Kindersitze im Crash-Test

Kindersitze im Crashtest Kindersitze im Crashtest

Kindersitze im Crash-Test

— 20.02.2002

Alles andere als Kinderkram

Acht Kindersitze, in der Praxis getestet, danach gecrasht. Trauriges Ergebnis: Den optimalen Sitz für die Kleinen gibt es (noch) nicht.

Große Qualitätsunterschiede

Gleißendes Licht, ein Rauschen, dann der ohrenbetäubende Knall. Ungebremst schießt der VW Golf mit Tempo 50 gegen die Wand. Auf der Rückbank zwei Kinder, korrekt angegurtet in ihren Kindersitzen. Dennoch schlagen sie durch die Wucht des Aufpralls mit den Köpfen gegen die Rückenlehnen der Frontsitze. Eine Szene, die sich so oder ähnlich täglich auf unseren Straßen abspielt.

Diesmal allerdings ist sie gestellt. Die Kinder auf der Rückbank sind Dummys, die Straße das Crashlabor des TÜV Rheinland/Berlin-Brandenburg in Köln, der Notarzt ein Computer, der alle Verletzungen der Dummy-Körper festhält. Sein unbestechliches Ergebnis: Ordnungsmäßig verzurrte Kindersitze sind leider keine Lebensversicherung. Aber der Crashtest zeigt auch: Es gibt unter den Kindersitzen sehr wohl große Qualitäts-Unterschiede. Die getesteten Sitze gehören zur so genannten Gruppe I, vorgeschrieben für Kinder von neun Monaten bis etwa vier Jahre - also vom Baby bis zum Kindergartenkind. Kann ein Sitz diese große Spanne abdecken? Um das herauszufinden, crashten wir jeden Sitz parallel mit zwei Dummygrößen. Rechts mit einer Puppe, die einem etwa 18 Monate alten Kind entspricht (Gewicht elf Kilo), links mit einem 15-Kilo-Dummy, entsprechend einem dreijährigen Kind. Zusätzlich prüften wir gebrauchte Sitze, Isofix-Systeme und ließen einen Test ganz ohne Kindersitz ablaufen, der Dummy saß dabei nur mit Gurt gesichert auf der Rückbank. Ergebnisse: teilweise traurig, teilweise peinlich.

Einbau: Eine Wissenschaft für sich

Die Bezeichnung Rückhalte-System verdienen wirklich nicht alle Produkte. So flogen beispielsweise der Storchenmühle Diplomat und der HTS BeSafe mit der großen Puppe zu weit nach vorn (hohe Vorverlagerungswerte). Der Maxi-Cosi Priori erreichte knapp die Grenzwerte, beide Dummys schlugen mit dem Kopf auf die Gurtschlösser. Folge: extreme Kopfbelastungswerte. Im Britax Römer King quickfix öffnete sich in einem Versuch das Gurtschloss, was sehr hohe Belastungswerte ergab. Zum Glück aber wurde der Dummy von den Schultergurten gerade noch abgefangen. Ein besonders heikler Fall, weil der Gurtschlosshersteller seine Schlösser auch in Kindersitzen anderer Marken verwendet.

In die Bewertung ging aber nicht nur das Thema Sicherheit ein, sondern auch die Handhabung der Sitze. Der beste Kindersitz nützt nichts, wenn er falsch montiert wurde. Hier sammelt der Britax Römer eifrig Punkte. Seine Montage ist supereinfach, denn die Gurte ziehen den Sitz beim Schließen automatisch fest in die Polster. Effektiv, aber wenig praktikabel ist der Hinweis von Chicco : Eltern sollen sich zur festen Montage des Kindersitzes bitte kräftig in die Sitzfläche knien und dann erst den Gurt straffen. Eine Mutter mit Kleinkind unterm Arm wird sich bedanken...

Und: In der Bedienungsanleitung der Firma HTS sollte besser stehen: "Zur Montage wenden Sie sich bitte an Ihre Autowerkstatt." Kein Sitz ließ sich so umständlich einbauen wie der BeSafe Reboard. Jeder Ikea-Schrank ist da schneller aufgestellt. Gänzlich ohne Einbautipps überließ uns Recaro die Montage. Bei allen drei im Handel gekauften Testsitzen fehlte die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Anleitung. Hoffentlich nur ein dummer Zufall, denn laut Recaro liegt sie immer bei. Lob erntete dagegen Chicco: Die Italiener haben jeden einzelnen Montageschritt gezeichnet. Das verstehen Eltern aus aller Welt.

