Formel 1: Interview Rosberg/Vettel

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Interview mit Vettel und Rosberg

— 18.07.2012

"Wir wollen beide den Heimsieg"

Sebastian Vettel und Nico Rosberg sind die Top-Fahrer der F1-Saison 2012. Ihr Heimrennen in Hockenheim haben sie aber noch nie gewonnen. AUTO BILD MOTORSPORT traf sie zum Doppelinterview.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Vettel, Herr Rosberg, Camping ist beim Großen Preis von Deutschland ein Muss: Wann haben Sie das letzte Mal gecampt?
Nico Rosberg (27):
Das ist noch gar nicht so lange her. Ich war mit ein paar Freunden in Südfrankreich unterwegs, mit einem Jeep. Da haben wir mitten in der Wildnis ein Zelt aufgebaut – unter Wildschweinen. Das war ganz witzig. Sebastian Vettel (25): Es ist schon ein bisschen her. An der Rennstrecke damals haben wir viel gecampt. In Monaco in diesem Jahr waren meine Eltern auch wieder mit dem Wohnmobil unterwegs. Ich habe sie dort abends öfter besucht. Zum Grillen hat es für mich leider nicht gereicht, weil ich ins Bett musste. Aber der eine oder andere Stammtischwitz ist schon gefallen.
Herr Rosberg, haben Sie auch mal mit Ihren Eltern gezeltet?
Rosberg: Einmal mit meinem Vater. Wir sind zusammen in die Berge gefahren, haben das Zelt aufgeschlagen und gegrillt.
Könnten Sie sich vorstellen, dass auch Sie beide einmal zusammen campen gehen?
Vettel:
Wir verstehen uns ganz gut, aber ob es direkt fürs gleiche Zelt reicht? Rosberg: Sebastian hat ja mal in einer Umfrage gesagt, dass er mich für recht gutaussehend hält. Deshalb müsste ich aufpassen. Zusammen mit ihm in einem Zelt, das könnte brenzlig werden … (Vettel fühlt sich ertappt und muss schmunzeln.)

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Wann sind Sie beide sich überhaupt das erste Mal begegnet?
Rosberg:
Ich weiß es. Es war am A1-Ring bei einem Formel-BMW-Test. Ich kam an diesem Tag gar nicht gut zurecht und mein Ingenieur sagte mir immer: "Schau, der Vettel, der fährt Kurve eins so, Kurve zwei so, das musst du auch machen!" Vettel: Ich habe Nico schon beim Kartfahren gesehen. Ich kannte ihn, er mich aber nicht. Jeder kannte ihn damals – wegen seines Nachnamens.
Gab es Vorurteile gegen Nico Rosberg? Nach dem Motto: Da kommt der Sohn des Weltmeisters?
Vettel: Klar gab es anfangs Vorurteile wegen seines Vaters. Aber: Wenn Nicos Leistung nicht gestimmt hätte,  wäre er nicht so weit gekommen. Heute spielt der Name keine Rolle mehr.
Andersrum, Herr Rosberg: Hätten Sie nicht lieber einen "normalen" Vater gehabt, der nicht weiß, wie man Kurven fährt...
Rosberg:
Nein. Als Kind war es ganz toll mitzuerleben, wie mein Vater Rennen fuhr. Ich habe ihn in der DTM erlebt, bin bei seinem letzten Rennen in Hockenheim auf dem Autodach durchs Motodrom gefahren. Da ist meine Leidenschaft für diesen Sport erblüht. Mein Vater hat mir immer sehr geholfen, hat mir am Anfang tolle Tipps geben können. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

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Hockenheim und Camping gehören zusammen. Das finden auch Sebastian Vettel und Nico Rosberg.

