Ja, weil Ihr Journalisten die Gerüchte in die Welt setzt. Dabei sagt Toyota Euch doch ganz offiziell, dass sie sich bis 2012 eingeschrieben hat. Deshalb mache ich mir darüber im Moment keine Gedanken. Natürlich kann - siehe BMW - die Situation von heute auf morgen anders aussehen. Aber das muss nicht bei Toyota der Fall sein. Das kann bei allen anderen Teams auch der Fall sein.
Schauen Sie sich deshalb jetzt auch bei anderen Teams um? Natürlich muss ich mich anderweitig umschauen, wenn Toyota die Option nicht zieht.  Wenn ich zu lange warte, wird‘s gefährlich. Die Gespräche laufen im Hintergrund. Da gehen wir offen mit um. Mal schauen.

Die Formel 1 ist schwer zu durchleuchten

Timo Glock stand ABMS-Reporterin Bianca Garloff ungewöhnlich offen Rede und Antwort

Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie 2010 F1 fahren? Von meiner fahrerischen Qualität bin ich zuversichtlich. Aber die Formel 1 ist im Moment so schwierig zu durchleuchten. Kein Kommentar. Wir werden sehen.
Wie wichtig ist denn der erste Toyota-Sieg noch in diesem Jahr? Siehe Force India: Alles ist möglich! Wenn wir alles zusammenkriegen an einem Wochenende, können wir das schaffen. Aber leider Gottes ist nur für einen Platz auf der mittleren Stude des Podiums. Und es gibt sehr viele Teams, die stark aufgestellt wird. Deshalb wird es schwer. Aber da müssen wir uns durchkämpfen.

Autor: Bianca Garloff

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