Sebastian Vettel und Red Bull

Interview: Vettel und Red Bull

— 21.10.2009

Zu viele verpasste Chancen

Nach dem Aus im Titelkampf analysiert Sebastian Vettel seinen Saisonverlauf, die technischen Probleme und Fehler. Red Bull-Teamchef Christian Horner zeigt sich im Interview zufrieden.

Die Enttäuschung war riesig. Sogar von Journalisten ließ sich Sebastian Vettel nach dem GP von Brasilien und der verlorenen WM in den Arm nehmen und trösten. Weltmeister Jenson Button hat er nur widerwillig zum Titel gratuliert. Und auch beim Sieger-Gruppenbild mit Teamkollege Mark Webber hat sich der Heppenheimer ebenfalls kein Lächeln abgerungen. Denn: Vettel ärgerte sich über zu viele verpasste Chancen. Gegenüber AUTO BILD MOTORSPORT erklärte er seine Reaktion: "Ich bin hier, um zu gewinnen. Deshalb überwiegt das Gefühl, dass ich die WM verloren habe gegenüber dem, dass ich in meinem zweiten vollen F1-Jahr sehr erfolgreich gewesen bin. Gut, ich habe noch eine große Karriere in der Formel 1 vor mir. Aber ich sehe das so: Jede Chance, die du nicht nutzt, ist eine verpasste."

"Bin nicht besonders geduldig"

Erstmals in seiner Rennfahrerkarriere hat Vettel 2009 eine große Niederlage einstecken müssen. "Allerdings bin ich nicht besonders geduldig", verrät der 22-Jährige. "Einige Leute sagen sogar, ich pushe so viel, weil ich Deutscher bin. Aber es ist kein Geheimnis. Wenn du die WM gewinnen willst, darfst du dir nicht so viele Ausfälle (fünf; d. Red.) leisten. Aber wir haben dieses Jahr viel gelernt. Immerhin war es sowohl für mich als auch fürs Team das erste Mal, dass wir um die WM gekämpft haben." Und dennoch grollt der Heppenheimer weiter: "Wenn ich zurückblicke, hatten wir bei mehr als nur drei Rennen den Speed, zu gewinnen – haben es aber nicht getan. Das ist ärgerlich. Zum Beispiel in Barcelona, Bahrain, Singapur, in Spa und in Sao Paulo. Hätte ich da bessere Starts oder bessere Qualifyings gehabt, hätte ich öfter gewinnen können." Wo Sebastian Vettel die WM tatsächlich verloren hat, lesen Sie in der nächsten Ausgabe von AUTO BILD MOTORSPORT. Ab 24. Oktober als Heft im Heft in AUTO BILD 43/2009.

"Die FIA-Strafen haben uns zu Saisonbeginn zurückgeworfen"

Tolle Leistung: Red Bull-Teamchef Horner spricht von einer "fantastischen" Saison für das gesamte Team.

Ähnlich sieht Vettels Teamchef Christian Horner (35) die Situation. Im Interview mit AUTO BILD MOTORSPORT analysiert der Brite die vergangene WM-Saison.
ABMS: Die WM ist für Red Bull vorbei. Enttäuscht, dass es nicht geklappt hat?
Christian Horner: Nein, es war eine fantastische Saison für das Team. Fünf Siege, 13 Podestplätze, fünf Mal Pole Position und 120 Punkte. Ein Problem war nur die Diskussion um den Doppeldiffusor, weil wir erst auf die Entscheidung der FIA (Automobil-Weltverband, d. Red.) warten mussten, bis wir unser Auto auch damit ausrüsten konnten.

Hat der Diffusor die WM zugunsten Brawns entschieden?
Es sind viele Faktoren. Zu Beginn der Saison war es der Diffusor. Dann den verlorenen zweiten Platz von Sebastian in Melbourne nach dem Kubica-Crash, die Strafe in Malaysia, der Motorschaden in Valencia und der Ausfall in Ungarn als er mit Kimi (Räikkönen; d. Red.) kollidierte und mit kaputter Aufhängung ausfiel. Und zuletzt die Durchfahrtsstrafe in Singapur… das hat alles viele Punkte gekostet. Der Diffusor war aber nicht ausschlaggebend, denn wir hatten über die gesamte Saison das aerodynamisch beste Chassis.
Waren die FIA-Strafen zu hart?

Ja, vor allem die Kubica-Entscheidung war eine zu harte Strafe. Denn es war eine doppelte Bestrafung. In Melbourne haben wir Punkte verloren und durch die Versetzung um zehn Startplätze nach hinten auch in Malaysia. Das hat uns gleich zu Beginn der Saison zurück geworfen.

"In spätestens zwei Jahren ist Sebastian Vettel Weltmeister"

Wie beurteilen Sie Sebastian Vettels Entwicklung in seiner ersten Red Bull-Saison?
Unglaublich! Er ist ein sehr schneller Fahrer, dem nur eins fehlt: Erfahrung. Er hatte eine tolle Saison und er wird immer besser und besser. Ich denke, wir haben erst die Spitze von Sebastians Potenzial gesehen.
Gehören auch Fehler dazu wie in Monaco, wo er nach einem Verbremser in der Mauer landete?
Absolut. Alle großen Champions haben Fehler gemacht und daraus gelernt. Nur darauf kommt es an. Sebastian ist ein sehr junger Kerl, der mit einer riesen Portion Talent gesegnet ist. Und er hat einen Job, der zu den härtesten der Welt gehört, mit enormen Anforderungen, wo er unheimlich viel Druck bekommt von den Medien und der  Öffentlichkeit. In meinem Augen hat er einen sensationellen Job gemacht in diesem Jahr.

Große Enttäuschung: Vettel war nach dem Titelverlust nur schwer zu trösten. Doch die Red Bull-Führung ist sich einig: "Vettel gewinnt 2010 oder 2011 die WM."

Ihr Chef, Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz, hat sich festgelegt, dass Vettel 2010 oder 2011 Weltmeister wird. Stimmen Sie zu?
Er hat die Fähigkeit, Weltmeister zu werden, ganz klar – entweder 2010 oder 2011. Von daher stimme ich Dietrich zu. Aber in so einem Titeljahr müssen alle Faktoren passen: Die Leistung des Fahrers, die Zuverlässigkeit des Autos und das nötige Glück. Aber ich bin optimistisch, dass es in einem der beiden Jahre klappt. Trotz viel Pech in dieser Saison, sind wir bis zum Schluss im Titelkampf dabei gewesen.

"Die Erwartungen wachsen"

Klingt eher zufrieden als enttäuscht, richtig?
Wir können stolz auf uns sein! Das Team hat einen massiven Schritt nach vorn gemacht im Vergleich zu den Vorjahren. Dadurch wächst  aber auch die Erwartungshaltung. Letztes Jahr hatten wir einen Sieg und 38 Punkte, jetzt vier Siege und 120 Punkte. Die Messlatte liegt für 2010 höher als zu Beginn dieser Saison. Ich sehe aber keinen Grund, warum wir nicht besser werden sollen. Wir sind immer noch ein junges Team!
Erwarten Sie 2010 mehr Gegenwehr von den Topteams wie McLaren und Ferrari? Das sind klasse Teams, die schon dieses Jahr einige starke Rennen hatten. Andererseits wird es 2010 kein KERS geben, das wird einen Unterschied machen. Aber wir sind ein unabhängiges Team, das eine starke Truppe hat. Ich sehe keinen Grund, warum wir mit dem RB6 nicht konkurrenzfähig sein sollten.

Autoren: Bianca Garloff, Ingo Roersch

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