Interview mit Juan Pablo Montoya

"Die Leute kennen mich nicht" "Die Leute kennen mich nicht"

Juan Pablo Montoya im AMS-Interview

— 22.09.2005

"Die Leute kennen mich nicht"

Zuwenig gewonnen, zu viele Pannen und zuviel Ärger. Juan Pablo Montoya, Neuling bei McLaren-Mercedes, spricht über sein verkorkstes Jahr.

Wohlfühl-Atmosphäre bei Mercedes

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Montoya, in Spa sind Sie zum zweiten Mal in diesem Jahr von einem überrundeten Fahrer gerempelt worden. Bekommen Sie angesichts von Hinterbänklern neuerdings Alpträume? Juan Pablo Montoya: Es ist immer hart, in einem Rennen auszufallen. Aber es ist noch härter, wenn das passiert, ohne daß ich oder mein Team die Kontrolle darüber haben.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem jüngsten Vorfall mit Antonio Pizzonia? Ich fahre weiter meine Rennen. Du kannst nicht anfangen, darüber nachzudenken, wie du Situationen vermeidest, die du nicht kontrollieren kannst.

Brauchen wir andere Gesetze, um Kollisionen der Spitzenfahrer mit den Hinterbänklern zu verhindern? Wir reden darüber ständig in den Fahrer-Meetings. Ich denke, jeder von denen weiß, wie er sich zu verhalten hat.

Ihr neues Team McLaren schreibt in seiner Hauszeitung, Sie wären Teil deren Familie. Stimmt das? Meine Frau und mein Kind sind meine Familie. Im Team ist für mich sehr wichtig, daß eine gute Atmosphäre herrscht und jeder sich auf den anderen verlassen kann, so wie in einer guten Familie. Bei McLaren-Mercedes ist das so, und ich fühle mich dort wohl.

Lernprozeß noch nicht abgeschlossen

Was ist Ihre wichtigste Erfahrung bisher bei McLaren-Mercedes? Das ist auf Anhieb schwer zu sagen. Interessant war, Ron (Dennis, der McLaren-Chef; d. Red.) und seine Art, das Team zu führen, kennenzulernen. Für mich als neuen Fahrer im Team war es natürlich eine ganz schöne Umstellung und deshalb von Anfang an wichtig, so schnell wie möglich zu verstehen, wie er und das Team arbeiten.

Und wie läuft's? Es läuft gut und wird immer besser, das zeigen ja auch meine Leistungen. Mein Lernprozeß ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Können Sie das näher erläutern? Das kann ich nicht alles im Detail erläutern. Nur soviel: Ich weiß, daß noch mehr in mir drinsteckt.

Wie werden Sie in Ihrem neuen Team behandelt, wenn es Probleme gibt wie beispielsweise beim GP Türkei, als Sie kurz vorm Ziel durch ein gewagtes Überrundungsmanöver Platz zwei verloren? Genauso wie ich das Team behandele, wenn es einen Fehler macht.

Und das bedeutet was? Sich gegenseitig den Rücken zu stärken und zu unterstützen. Mein Verhältnis zu Ron Dennis und Norbert Haug ist sehr gut, und wir arbeiten vertrauensvoll zusammen. Und das ist der Schlüssel für unsere erfolgreiche Zusammenarbeit.

Am Auto könnte man noch viel mehr tun

Sie fahren nach Williams nun wieder in einem englischen Team. Wie anders englisch ist McLaren-Mercedes? Die Art und Weise, wie McLaren mit Mercedes und wie Williams mit BMW arbeitet, das ist ein großer Unterschied. Hier wird mehr zusammengearbeitet.

Aber auch für Sie gab es doch bei BMW-Williams reichlich Streß. Ja, aber das letzte Jahr war ruhiger, als ich es erwartet hatte. Das Problem war nur, daß das Auto nicht schnell genug war.

Wie weit sind Sie inzwischen mit dem Wagen von McLaren-Mercedes vertraut? Können Sie mittlerweile wirklich alles aus dem Wagen herausholen? Ich bin ziemlich nah dran. Es gibt immer noch Momente, wo du dir sagst: Hier hätte noch dies oder das besser gehen können. Aber im Grunde läuft es sehr gut.

Aber das aktuelle Modell MP4-20 hat in Kurven die Tendenz zum Untersteuern, also zum Geradeausschieben über die Vorderräder. Und das paßt nicht zu Ihrem Fahrstil. Ja, ja (lacht und verdreht dabei die Augen), aber dafür fährt es auffallend schnell.

Da gibt es doch nur die zwei Möglichkeiten: das Auto verändern oder den Fahrstil. Wir haben schon viel verändert und auch verbessert, aber der Charakter dieses Autos bleibt untersteuernd. Ich habe auch meine Fahrweise etwas verändert. Aber am Wagen könnte man noch viel mehr tun, nur das ist ziemlich schwierig. Fakt ist jedoch, daß wir das schnellste Auto im Feld haben, und das zählt.

Mercedes hat einen echt guten Job gemacht

Haben Sie nach nun fast einem Jahr mit Ihrem neuen Team mehr Einfluß auf den Bau des 2006er Autos, damit das Ihnen besser paßt? Es ist schwer zu sagen, mehr Übersteuern oder mehr Untersteuern ist besser. So einfach ist es nicht.