Herr Vettel, Nico hat uns einmal von einer Begegnung mit Ihnen bei einer BMW-Weihnachtsfeier erzählt. Erinnern Sie sich noch daran, als ein 15-jähriger Bub mit Zahnspange den 17-jährigen Nico Rosberg nach dessen erstem Formel 1-Test ausfragte?
Vettel:
Ja. Ich wollte alles von ihm wissen. Man hatte so viel vom Formel 1-Fahren gehört. Dass nach wenigen Runden die Halsmuskeln schlapp machen und man alles tut, sich nichts anmerken zu lassen. Das war bei meinem ersten Mal genauso. Ich trat aufs Gas und bekam einen Schock. Beim ersten Bremsen gleich noch mal. Rosberg: Das kann ich bestätigen. Bei mir war es auch der reinste Wahnsinn. Ich hätte schneller fahren können, aber mein Körper hat das nicht zugelassen. Irgendwann in der schnellen dritten Kurve von Barcelona bin ich ins Cockpit gedrückt worden, weil ich mich nicht mehr gegen die unglaublichen Kräfte stemmen konnte, die auf mich einwirkten. Ich konnte gar nicht mehr richtig sehen, wo ich hinfuhr. Mein Kopf hing zwischen den Beinen.
Haben Sie das Seb auch so geschildert?
Rosberg
: Wahrscheinlich habe ich angegeben, den Coolen gemacht und gesagt: "War alles nicht so schlimm!" Vettel: Ich weiß noch, wie ich spät bremsen wollte. Da hat es mich so nach vorne gedrückt, dass ich nur noch die Gurte gesehen habe.
Herr Rosberg, waren Sie jemals neidisch auf Sebastian? Sie waren der jüngste Pilot, der jemals bei einer offiziellen Testfahrt einen Formel 1 fuhr. Da ist man doch dazu prädestiniert, der jüngste Rennsieger und jüngster Weltmeister zu werden. Und dann kommt ein hergelaufener Bub aus Heppenheim und wird alles das, was man selbst geplant hatte. Haben Sie da nicht die Krise gekriegt?
Rosberg:
Nein, null, niente. Ich habe meine Situation ganz nüchtern analysiert, habe gelernt, geduldig zu sein und war immer überzeugt, dass meine Zeit auch kommen wird. Das heißt, dass auch ich irgendwann das Auto haben werde, mit dem man gewinnen kann. Sebastian hat das etwas früher gehabt und auch Hammer-Leistungen gebracht. Deshalb hat er alles verdient. Ich habe mich aber nie mit ihm verglichen. Da gab es keinerlei Neid.

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Am Sonntag (22. Juli 2012) kommt es erneut zum Duell Vettel gegen Rosberg. Beide wollen den Heimsieg.

Herr Vettel, haben Sie eigentlich jetzt ein Poster von Nico in Ihrem Zimmer hängen?
(Vettel schaut verdutzt.) Na ja, als Kind hatten Sie Poster von Michael Schumacher. Und Nico ist Ihrem Jugendidol in den letzten zwei Jahren ja ziemlich um die Ohren gefahren.
Rosberg: Eine ehrliche Antwort, bitte! Vettel: Die Poster habe ich schon lange nicht mehr. Ich bin als Kind halt mit Michael aufgewachsen. Er war nicht nur mein Held, sondern der von fast allen jungen deutschen Kartfahrern.
Wie schätzen Sie denn Nicos Leistung gegenüber Michael ein?
Vettel: Erst einmal: Michael oder auch Kimi, der zwei Jahre nicht in der Formel 1 war, haben nichts verlernt. Bei Michael war es so, dass sein Paket in den ersten beiden Jahren seines Comebacks sicher nicht das beste war. Aber der Vergleich mit dem Teamkollegen ist fair. Nico fährt mit der gleichen Kiste rum und ist im Schnitt von zehn Trainings achtmal schneller. Das muss man anerkennen und kann auch nicht drum herumreden.

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Herr Vettel, können Sie es verstehen, dass Nico in der letzten Saison ein Angebot von Ferrari abgelehnt hat?
Vettel
(schaut verdutzt): Ich krieg das immer nur so am Rande mit. Nico, stimmt das? Ehrliche Antwort! Rosberg: Was sollen die Spekulationen? Jetzt habe ich mit dem Silberpfeil ja auch ein Topauto. Vettel: Nico hat wirklich ein konkurrenzfähiges Auto in diesem Jahr. Man kann das Vertrauen verstehen, das er in Mercedes steckt.
Wer hat denn jetzt recht? Für Sie, Herr Vettel, ist doch wohl Ferrari das Team mit dem größten Mythos.
Für Nico aber Mercedes …
Vettel: Beide. Wenn man nur nach der Formel 1-Historie geht, ist Ferrari am längsten dabei. Mercedes auf andere Weise aber auch. Es sind die beiden Marken überhaupt. In einem Silberpfeil zu fahren und damit auf einer Stufe mit Legenden wie Juan-Manuel Fangio zu stehen, ist reizvoll. Es ist bei Ferrari aber wie gesagt sehr ähnlich. In diesem Jahr haben Sie beide ein Siegerauto.

