Kleinschmidt

Jutta Kleinschmidt über ihren Dakar-Sieg

— 29.01.2016

Vor 15 Jahren auf dem ersten ABMS-Titel

AUTO BILD MOTORSPORT feiert Jubiläum - genauso wie Rallye-Ikone Jutta Kleinschmidt. Ein Interview mit der Dakar-Siegerin aus gegebenem Anlass.

Vor genau 15 Jahren erschien die erste AUTO BILD MOTORSPORT mit DAKAR-Siegerin Jutta Kleinschmidt auf dem Titel. Heute erscheint die erste AUTO BILD MOTORSPORT des Jahres 2016, und das im neuen Design. Aus Anlass des Jubiläums erinnert sich Kleinschmidt an ihren Erfolg vor 15 Jahren.

Was ist das für ein Gefühl, 15 Jahre nach Ihrem Sieg bei der Dakar wieder auf das Titelblatt der ersten AUTO BILD MOTORSPORT zu schauen?

Jutta Kleinschmidt: Es ist natürlich schön, wenn man da wieder dran erinnert wird. Von solchen Momenten zehrt man. Und die Erinnerungen sind natürlich immer noch präsent. Das ist etwas, was dich dein ganzes Leben begleitet – ein Erfolg, von dem du immer profitierst. Es ist einfach etwas anderes, zu gewinnen statt Zweiter zu werden.

Wie wurde es damals aufgenommen, dass Sie als erste Frau die Rallye Dakar gewinnen konnten?

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Schon bei der Rückkehr am Flughafen gab es einen großen Presserummel und einen großartigen Empfang. Vorher sieht man so etwas immer bei anderen im Fernsehen, jetzt ist man selbst diejenige, die im Mittelpunkt steht. Man wird dann erst einmal in den Medien herumgereicht. Ich habe zwar auch vorher schon Interviews gegeben, aber von der Intensität war das ein himmelweiter Unterschied.

War das Jubiläum etwas Besonderes für Sie?

Für mich ist es gar nicht so wichtig, ob es jetzt zehn oder 15 Jahre her ist. Das einzige, was einem dadurch bewusst wird: Die Zeit vergeht rasend schnell. Im selben Jahr meines Dakar-Sieges ist auch eine meiner Nichten geboren – jetzt ist sie schon so groß und erwachsen, das ist der Hammer.

Was ist Ihre stärkste Erinnerung an Ihren Sieg bei der Dakar?

2001 Dakar-Sieg für Mitsubishi: Als erste Frau überhaupt

Definitiv die Fahrt über die Ziellinie. Es war ja immer sehr knapp und ich hatte nur einen kleinen Vorsprung von zwei Minuten und rund 50 Sekunden. Die letzte Etappe um den Lake Rose ist zwar sehr kurz, aber nicht einfach: Es sind Dünen dabei, in denen man stecken bleiben kann. Man kann einen Plattfuß haben. Man fährt auch erst am Meer entlang, da sind schon einige baden gegangen. Es kann viel passieren und das geht einem vor dem Start extrem durch den Kopf. Außerdem kommen schon irrsinnig viele Gratulanten. Aber das ist eigentlich viel zu früh und nervt. In dem Moment wollte ich einfach nur die Etappe gut hinter mich bringen. Als ich nach einer guten Stage über die Ziellinie gefahren bin, war mir eigentlich klar, dass das gereicht haben muss – ein sehr erlösender Moment.

Sie sind die Dakar noch in Afrika gefahren. Wie schwer ist es so eine mehrwöchige Wüsten-Rallye zu bestreiten, anzukommen und dann auch noch zu gewinnen?

Damals war es noch viel länger als heute. Wenn man sich die Gesamtzeit anschaut, dann sind wir fast das Dreifache gefahren. Es war ein anderes Gelände mit sehr viel mehr Offroad und mehr Dünen als heute. In diesem Jahr war der erste Teil ja fast wie bei Spezialprüfungen in der Rallye-Weltmeisterschaft. Im Gelände konnte damals wahnsinnig viel passieren, weil man es nicht kennt. Man kommt da hin und kriegt ein Road-Book in die Hand gedrückt. Das geht man dann am Abend vorher zusammen mit dem Beifahrer durch. Und das ist eigentlich auch das Spannende daran: Dieses riesengroße Abenteuer, das Ungewisse.

Und das Drumherum? Wie sahen die Nächte aus?

Anschließend fuhr Kleinschmidt auch noch für VW ...

