Kanzlerautos im Vergleich

Kanzlerautos im Vergleich

— 12.06.2002

Die Qual der Wahl

Wenn im Herbst Gerhard Schrder gegen Edmund Stoiber antritt, steht auch das nchste Kanzlerauto zur Wahl: Schrder fhrt VW Phaeton, Stoiber schwrt auf den 7er BMW.

Reprsentations-Potenzial

Keine Angst: Empfehlungen fr die nchste Bundestagswahl wollen wir nicht geben. Aber wir knnen sagen, was den nchsten Kanzler bewegen wird. Jedenfalls zu offiziellen Anlssen und unabhngig vom Ausgang der Wahl. Denn: Heit der Bundeskanzler weiterhin Gerhard Schrder, wird ein VW Phaeton die Fahne des deutschen Automobilbaus hochhalten. Kann sich dagegen Edmund Stoiber durchsetzen, wird das "First Car" von BMW aus Mnchen kommen. Whrend auch wir mit Spannung auf das erste Rededuell der beiden Kontrahenten warten, baten wir die beiden potenziellen Kanzlervehikel zu einem ersten Fahrvergleich. Als Dritten im Bunde luden wir das Kanzlerauto schlechthin: Das jeweilige Topmodell von Mercedes, mit dem von Adenauer bis Kohl alle Regierungschefs reprsentativ unterwegs waren. In unserem Fall die aktuelle S-Klasse, die im Herbst leicht berarbeitet wird.

Um trotz des gehobenen Preisniveaus der drei Kontrahenten eine gewisse Volksnhe zu wahren, haben wir die "normalen" Versionen gewhlt. Ohne verlngerten Radstand, ohne Panzerung, ohne all jene Gimmicks, die Preis und Gewicht von Staatskarossen in schwindelnde Hhen treiben. brigens: Bei der Wahl ihrer Privatwagen zeigen der Kanzler und sein Herausforderer Bescheidenheit: Gerhard Schrder fhrt einen VW Golf, Edmund Stoiber begngt sich mit einem Dreier BMW. Fr den Dienstgebrauch zhlen allerdings andere Faktoren. Reprsentativ sind alle drei Kandidaten. Selbst die mittlerweile leicht betagte S-Klasse zieht noch viele Blicke auf sich, obwohl sie im Trio geradezu grazil wirkt. Ihre Botschaft bei offiziellem Einsatz: Weniger ist mehr, Protzen ist out. Selten wurden gut zwei Tonnen Lebendgewicht auf einer Lnge von 5038 Millimeter dezenter verpackt.

Stattlicher kommen die beiden Konkurrenten daher. Der massige BMW mit seiner hoch aufragenden Front- und Heckpartie mag optisch nicht jedermanns Sache sein. Aber er hinterlsst Eindruck. Und passt als automobile Verkrperung von Stoibers frherem Wahlspruch "Laptop & Lederhose" ideal zu dem Herausforderer: ein Hightech-Produkt mit barocken Formen. Glatter, aber nicht minder stattlich: der VW Phaeton, der neue Weggefhrte von Gerhard Schrder. Mit ber fnf Meter Auenlnge (die Kanzlerversion ist 12,5 Zentimeter lnger) und der flieenden Silhouette wirkt der Wolfsburger gleichermaen imposant und harmonisch. Das Design orientiert sich natrlich an der Konzernlinie. Mutige Design-Experimente wie etwa beim BMW sucht man vergebens. Aber schlielich trgt der Kanzler auch Brioni und nicht etwa Gaultier oder Versace. "Design der leichten Hand" knnte man das nennen: Unaufgeregt, aber bestimmt.

Die inneren Werte

Zurckhaltung und Leichtigkeit prgen das Interieur der S-Klasse von Mercedes. Sanfte Schwnge und klar gegliederte Bedienelemente verleihen dem Stuttgarter eine beraus wohnliche Atmosphre. Aber gemessen an den beiden Widersachern, wirkt der Mercedes wie ein ehemals topmodisches Designerteil in der dritten Saison. Dabei gibt es aus ergonomischer Sicht nichts auszusetzen. Als Chauffeurslimousine beweist die S-Klasse soziale Kompetenz: Der Fahrer sitzt vorn ebenso formidabel wie der Chef im Fond.

Im BMW erkennt man die Absicht, alles ganz anders machen zu wollen als alle anderen. Was dazu gefhrt hat, dass man etwa anstelle eines bewhrten Blinkerhebels mit drei Stellungen einen Taster eingebaut hat, der zumindest anfangs zur Verzweiflung treiben kann. Tippt man ein bisschen zu fest, rastet er zwar elektronisch ein, bleibt aber in mittlerer Position. Der Whlhebel fr das Automatikgetriebe ist ans Lenkrad gerutscht, was Platz zwischen den Sitzen schafft etwa fr iDrive. Doch ist der Ganghebel so klein geraten, dass man ihn kaum anfassen mchte. Wer manuell schalten will, kann dies ber Tasten an Vorder- und Rckseite des Lenkrades. Die Lage der Knpfe ist aber nicht gerade griffgnstig gewhlt. Der Innenraum mit seinen Nischen und Ausbuchtungen wirkt etwas zerfahren, die verwendeten Materialien sehen teilweise weniger hochwertig aus, als man es in dieser Klasse erwartet. Das Gesthl des Bayern ist ohne Tadel. Fahrer und Fondinsassen sitzen bequem auf komfortablen Fauteuils, die sich elektrisch jeder Gre anpassen lassen.