Freundschaften unter Formel 1-Fahrern sind nach Ihren eigenen Aussagen gar nicht möglich. Trotzdem verstehen Sie sich ganz gut.
Vettel: Sie sind nicht unmöglich, aber man muss es so sehen: Würden alle 24 Formel-1-Piloten in einem Dorf wohnen, liefe man sich öfters über den Weg, würde öfters zusammen einen Trinken gehen. Die Realität aber ist, dass wir in alle Himmelsrichtungen verteilt wohnen und im Fahrerlager jeder in der Nähe seines Teams bleibt. Und, stellen Sie sich mal vor: Jemand macht ein Handyfoto von unserer Kneipentour und am nächsten Tag fahren wir in die Mauer. Dann würde es doch zwei Wochen in den Medien heißen: Die nehmen ihren Job nicht ernst. Rosberg: Dazu kommt: Mit einem Teamkollegen geht man anders um, weil der Konkurrenzdruck im eigenen Team extrem hoch ist.
Ist der Konkurrenzkampf zwischen Ihnen nicht deshalb schon groß, weil Sie beide Deutsche sind?
Rosberg: Für mich spielt das keine Rolle. Sebastian ist für mich genauso ein Konkurrent wie alle anderen auch.
Nicht nur Deutsche seid Ihr, auch Hessen.
Rosberg: Ja, das auch noch. Wobei ich besser hessisch spreche als Sebastian. Vettel: Das glaub ich nicht. Ich war vor kurzem mit Timo (Glock; d. Red.) Abendessen. Das war sehr lustig, eine Reise zurück in den tiefsten Odenwald. Restdeutschland hätte Untertitel gebraucht, um uns zu verstehen. (Vettel sagt irgendwas in tiefstem hessisch. Es ist absolut nicht zu verstehen). Rosberg: Ich gebe auf, habe so gut wie nichts verstanden. Aber meine Mutter hat mir auch was beigebracht auf hessisch. Vettel: Lass hören! Rosberg: Ey Sina, da kannst net neingehe, da fliege die Zäh, da glaubst, es dät schneie. (Sina, da kannst Du nicht hineingehen. Da fliegen die Zähne, dass Du glaubst, es schneit!) Da ging es um eine Schlägerei in der Disco. Vettel: Ich habe es verstanden. Aber, Nico, so richtig flüssig ist es noch nicht. Man kann noch dran arbeiten.

Worin Sie sich extrem unterscheiden, ist der Umgang mit der Freundin. Sie Herr Rosberg gehen offen damit um: Ihre Freundin Viviane ist oft im Fahrerlager, nimmt an Ihrem Berufsleben teil. Bei Ihnen Herr Vettel ist das anders. Sie verstecken Ihre Freundin Hanna, so gut es geht.
Vettel: Jeder macht das, was er für richtig hält. Da kann man nicht sagen, das ist richtig oder falsch!
Rosberg: Eigentlich will ich das auch immer trennen, aber andererseits ist es auch schön, wenn meine Freundin mit dabei ist.
Trotzdem: Akzeptieren Sie, dass Sie als Personen des öffentlichen Lebens auch manchmal damit leben müssen, dass man sich für Ihr Privatleben interessiert?
Vettel: In gewisser Weise schon. Wir haben beide das Riesenglück, dass wir unsere große Leidenschaft zum Beruf machen konnten. Aber genau das ist der Punkt: Es ist auch unser Job. Wir kommen morgens zur Rennstrecke, müssen unsere Dinge erledigen, das geht bis spät in den Abend. Wer bringt sonst seine Frau mit ins Büro? Und die Rennstrecke ist auf eine Art unser Büro.
Wer gewinnt also in Hockenheim?
Rosberg:
Sebastian, hast du schon mal in Deutschland gewonnen? Vettel: Nein.
Da haben Sie aber gerade in einer tiefen Wunde gebohrt, Herr Rosberg.
Vettel:
Wäre ja schön für die Fans und Deutschland, wenn es einer von uns beiden schaffen würde. Aber leider ist das nicht so einfach – es fahren ja noch 22 andere mit.
Wer hat von Ihnen beiden denn die größeren Chancen, in Hockenheim zu gewinnen?
Vettel:
Ich hoffe ich … Rosberg: Nee, ich denke ich. Ich habe den Mercedes-Motor hinten drin und Hockenheim hat einige lange Geraden. Vettel: Ja, das stimmt leider.
Was wir feststellen, Herr Vettel, Herr Rosberg: So nett und vertraut Sie miteinander umgehen, da könnten Sie doch locker in einem Team fahren? Rosberg: Ja, auf jeden Fall. Vettel: Da klappt es dann auch mit dem Campen. Natürlich in getrennten Zelten.

Das Interview führten Bianca Garloff und Ralf Bach.

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Überblick: Die bisherigen Ergebnisse der deutschen Fahrer 2012
Australien Malaysia China Bahrain Spanien Monaco Kanada Europa England
Sebastian Vettel 6/2* 5/11 11/5 1/1 7/6 9/4 1/4 1/LM** 4/3
Nico Rosberg 7/12 7/13 1/1 5/5 6/7 2/2 5/6 6/6 13/15
Michael Schumacher 4/G** 3/10 3/R** 22/10 8/U** 6/BD** 9/HF** 12/3 3/7
Nico Hülkenberg 9/K 16/9 16/15 13/12 13/10 10/8 13/12 8/5 14/12
Timo Glock 21/15 20/17 21/19 23/19 21/18 19/14 21/B** DNS/DNS** 20/18
*Startplatz/Rennergebnis; **Ausfallrunde: B = Bremsschaden, BD = Benzindruck, DNS = kein Start, G = Getriebe, HF = Heckflügel, K = Kollision, LM = Lichtmaschine, R = Rad; U = Unfall

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Sebastian Vettel

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