Große Gefahrenquelle: falsche Montage

Nächstes Problem: die optimale Einstellung der Kinderhaltegurte. Diese müssen möglichst in Schulterhöhe aus dem Sitz kommen. Dafür haben die meisten drei unterschiedliche Verstellpositionen, die auf die jeweilige Größe des Kindes angepasst werden können. Nur: Hierzu brauchen Eltern unendliche Geduld und schlanke Finger. Bei fast allen unseren Kandidaten ließen sich die geeigneten Positionen für die Dummys nur äußerst schwierig einstellen. Am Ende gab es keinen Helfer ohne abgebrochene Fingernägel oder blank liegende Nerven. Löbliche Ausnahme: der Storchenmühle Diplomat.

Fazit: Den total sicheren Kindersitz, der obendrein auch noch komfortabel und einfach zu handhaben ist, gibt es leider immer noch nicht. Dennoch: Selbst im schlechtesten Kindersitz sind die Kleinen tausendmal sicherer aufgehoben als auf Mamis Schoß. Problematisch ist aber allzu oft der Einbau. Fast zwei Drittel aller Eltern machen dabei schwere Fehler.

Löbliche Ausnahme: Isofix. Als weltweit genormte Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Kindersitz senkt dieses System die Zahl der Einbaufehler und bringt dadurch mehr Sicherheit. Mittlerweile gibt es in fast allen Nutzfahrzeugen gegen Aufpreis Isofix-Halterungen. Und die sind wirklich überall gleich.

Isofix: Schwerer Stand für sicheres System

Wer jedoch glaubt, er dürfe jeden Isofix-Sitz auch in jedes Auto montieren, irrt gewaltig. Auch wenn theoretisch ein Renault-Isofixsitz in einen Golf passt, darf er dort nicht eingesetzt werden. Grund: Jede Modellreihe braucht eine so genannte fahrzeugspezifische Zulassung. Eine Universalzulassung gibt es noch nicht.

Wir haben es im Crashversuch trotzdem einmal gewagt. Ergebnis: Der Renault-Sitz passte im Golf wie angegossen, der Dummy saß sicher. Im Vergleich mit den herkömmlichen Sitzen können sich die Crashwerte sehen lassen. Alles im grünen Bereich. Damit ist zumindest in diesem Fall klar: Isofix ist sicher.

Stellt sich nur die Frage: Was sagt die Polizei, wenn Eltern ihr Nachbarkind samt geborgtem Renault-Isofixsitz im Golf mitnehmen wollen? Einen klaren Rechtsspruch gibt es dafür bisher nicht. Den aber wird es wahrscheinlich schneller geben als die nahe liegende Universalzulassung für Isofix-Sitze.

Finger weg von alten Kindersitzen

Vorsicht bei gebrauchten Kindersitzen! So unsere Warnung nach dem Test von einem etwa neun Jahre alten Osann Safety Paris und einem etwa sieben Jahre alten Römer Lord. Beide Sitze haben mindestens drei Kinder-Generationen in Folge hinter sich. Tägliches Rein und Raus hat nicht nur die Bezüge mitgenommen. Auch die Gurte, Schlösser und die Schalen aus Kunststoff zeigen mittlerweile Altersschwäche.

So brach beim Römer Lord die Kopfstütze weg, der Dreipunktgurt steckte gefährlich tief im Hals des Dummys. Beim Safety Paris brachen die teile des Gurtschlosses ab, die Puppe hatte ebenfalls den Gurt im Hals stecken. Fazit: Auch ein Kindersitz muss mal in Rente gehen, und zwar besser, bevor er versagt. Spätestens nach vier Jahren sollte der Sitz vom entsprechenden Hersteller gecheckt werden. Das bieten die meisten als Service an.

Unser Tipp: Niemals gebrauchte Schnäppchen kaufen (Flohmarkt), denn wer kennt schon die Vorgeschichte der Sitze? Verdeckte Schäden (Haarrisse, defekte Gurtschlösser oder Gewebeschäden) lassen sich nicht immer erkennen.

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