Krise in der europäischen Automobilbranche

Krise in der europäischen Automobilbranche Krise in der europäischen Automobilbranche

Krise in der europäischen Automobilbranche

— 28.04.2002

Hausgemachte Probleme

Die deutschen Hersteller sind von der Krise in der europäischen Automobilbranche am stärksten betroffen. Gerade bei der Modellpolitik haben sich Opel und VW verfahren.

Tristes Stimmungsbild in der Branche

Peter Schmidt gilt in der Autowelt als kühl analysierender Fachmann. Doch angesichts der derzeitigen Talfahrt der Branche bemüht der Herausgeber des Londoner Informationsdienstes AID schon mal ein tristes Stimmungsbild: "Mercedes, BMW und Porsche sind die Sonnenstrahlen am dunklen Himmel der deutschen Autofirmen." In der Tat ist vor allem den großen deutschen, zuletzt noch vom Export verwöhnten Massen-Marken Volkswagen und Opel in den vergangenen Monaten einiges ins Stottern geraten.

Sogar Mercedes-Benz fuhr in der Alten Welt langsamer, gab aber dafür in den USA um so mehr Gas. Nachdem die Zulassungen in Westeuropa und vor allem auf dem ohnehin schwächelnden deutschen Markt im ersten Quartal dieses Jahres um gut vier Prozent einbrachen, herrscht jetzt Ratlosigkeit. Opel war glatt um 24 Prozent abgesackt, die Marke Volkswagen verlor satte 9,2 Prozent, Mercedes büßte 5,8 Prozent ein. Schmidt: "Keiner wagt derzeit eine Prognose darüber, wann es wieder bergauf geht. Im Gegenteil - ich schließe nicht aus, dass sich der gesamte europäische Markt noch weiter abschwächt."

Auch Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), hält sich bedeckt: "Die Lage in Nahost, hohe Ölpreise, Arbeitslosigkeit und die Risiken der Tarifrunde wirken derzeit wie Senkblei auf die Autonachfrage." Doch von der depressiven Stimmung sind nicht alle erfasst: Nicht nur Premium-Marken wie BMW oder Volvo laufen rund. Auch die französischen Massenhersteller haben längst einen Gang höher geschaltet und trotz Flaute kräftig an Fahrt gewonnen. Citroën legte in Deutschland im ersten Quartal um 28,7 Prozent zu, Peugeot um 19,4 und Renault um 16,4 Prozent.

Viel Arbeit für Pischetsrieder bei VW

Die Schlappe der Deutschen dokumentieren auch die deprimierenden Zulassungszahlen für Westeuropa, wo Renault am bisherigen Marken-Champion Volkswagen vorbeizog. Die Malaise hat nicht nur konjunkturelle Gründe, sondern ist zum Großteil hausgemacht: Opel, bis heute am Gängelband der Muttergesellschaft General Motors, fährt nicht zuletzt wegen verfehlter Modellpolitik und Qualitätsmängeln seit Jahren von Rekordverlust zu Rekordverlust und verliert regelmäßig Marktanteile.

Trotz harter Kostenschnitte und einer Modelloffensive des Opel-Chefs Carl-Peter Forster dürfte Opel in diesem Jahr das Ziel einer Halbierung des operativen Verlustes auf 350 Millionen Euro nur schwer erreichen. Davon kann beim Volkswagen-Konzern, dessen bisheriger Chef Ferdinand Piëch zuletzt ein Rekordergebnis (88,5 Milliarden Euro Umsatz, 2,9 Milliarden Euro Gewinn) hinlegte, nicht die Rede sein. Aber im Sammelsurium der Konzern-Marken wartet auf Piëchs Nachfolger Bernd Pischetsrieder einiges an Arbeit. Besonders in der Markengruppe Volkswagen, Skoda, Bentley brachen ebenso wie in der Nutzfahrzeugsparte die Verkaufszahlen weg.

Insbesondere der Volumenbringer Golf IV ist in die Tage gekommen. Bis sein Nachfolger 2003 zu den Händlern rollt, werden ihm die aggressiven Konkurrenten wie Renault oder Peugeot weiterhin massiv zugesetzt haben. AID-Herausgeber Schmidt: "Insbesondere Renault hat mit Rabatten und Sonderangeboten in den vergangenen Monaten mehr Druck als alle anderen gemacht. Das müsste bei der Marke Volkswagen auch geschehen."

VW-Modellpolitik: Fahrt in die Sackgasse?

Immerhin ließen sich VW-Manager durchaus Ungewöhnliches einfallen: Von Mai an bietet die Volkswagen Bank bei der Finanzierung von Wagen eine kostenlose Versicherung gegen die Folgen unverschuldeter Arbeitslosigkeit an. Derlei Ideen und das Feuerwerk neuer Modelle bei allen Marken und Segmenten, das Pischetsrieder angekündigt hat, könnten die abgesackten VW-Marken zwar so auf Touren wie die erfolgreichere Konzern-Gruppe Audi, Seat, Lamborghini bringen. Aber die von Piëch geerbten Risken bleiben erheblich.

Vor allem der mit der Nobelkarosse Phaeton gewagte Vorstoß in die Luxus-Klasse (ab 56.200 Euro) konnte sich als teure Fahrt in die Sackgasse erweisen, meinen selbst VW-Manager hinter vorgehaltener Hand. Wesentlich gelassener als seine Konkurrenten kann Mercedes-Chef Jürgen Hubbert die Quartals-Delle wegstecken. Unter dem Strich verkaufte er im ersten Quartal dieses Jahres (einschließlich Smart) mit rund 292.000 Autos noch mehr Karossen als im glänzenden Vorjahresquartal.

Und trotz hoher Kosten für zwei Modellwechsel (E-Klasse und in diesen Tagen das neue CLK-Coupé) blieb das Betriebsergebnis mit 653 Millionen Euro fast auf Jahreshöhe. Doch den Mercedes-Chef wurmt ein anderes Problem: Rennen für Rennen fahren die Silberpfeile von McLaren-Merceds in dieser Saison den anderen Boliden hinterher oder kommen gar nicht ins Ziel. Wenn das so weiter geht, so ein Stuttgarter Manager des Konzerns, wird das "zum Desaster für unser Image".

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