Jacques Villeneuve im Interview

Jacques Villeneuve im Interview Jacques Villeneuve im Interview

Jacques Villeneuve im Interview

— 23.04.2003

"2004 kein Platz mehr für mich"

2003 könnnte Jacques Villeneuves (32) letztes Formel-1-Jahr sein. Hier redet er über sein Team, sein großes Mundwerk und Erzfeind Schumi.

Villeneuve freut sich aufs kühlere Europa

AUTO BILD motorsport: Mister Villeneuve, ein sechster Platz als Topresultat aus den ersten vier Rennen. Am Sonntag in Imola sind Sie ausgerollt. Und das alles im bisher besten BAR. Verlieren Sie nicht langsam die Lust? Jacques Villeneuve (32): Die ersten Rennen waren chaotisch, keine Gradmesser. Vor allem der Brasilien-GP. In Imola herrschte erstmals Normalzustand. Und es sah im Rennen gut für mich aus, bis das Getriebe anfing zu streiken. Ich konnte nicht mehr runterschalten, dann meldete sich der Motor ab.

Sie bleiben also voll motiviert? Ja, absolut. Wir waren auf einer viel versprechenenden Zweistopp-Strategie. Leider haben bisher die Defekte bei BAR aber nur mich getroffen. Was soll's? Unser Auto ist definitiv besser als 2002. Bei kaltem Wetter funktionieren unsere Bridgestone-Reifen richtig gut. In Brasilien waren sie bei abtrocknender Strecke gegen Ende sogar fantastisch. Aber bei hohen Temperaturen werfen sie Blasen. Wir fahren dann teils mit verschiedenen Mischungen hinten und vorn und kriegen dadurch Abstimmungsprobleme. Jetzt bin ich froh, dass wir im kühleren Europa fahren.

Nach den Vortests waren Sie vom BAR 05 begeistert. Vom neuen Honda-Motor allerdings weniger? Es ist ein tolles Auto, nur der Motor ist leider immer noch zu schwer. Natürlich hätte jeder gerne auch mehr Power. Davon kann man nie genug haben. Aber wenn die Maschine leichter wäre, könnte ich später bremsen und schneller um die Kurven fahren. Das hätte sich besonders auf einem Kurs wie Imola ausgezahlt. Und denken sie an den Renault-Motor: Leistung ist nicht alles, Fahrbarkeit und Gewicht sind ebenso entscheidend.

"Manchmal verbrenne ich mir den Mund"

Wie steht es mit der Stimmung im Team? Sie haben die eigene Presseabteilung kritisiert und sich mit Teampartner Jenson Button angelegt, der ihnen öffentlich vorwarf, ihn behindert zu haben. Sie sagten, er sei nicht sehr schlau. Ist er auch nicht so nett, wie er aussieht? Das ist unwichtig. Wichtig ist, dass die Stimmung im Team stimmt. Und wenn etwas schief läuft, sollte das intern geregelt werden, was nach dem Australien-GP nicht funktionierte. Aber das sind Kinkerlitzchen. Was zählt, sind unsere Resultate. Der Rest, was auch immer es sein mag, kümmert mich nicht.

Bei Teamchef David Richards haben Sie als Großverdiener ebenfalls einen schweren Stand. Spüren Sie bei so viel Widerständen eigentlich nach sieben Jahren in der Formel 1 nicht deutlich den Verdruss? Nein, ich bin hochmotiviert. Mir macht das Fahren am Limit weiterhin Spaß, auch wenn ich nicht mehr so erfolgreich bin. Außerdem habe ich einen Vertrag für 2003 zu erfüllen. Ich habe keine Alternativen. Also muss ich mich manchmal durch hartes körperliches Training regelrecht mental aufbauen und mit mir kämpfen, um mich zu motovieren. Aber das macht mir auch Spaß. Es ist eine Herausforderung.

Sie sind für Ihr Mundwerk gefürchtet. Bereuen Sie manchmal Ihre Ehrlichkeit? Nein! Aber manchmal verbrenne ich mir eben den Mund. Und das macht das Leben dann nicht leichter. Viele Leute glauben sowieso, ich sei ein Querulant, weil ich öfter aufmucke. Aber auf der anderen Seite wollen sie, dass ich mich äußere, weil sie sich sonst langweilen. Die Offenheit hat gute und schlechten Seiten.