Der Phaeton harmoniert perfekt mit Gerhard Schrders Ausspruch, nicht alles anders, aber vieles besser machen zu wollen. So erlaubt auch die dem BMW-iDrive hnliche zentrale Steuereinheit des Wolfsburgers die Einstellung aller Bordfunktionen ber einen groen Drehknopf und Sieben-Zoll-Farbmonitor. Alle wichtigen Funktionen sind auch direkt ber Tasten anwhlbar. Effekt: Trotz unzhliger Einstellmglichkeiten findet man sich im Phaeton auf Anhieb besser zurecht. Edel und dabei vllig unprtentis wirkt sein Innenraum.

In puncto Materialanmutung, Gestaltung und Verarbeitung setzt der luxurise Wolfsburger im Augenblick die Mastbe. Obwohl auch Fahrer und Beifahrer perfekt untergebracht sind, knnte beim Blick in das Fondabteil leicht etwas Neid aufkommen. Die beiden elektrisch verstellbaren Einzelsitze hinten (gegen Aufpreis) sind bequem geschnitten. Zudem erlaubt ein mittig angebrachter Bedienmonitor die individuelle Einstellung unterschiedlicher Temperaturen fr den linken und rechten Fondplatz. Natrlich auch gegen Aufpreis.

Eine Frage der Abstimmung

Obwohl alle drei Kontrahenten ber verstellbare Fahrwerke und Luftfederung (beim BMW ist nur die Hinterachse luftgefedert) verfgen, sind drei verschiedene Abstimmungphilosophien erkennbar. Im Mercedes-Fond lsst sich trefflich ber Visionen brten, denn er bietet den geringsten Kontakt zur Basis, sprich zur Strae. Wie auf einem fliegenden Teppich gleiten die Passagiere dahin, unbelstigt von Straenunebenheiten. Zwar lsst sich das Fahrwerk der S-Klasse in zwei Stufen verhrten, sportlich wird sie dadurch nicht. Die S-Klasse ist eher eine klassische Reiselimousine, die auch dem Fahrer ein Hchstma an Entspannung bietet. Darunter leidet etwas die Agilitt, was jedoch auf Autobahnpassagen keine Rolle spielt.

Fahraktiver, aber eben auch etwas straffer gibt sich der BMW. Er erlaubt die Feinjustierung des Fahrwerks in den Stufen "Komfort" und "Sport" und lsst sich agiler bewegen als die S-Klasse. Den Spagat zwischen hohem Fahrkomfort und flottem Handling meistert der Siebener am besten. Hier fhlen sich Fahrer und Passagiere gleichermaen wohl. Mit der Wahl des groen BMW als Dienstwagen gnnt Edmund Stoiber seinem Fahrer einen ansprechenden Arbeitsplatz, der auch noch Spa bringt. Feiner Zug.

Das meiste Temperament stellt berraschenderweise der VW Phaeton unter Beweis. Er gibt dem Fahrer am wenigsten das Gefhl, in einer ber fnf Meter langen Luxuslimousine unterwegs zu sein. Dafr ist er auch in der komfortabelsten Einstellung (das Fahrwerk lsst sich in vier Stufen verhrten) etwas straffer als der Siebener. Den Chauffeur wird's freuen, denn derart leichtfig lsst sich keiner der beiden Konkurrenten um enge Kurven dirigieren. Der "Kanzler aller Autos" beweist mit der Wahl des Phaeton, dass er bodenstndig geblieben ist. Und nicht nur auf sein eigenes Wohlbefinden bedacht. Doch einen Hang zur etwas sportlicheren Gangart bewies Gerhard Schrder ja auch schon mit der Wahl des Audi A8 als Dienstwagen.

Whrend Edmund Stoiber noch bis zum Herbst auf einen standesgemen Zwlfzylinder fr seinen Dienstwagen warten muss, kann sich der Kanzler bereits jetzt ber ein Zwlfzylinderaggregat freuen. Der 420 PS starke W12 agiert zurckhaltend wie ein Diplomat, wird aber bei Bedarf athletisch wie ein Bodyguard. In 6,1 Sekunden reit er die ber zwei Tonnen auf Tempo 100 km/h, Schluss ist im Augenblick bei 250 km/h. VW stellt fr den Sptherbst eine elektronisch nicht abgeregelte Version in Aussicht. Dann wird der Phaeton 285 km/h schnell sein.

Technische Daten

Whrend im Siebener BMW und in der Mercedes S-Klasse ein Achtzylinder-V-Motor mit 333 beziehungsweise 306 PS fr den Antrieb sorgt, steckt beim VW Phaeton ein Zwlfzylinder-W-Aggregat mit 420 PS unter der Haube.

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