Stimmt, auch die Umstände waren noch viel anstrengender. Heute wohnen sie alle in schicken Wohnmobils oder Hotels. Wenn wir mal ein Hotel hatten, dann waren wir manchmal ganz glücklich, sind aber teilweise auch wieder ausgezogen, weil wir Kakerlaken zu Besuch hatten. Es war sehr laut, schlafen war schwierig, selbst mit Ohrenstöpseln. Je nach Temperatur war es mal zu kalt, mal zu warm. Duschen war auch eher kompliziert. Die Einheimischen haben einen Eimer Wasser mit Schöpfer bereitgestellt, das war’s. Gegessen wurde am Boden. Dadurch dass die Rallye heute in Südamerika ausgetragen wird, ist es schon softer geworden.

Verfolgen Sie die Rallye Dakar noch immer regelmäßig?

So weit es geht. Das Interesse steigt wieder, weil Peugeot so gut geworden ist. Das freut mich, weil es in den letzten Jahren eher ein Mini-Cup war. Um so ein Auto zu bekommen, muss man aber viel Geld mitbringen. Ich habe es die letzten Jahre auch immer mal wieder probiert, aber wer da nicht fast eine Million Euro mitbringt, der hat keine Chance. Bei Werksteams wie Peugeot haben wieder professionelle Fahrer ohne viel Mitgift die Möglichkeit auf eine Teilnahme.

Es würde Sie also wieder reizen dort mitzufahren?

... und zum Schluss für BMW bei der Dakar

Es gibt ja das Gerücht, dass die Rallye Dakar (aktuell geht‘s aus Sicherheitsgründen  von Argentinien nach Bolivien; d. Red.) wieder nach Afrika zurückkommt. Und wenn das wirklich so sein sollte, dann reizt mich das schon extrem. Denn das ist dann auch eher mein Gelände. In diesem Jahr waren die ersten Etappen nur WRC-Stages und da war natürlich Sébastien Loeb vorne. Er ist meiner Meinung nach aktuell der beste Rallye-Fahrer. Als es ins Gelände ging, hat er sich noch schwer getan. Doch das ist normal. Nächstes Jahr wird er dort viel besser sein und dann wird es schwer ihn zu schlagen.

Wie sieht im Moment Ihr Alltag aus? Was haben Sie für Projekte?

Im letzten Jahr habe ich gemeinsam mit Michele Mouton und der FIA ein nagelneues Projekt gegründet: Women’s Cross Country Selection. Eine Schulung für junge talentierte Rennfahrerinnen. Ich hoffe, dass endlich auch im Cross Country-Bereich ein weiblicher Nachwuchs kommt, weil nach mir da nichts kam. Das ist schade, denn ich glaube, dass gerade Cross-Country-Rallyes sehr geeignet sind für Frauen.

Warum sind gerade in dieser Disziplin Chancen für Frauen da, den Männern ebenbürtig zu sein?

Deutsche Rallye-Ikone: Jutta Kleinschmidt heute

Fahrerische Qualitäten sind ein wichtiger Punkt, keine Frage. Aber davon abgesehen: Durchhaltevermögen ist bei so einer langen Veranstaltung entscheidend. Aber auch taktisches Fahren ist wichtig. Und ich glaube, da haben Frauen deswegen einen Vorteil, weil sie nicht jeden Tag zeigen müssen, dass sie die Schnellsten sind. Wer das zum Beispiel auch gut kann, ist Stéphane Peterhansel. Weil er das taktische Fahren sehr gut beherrscht, ist Stéphane Peterhansel so erfolgreich. Es gibt viele Herren, die können das nicht so gut, weil sie zu viel Testosteron im Blut haben und jeden Tag zeigen müssen: Sie sind der Beste! Aber bei der Dakar darf man nicht immer Kopf und Kragen riskieren, vor allem dort nicht, wo man kaum Zeit gutmachen kann.

Welche konkreten Pläne haben Sie Ihre eigenen Stärken bei der Dakar wieder unter Beweis zu stellen?

Ich bin letztes Jahr zwei Rennen mit einem Polaris-Buggy gefahren. Diese Buggys sind eigentlich der Hammer, weil sie relativ wenig kosten. Einen Standard-Buggy kann man für 25.000 Euro kaufen. Ich war damit letztes Jahr bei einem 24-Stundenrennen in Polen dabei und bin damit die schnellste Rundenzeit von allen Autos gefahren – und da war zum Beispiel auch mein ehemaliges Dakar-Auto dabei. Die gehen zwar nur maximal 140 km/h, aber bis dahin richtig gut. Gewinnen kann man die Dakar damit nicht, aber es ist ein super Einstieg in den Cross-Country-Sport für die junge Generation. Dieses Jahr versuche ich erst einmal Sponsoren für die Silk Way Rallye (Peking-Moskau; d. Red.) zu finden. Und für noch mehr Aufmerksamkeit hoffe ich auch, mit dem Buggy die Dakar fahren zu können. Mit meiner Teilnahme will ich ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen, um so eine Art Juniorenteam zu machen.

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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