Ein Beruf, der krank macht

Krank auf Achse

— 06.05.2007

"Wir haben die Nase voll"

Trucker: ein Beruf, der krank macht. 40 Tonnen im Nacken und 40 Grad Fieber in den Gliedern: Weil sie nicht zum Arzt gehen knnen, sind viele Fernfahrer krank auf Achse eine bisher verkannte Gefahr.

David Kraiczy schaut seinem Gegenber tief in die Augen. Geht ganz nah ran, mustert jeden Winkel der Pupille und nimmt schlielich noch die Taschenlampe zur Hilfe. Was der 28-jhrige Rettungsassistent da sieht, gefllt ihm gar nicht.

"Haben Sie etwas mit der Galle?", fragt er seinen Patienten, "Ihre Augen sind etwas gelblich, das knnte auf eine Gallen-Erkrankung hindeuten. An Ihrer Stelle wrde ich das mal genauer untersuchen lassen." Es klingt wie ein ganz normales Arzt-Gesprch, nur findet es nicht in einer Praxis statt, sondern mitten auf dem A-4-Rasthof Eisenach, in Fahrtrichtung Frankfurt. Im Sekundentakt spuckt die Autobahn hier Fahrzeuge aus. Mit Geschftsleuten, mit Reisegruppen, mit Fernfahrern, die auf dem ehemaligen Grenzbergang Rast machen. Etwas weiter vorn wartet ein Beate-Uhse-Shop auf Kundschaft, hier hinten wartet David Kraiczy auf Patienten. Mit dem Einsatz an der Autobahn wollen Verkehrsexperten auf eine vllig verkannte Gefahr hinweisen: kranke Lastwagenfahrer, die weder zum Arzt gehen noch krank machen knnen und mit 40 Tonnen im Nacken und 40 Grad Fieber in den Gliedern ber Autobahnen donnern.

Der Verkehrssicherheitsexperte und ehemalige Polizeihauptkommissar Rainer Bernickel (60) kennt solche Flle und wei, wie bel sie ausgehen knnen. "Vor ein paar Tagen hat ein Lkw-Fahrer auf der A 33 einen Herzinfarkt erlitten. Der konnte gerade noch auf den Standstreifen rollen. Und letztens ist ein Fernfahrer bei Recklinghausen auf dem Rastplatz kollabiert. Nicht auszudenken, wenn das whrend der Fahrt passiert wre." Die schweren Jungs haben die Nase voll und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Viele von ihnen sind drei oder vier Wochen am Stck auf Tour und haben einen Beruf, der krank macht: Pausen fr Arzt-Termine sind zeitlich nicht drin, einen Tag Bett hten schon gar nicht. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Arztpraxen in den Innenstdten liegen und Abstellpltze fr Lastwagen da einfach nicht vorgesehen sind. Dabei mssten Verkehrsteilnehmer schon kraft Gesetz zum Arzt, wenn es ihnen nicht gut geht.

"Wer sich infolge krperlicher oder geistiger Mngel nicht sicher im Verkehr bewegen kann, darf am Verkehr nur teilnehmen, wenn Vorsorge getroffen ist, dass er andere nicht gefhrdet", steht in Paragraf 2 der Fahrerlaubnis-Verordnung.

Sprechstunde auf dem Rastplatz – in Zukunft können sich Trucker in Doc Stops durchchecken lassen.

Auf der anderen Seite fhlen sich 85 Prozent der Berufskraftfahrer, so ergab gerade eine Umfrage, nicht ausreichend medizinisch versorgt. Eine neue Initiative aus Thringen soll die Symptome jetzt lindern: Der Europa-Abgeordnete Dr. Dieter-Lebrecht Koch (CDU) will zusammen mit Bernickel auf deutschen Raststtten sogenannte Doc Stops einrichten, an denen Fernfahrern schnelle rztliche Hilfe vermittelt wird. Die Idee: Jeder Doc Stop verfgt ber ein Netz von rzten, deren Praxis nicht weiter als vier Kilometer entfernt liegt und eine Abstellmglichkeit fr Lkw bietet. Alternativ knnen die Rasthfe auch einen Transfer zur nchsten Praxis organisieren. Die rzte sichern den Fernfahrern zu, dass sie so schnell wie mglich drankommen und sich im Wartezimmer nicht erst hinten einreihen mssen.

"Ein Kraftfahrer mit Schmerzen kann kein guter Kraftfahrer sein", sagt Koch. "Wenn man drei Wochen unterwegs ist und unter Zeitdruck steht, hat man keine Chance, zum Arzt zu gehen. Aber pltzlich auftretende Symptome drfen einfach nicht verschleppt werden." Das Pilotprojekt startet an drei Standorten: Autohof Salzbergen an der A 30, Abfahrt Rheine-Nord; Lomo-Autohof an der A 4 bei Eisenach und an der A 8 Mnchen-Salzburg, Abfahrt Traunstein/Siegsdorf. Dazu kommen demnchst 54 Veda-Autohfe. Die Organisatoren denken mittlerweile schon weiter: "Es kann ein europaweites Projekt daraus werden", sagt EU-Politiker Koch. Und Hubert Linssen, Generaldelegierter des internationalen Speditionsverbandes IRU, kndigt an: "Wir wollen diese Idee weltweit umsetzen." Rettungsassistent Kraiczy ist derweil schon beim nchsten Patienten: "Blutdruck 115 zu 80, 96 Prozent Sauerstoffsttigung, Herzfrequenz 80. Bei Ihnen ist alles okay." Fernfahrer Klaus Panntring (41) nickt dankbar und springt von der Liege auf. Er muss los die nchste Tour wartet schon.

Dr. Wolfgang Bangen (63), Hausarzt aus Münster.

Kurzinterview mit Dr. Wolfgang Bangen (63), Hausarzt aus Mnster

"Kranke Fahrer sind ein riesiges Problem"


AUTO BILD: Wie gro schtzen Sie als Arzt die Gefahr ein, die von kranken Kraftfahrern ausgeht? Bangen: Da verbirgt sich ein riesiges Problem. Unterhalb der Schwelle, bei der der Notarzt ttig werden muss, bekommen Mediziner die Fernfahrer kaum zu Gesicht. Ich kenne einen Trucker, der drei Tage lang mit 40 Fieber umhergefahren ist. Solche Zustnde sind unverantwortlich.

Beeintrchtigen Magenschmerzen oder eine Grippe denn die Fahrtchtigkeit so extrem? Auf jeden Fall. Zum einen lsst die Konzentration nach, zum anderen die Belastungsfhigkeit. Viele Fernfahrer behandeln sich dann selbst mit Medikamenten. Ob das immer ausreichend und richtig ist, wage ich zu bezweifeln.

Werden Sie knftig Sprechstunden auf den Rasthfen anbieten? Bei der augenblicklichen Situation kann man das von den rzten nicht verlangen, die sind schon belastet genug. So eine Rasthof-Sprechstunde msste von den Spediteurs-Verbnden und den Krankenkassen finanziert werden. Ich vermisse da auch ein Engagement der Berufsgenossenschaften die sollten ja ein Interesse daran haben, dass ihre Mitglieder gesund bleiben.

Autor: Alex Cohrs

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