Wie sind Sie mit dem Mercedes-Motor, mit seiner Power und seinem Charakter zufrieden? Wirklich gut, eine echt starke Maschine. Und sie ist im Grunde auch zuverlässig. Es gab hier und da Kleinigkeiten, die kaputtgingen. Aber Mercedes hat einen echt guten Job gemacht.

Wie ist der Mercedes-Motor im Vergleich zum BMW-Motor, den Sie letztes Jahr bei Williams im Rücken hatten? Besser.

Haben Sie schon den neuen V8-Motor, der laut der neuen Regeln nächstes Jahr den V10 ablösen muß, ausprobiert? Nein.

Wann werden Sie? Im November oder Dezember.

McLaren-Mercedes hatte dieses Jahr, Sie erwähnten es bereits, doch einige Probleme mit der Zuverlässigkeit. Was ist schwerer zu ertragen: ein unzuverlässiges Auto, das zu langsam ist wie der letztjährige Williams, oder ein siegfähiges wie der aktuelle McLaren-Mercedes? Mit einem langsamen Auto auszufallen ist viel frustrierender als mit einem schnellen.

Wie schlimm ist es, daß Sie nach zwei verpaßten Rennen durch Ihren Tennisunfall, einen Hydraulikdefekt, eine Rennabsage und eigene Patzer wieder keine Chance auf Ihren ersten WM-Titel hatten? Da kannst du nichts machen. Ich arbeite halt weiter konstruktiv mit dem Team.

Kimi verdient den Titel mehr als Alonso

Wie beurteilen Sie Kimi Räikkönen im Vergleich zu Ihrem früheren Teamkollegen Ralf Schumacher? Sie sind beide schnell. Ich denke, Kimi versteht den McLaren-Mercedes im Vergleich zu mir momentan so dermaßen gut wie Ralf den Williams, als ich damals dort neu ins Team kam. Das ist Kimis großer Vorteil: Er kennt unser Auto besser als ich.

Sie und Kimi schauen sich nicht an oder sogar weg, wenn Sie sich begegnen. Ist diese Distanz zwischen zwei innerhalb eines Teams konkurrierenden Spitzenfahrern nötig? Ich sehe keinen Grund, warum wir uns nicht anschauen können. Wir respektieren einander sehr, und das ist wichtig.

Vor dem Grand Prix Italien in Monza haben Sie immer wieder betont: "Ich fahre nur für mich!" Was oder wer hat Ihre Einstellung verändert? Nichts hat sich geändert. Es ist sehr einfach. Das vorletzte Rennen habe ich gewonnen, denn Kimi lag nicht direkt hinter mir. Hätte er das, hätte ich ihm geholfen, ohne daß wir uns dazu absprechen müßten. So läuft das halt im Moment. Und wenn die Lage (die Tabellensituation in der WM; d. Red.) im nächsten Jahr umgekehrt sein sollte, dann haben wir eine neue Situation. Das ist kein großes Thema.

Aber Sie sind doch ein ambitionierter Motorsportler, der nach dem wichtigsten Titel strebt. Ich habe halt einige Rennen zu Anfang der Saison verpaßt und hatte Probleme mit dem Auto. Jedesmal wenn der Wagen mir wirklich paßte, war ich schnell.

Aber diese Schwierigkeiten müssen Sie doch frustrieren. Wie haben Sie das weggesteckt? Die Leute kennen mich nicht. Und sie vermuten eine Menge. Aber es gibt bei mir keine Frustration. Ich arbeite viel und hart daran, die Dinge auf die Reihe zu kriegen, und damit hat sich's. Ich teste und probiere jede Menge Dinge aus, um unser Auto immer noch besser zu machen.

Wer verdient den Titel in diesem Jahr mehr, Fernando Alonso oder Kimi Räikkönen? Was für eine Frage. Ich sage Kimi, weil er in dieser Saison bislang der schnellste Fahrer war und großen Kampfgeist gezeigt hat. Sollten Fernando und Renault den Titel gewinnen, dann sicherlich, weil sie über die gesamte Saison gesehen zuverlässiger waren.

Zur Person: Juan Pablo Montoya

Geboren: 20. September 1975 • Geburtsort: Bogotá • Wohnort: Miami (USA), Monaco • Nationalität: Kolumbianer • Familienstand: verheiratet mit Connie, 1 Sohn (Sebastian/5 Mon.) • Erlernter Beruf: Rennfahrer • Hobbys: Computerspiele, Golf

Karriere: Als Sechsjähriger fährt Montoya erstmals Kart, bestreitet 1984 und 1985 die kolumbianische Kartmeisterschaft für Kinder und wird 1986 Meister der Junior-Division. 1990/1991 Junioren-Weltmeister, 1992 vier Siege in Kolumbiens Formel Renault, 1996 zwei Erfolge in der britischen Formel-3-Meisterschaft sowie ein Einsatz in der ITC für Mercedes. Ab 1997 Formel 3000 im Marko-Team (Vizemeister), 1998 Meister (mit Supernova), 1999 USChampCar-Meister (Ganassi), 2000 Sieger bei den Indy 500. 2001 wechselt er zu BMW-Williams in die Formel 1, wird 2002/2003 WM-Dritter. 2005 Wechsel zu McLaren-Mercedes. Bilanz des Kolumbianers: 82 GP, 6 Siege, 13 Pole Positions.

Autor: Leopold Wieland

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