Silberpfeile

Kalter Krieg in der Formel 1

— 11.11.2014

Steigt Mercedes aus?

Mercedes streitet sich mit den anderen Herstellern um die weitere Ausrichtung der Formel 1 in den kommenden Jahren: Eine Einigung ist nicht absehbar.

Der kalte Krieg ist in die Formel 1 eingezogen. Die Fronten der drei Motorenhersteller Mercedes, Renault (die Franzosen arbeiten ab 2015 exklusiv mit Red Bull zusammen) und Ferrari sind verhrtet. Die Zukunft der Knigsklasse ist gefhrdet, wenn es keine Einigung gibt. Sogar ein Ausstieg von Mercedes ist laut ABMS-Informationen mglich. Problem: Die drei Hersteller sind verschiedener Meinung, wie fr 2015 und in Zukunft die Weiterentwicklung der in dieser Saison neu eingesetzten V6-Motoren mit Turboladern und Hybridsystemen betrieben werden darf. Laut Reglement drfen fr 2015 circa 48 Prozent des Gesamtpakets verndert werden. Deadline ist Februar 2015. Danach geht nichts mehr.

Angst vor Langeweile

Volle Dominanz: Mercedes fuhr mit Rosberg und Hamilton in Brasilien den elften Doppelsieg der Saison ein

Die berlegenheit von Mercedes und seinen Kundenteams in dieser Saison fhrte aber zu einem Umdenken der Konkurrenten. Mercedes gewann fast spielerisch Konstrukteurs- und Fahrertitel. Sogar Williams, im letzten Jahr als Renault-Kunde nur Hinterherfahrer, hat sich dank des Mercedes-Antriebs mittlerweile als zweite Kraft hinter dem Silberpfeil-Werksteam etabliert. Red Bull gewann seine drei Rennen in Kanada, Ungarn und Belgien nur, weil Mercedes dort Probleme hatte. Ferrari fuhr die ganze Saison hoffnungslos hinterher. Deshalb befrchten Ferrari, Renault und sogar Neueinsteiger Honda, dass der technische Vorsprung der Stuttgarter zu gro ist und die Formel 1 auch in den nchsten Jahren zur langweiligen Mercedes-Show verkommt, wenn das Reglement nicht drastisch gendert wird.

Marko fr Chancengleichheit

Bei Meetings whrend der Rennen in Singapur und Austin einigten sich die Hersteller deshalb darauf, das bestehende Reglement zu lockern. Das heit: mehr Weiterentwicklung als die vorher festgeschriebenen 48 Prozent und das bis Juli nchsten Jahres. Danach sollte wieder der ursprngliche Entwicklungsplan gelten. Mercedes sagte zu, um die Chancengleich zu wahren, so Red-Bull-Sportchef Helmut Marko zu AUTO BILD MOTORSPORT. Ergebnis: Alle waren zufrieden, ein Kompromiss schien gefunden. Beim letzten Rennen in Brasilien aber kam es zum Eklat. Marko: Pltzlich zog Mercedes alle gegebenen Zusagen wieder zurck, die Fronten waren endgltig verhrtet.

nderung erst 2016?

Ferrari-Kappe hin oder her: Die Mercedes-Stars stehen bei den Fans hoch im Kurs und wrden der F1 fehlen

Jetzt droht ein Horrorszenario. Mercedes will sich seinen teuer erarbeiteten Vorteil nicht nehmen lassen und besteht auf das ursprngliche Reglement. Damit mssen Red-Bull-Renault, Ferrari und Honda erst einmal leben. Red Bull argumentiert aber: Weil wir von 2010 bis 2013 vier Titel in Folge holten, hat man stndig die Aerodynamik an den Autos beschnitten. Das war unser groer Vorteil. Wir haben das auch akzeptiert. Jetzt wollen die Mercedes-Gegner auf die Barrikaden gehen. Hintergrund: Fr Regelnderungen hinsichtlich 2015 braucht man noch Einstimmigkeit. Fr 2016 wre es mit einer einfachen Mehrheit mglich das Regelwerk komplett zu ndern.

Rckkehr zu V8-Motoren als Option

Die Drohung: Wenn Mercedes nicht einlenkt, wrde man den Entwicklungsstopp komplett aufheben und so nagelneue V6-Motoren ermglichen. Die Kosten wrden dann erheblich steigen, kleinere Teams wie Force India, Sauber und Lotus knnten sich die vllig neu entwickelten Antriebsaggregate, die dann statt 20 Millionen Euro pro Jahr mehr als das Doppelte kosten wrden, nicht mehr leisten. Um den kleinen Teams zu helfen, wre sogar eine Rckkehr zu den vormals eingesetzten V8-Saugmotoren mglich. Die knnten Lotus und Co. fr acht Millionen haben und garantierten zudem Chancengleichheit.

Lauda von Ferrari genervt

Nicht nur die Doppelspitze Rosberg/Hamilton fhrt mit Mercedes-Power - auch Williams, McLaren & Force India

ABMS erfuhr: Eine Rckkehr zu den lauteren aber technisch wenig anspruchsvollen V8-Motoren wrde der Stuttgarter High-Tech-Konzern nicht mittragen. In diesem Fall wre der Ausstieg aus der Formel 1 Ende 2015 beschlossene Sache. Das kann man sogar verstehen. Warum sollte sich Mercedes fr seine gute Arbeit bestrafen lassen? Das ganze Marketing- und Werbeprogramm ist schlielich auf den Erfolg der High-Tech-Motoren und ihre Hybridsystemen ausgelegt. Der Wechsel zu den antiken V8-Motoren wre fr Mercedes wie eine Rckkehr in die Steinzeit. Kein Wunder, dass der sonst so eloquente Mercedes-F1-Chef Niki Lauda mit Wissen dieser Hintergrnde in Brasilien fast ratlos wirkte: Ferrari ist gegen alles, sagte er vor laufenden Kameras.

Mercedes hat es in der Hand

Was er meint: Die Italiener (letzter WM-Titel 2007) forderten am strksten die Einschrnkung der Aerodynamik, weil sie von 2010 bis 2013 nicht mit Red Bull mithalten konnten. Ferrari machte sich deshalb vehement fr die neuen Hybridmotoren stark und drohte sogar mit Ausstieg. Die Formel 1 muss wieder eine Motorformel werden, argumentierte Prsident Luca di Montezemolo, der mittlerweile nicht mehr im Amt ist. Mit dem Ergebnis: Ferrari baute den schlechtesten aller Hybridmotoren und ist wieder chancenlos. Fest steht: Die Formel 1 steht jetzt am Scheideweg. Mercedes hat es in der Hand, die Knigsklasse wieder zu vereinigen. Dafr mssten sie aber auf viel Lohn ihrer Arbeit verzichten.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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