Und macht Ihre Arbeit schwerer. Ja, man ärgert die Leute. Aber ich äußere mich ja nicht, um anderen zu gefallen, sondern weil ich meinen eigenen Kopf habe.

Welche Aussage würden Sie zurücknehmen? Ach, ich habe vor ein paar Jahren die Einführung der Rillenreifen als Scheiße tituliert ...

Und sind dafür vom Weltverband schwer gerüffelt worden ... Ja, das würde ich heute gepflegter ausdrücken. Ich sollte halt manchmal fünf Sekunden länger nachdenken, bevor ich rede. Dann hätte ich weniger Zoff.

Der Kanadier will in der Formel 1 bleiben

Ihr Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Welche Optionen haben Sie? Honda will 2004 Takuma Sato im Auto sehen, Button hat einen mehrjährigen Vertrag. Bei BAR ist also 2004 kein Platz für mich. Ich bin somit auf dem Markt. Das wissen alle, deshalb brauche ich mich nirgendwo gezielt anzubieten. Nun warte ich ab, was geschieht. Ich will in der Formel 1 bleiben, weil sie immer noch die beste Serie ist. Woanders zu fahren könnte ich mir derzeit nicht vorstellen. Und ich sehe auch nirgendwo anders einen Job.

Rechnen Sie angesichts der F1-Krise mit Gehaltskürzungen für Topverdiener wie Sie und Schumacher? Ich sehe keine Krise. Sehen Sie sich die Einschaltquoten in diesem Jahr an. Aber die Gagen werden sinken, weil es in Zukunft unerfahrene und farblose Fahrer ohne besonderes Image geben wird. Der Markt wird letztlich den Preis regeln.

Haben die neuen Regeln einen Generationswechsel ausgelöst oder fällt beides zufällig zusammen? Den Generationswechsel sehe ich noch nicht. Die Schumacher-Generation ist noch nicht am Ende. Ich sehe im Moment aber junge, extrem talentierte Fahrer. Räikkönen hat in den letzten Monaten enorm dazugelernt. Er macht weniger Fehler. Fernando Alsonso fährt sehr schnell, das haben wir besonders in Brasilien gesehen, aber mit viel zu großem Risiko (Supercrash; die Red.). So was können wir eigentlich nicht gebrauchen. Ich hoffe, er ist selbstkritisch genug und lernt daraus. Das wäre gut für ihn und für uns alle.

"Michael hat schon immer Fehler gemacht"

Auch Michael Schumacher machte bis zum Sieg am Sonntag in den ersten drei GP viele Fehler. War das eine Krise? Er hat schon früher Fehler gemacht, aber viele Leute wollten das nicht wahrhaben. Hinzu kam: Die Fehler haben ihm selten Siege gekostet. Aber es ist unfair, ihn gerade jetzt zu kritisieren. Michael hat Fehler gemacht, die jeder von uns schon einmal machte.

Verträgt der deutsche Fünffach-Weltmeister keinen Druck? Er hat einige Fehler gemacht, als es um WM-Titel ging. Aber viele von uns machen auch Fehler. Nur im Hinterfeld, die werden deshalb nicht so prominent im Fernsehen präsentiert wie bei Michael. Und wenn man dann auch noch den Ruf hat, keine Fehler zu machen, wie er, zählt jeder Ausrutscher zehnfach.

Ein Topfahrer sollte nun mal keine Schwäche zeigen. Wenn man, wie er, in einem Auto sitzt, das praktisch unschlagbar ist, darf man sich eigentlich keine Schwächen erlauben, weil man nie richtig unter Druck geraten dürfte. Aber das haut nicht immer hin. Er macht Fehler und hat Druck, obwohl er in einem Topauto sitzt.

Wird er verkannt? Ohne neue Regeln wäre er in jedem Rennen aus der ersten Reihe gestartet, hätte keinen Druck gehabt, keine Unfälle und gewonnen. Er hat sich nicht groß geändert. Ob er noch mal in mich reinfahren würde, wie 1997? Kaum, es hat ihm sehr geschadet. Das Problem mit ihm ist nicht, dass er etwas falsch macht, sondern dass niemand seine sehr harte und unnachgiebige Fahrweise in Frage gestellt hat. Also hat er Rennen und Titel gewonnen. Menschen fühlen sich gut, wenn sie mit Siegern in Verbindung gebracht werden, egal, wie die gewinnen. Sieger sind beliebt. Das hat ihm geholfen.

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