Kühlerfigur Rolls-Royce Emily

Kühlerfiguren sterben aus

— 02.01.2008

Vom Ende der Eleganz

In den Pioniertagen des Automobils gab es 6000 verschiedene Kühlerfiguren, heute sind ab Werk nur noch drei zu haben. Und der Mercedes-Stern könnte die nächste Figur sein, die vom Hersteller aufgegeben wird.

Sehen Sie hier irgendwo einen Mercedes-Stern? Nein, und das ist Absicht. Mercedes selbst scheint den Respekt vor der eigenen Ikone verloren zu haben. Nur noch S- und E-Klasse, nur zwei von 16 Baureihen, tragen ihn stolz und ausnahmslos da, wo er hingehört: oben auf dem Kühler. Für alle Mercedes-Coupés wurde die berühmteste Kühlerfigur der Welt in den 80er-Jahren abgeschafft – hier hat sich das Sportwagen-Design des SL durchgesetzt, der niemals den Stern auf dem Kühler trug. Sternverbot gilt ebenfalls für die Geländewagen – dabei ist der Verzicht hier noch nicht einmal sachlich zu begründen: Fußgänger verletzen sich bei einem Unfall mit einer M-, G- oder GL-Klasse nicht groß am Stern, sie haben beim Kontakt mit diesen riesigen Autos wirklich ganz andere Probleme. Und jetzt die neue C-Klasse. Eine von drei Ausstattungslinien, natürlich heißt sie "Avantgarde", verzichtet auf den aufgesetzten Stern, stattdessen ist er wie bei den Coupés in den Kühler integriert. So ist das Markenzeichen natürlich weithin zu sehen, und das Auto schreit geradezu heraus, aus welchem Stall es kommt.

Rolls-Royce, Maybach und Mercedes blieben übrig

Ein Zugeständnis an die modernen Zeiten – dezent war früher, vor Globalisierung und Web 2.0, bevor die Menschheit aufbrach, um in Bewegung zu sein. Heute braucht es schnellste Erkennbarkeit, selbst bei der bekanntesten Marke der Welt. Woran offenbar niemand denkt, ist der Kunde, der schon gekauft hat. Zum Erlebnis, einen Mercedes zu fahren, gehören doch nicht nur das satte Geräusch der zuschlagenden Türen, der samtene Fahrkomfort und die gediegene Qualität. Es muss der Blick über den Lenkradkranz auf den Stern fallen, sonst fehlt etwas. Jede andere Marke, die dieses Erlebnis ab Werk bietet (Rolls-Royce und Maybach), ist doch für den normalen Autofahrer unerreichbar. Warum also ordern 60 Prozent der C-Klasse-Käufer die Avantgarde-Ausstattung und verzichten auf ein einzigartiges Privileg? Laut Mercedes ist es ein Generationenproblem. Der aufgesetzte Stern erziele seine Wirkung eher bei "erfahrenen" Kunden, wie ein Firmensprecher die älteren Käufer nennt.

Sie verliert, was jeder am meisten braucht: Freunde

Nur noch C-, E- und S-Klasse tragen den Stern. Immer mehr Baureihen bekommen von Mercedes das Logo in die Motorhaube eingepflanzt.

Den Jüngeren, die mit 35 den ersten Dienstwagen bestellten, gehe es mehr um dynamisches Fahren und ein dazu passendes Design. Entstanden sei die Idee, die C-Klasse auch ohne Stern auf der Haube anzubieten, wegen des amerikanischen Marktes. Die dort mit Kühlerfigur fahrenden Cadillac gälten als altmodisch, und dieses Image habe die neue C-Klasse vermeiden sollen. Bei S- und E-Klasse mit ihren "erfahrenen" Kunden stelle sich die Frage dagegen nicht. Für die nächste E-Klasse-Generation, die 2009 erscheint, wird es darum auch nicht die Möglichkeit geben, den Stern vom Kühler zu nehmen. Dennoch ist die Kühlerfigur eine aussterbende Gattung, denn sie verliert, was jeder am meisten braucht: Freunde. In den Pioniertagen des Automobilbaus war die Kühlerfigur selbstverständlich, schon weil der Kühler so wuchtig war und weil man von außen an ihn heranmusste, um Wasser aufzufüllen.

Ein schnöder Deckel auf Bentley, Horch oder gar einem Bugatti? Das wäre nie infrage gekommen. Und so gab es nicht nur von jedem Hersteller eine Figur, nein, auch von jedem Karosseriebauer und von vielen Spezialanbietern. Kühlerfiguren wurden wie Wappen betrachtet, es gab Götter, Jäger, Boxer und Skiläufer als Autoschmuck und natürlich Tiere aller Art: Vögel, Löwen, Stiere und sogar Schnecken. Die französische Firma Lejeune hatte 60 Hunde-Varianten im Angebot, und Ettore Bugatti setzte auf seinen 16-Zylinder-Wagen Royal – einen tanzenden Elefanten. Die erste Kühlerfigur nahm sich noch bescheiden aus, 1899 ließ ein englischer Lord auf seinem Daimler ein Abbild des heiligen Christophorus anbringen, des Schutzpatrons aller Reisenden. Zwölf Jahre später war es an Rolls-Royce, sich aus dem Wildwuchs der beliebigen Kühlerfiguren zu befreien. Man beauftragte einen Künstler, etwas Dauerhaftes zu schaffen. Die silberne Figur heißt seit 1911 "Spirit of Ecstasy", wird im Volksmund aber Emily genannt, was jeden Funktionsträger bei Rolls-Royce zu bösem Augenrollen veranlasst. Und zu dem Eingeständnis, dass leider niemand genau wisse, wo die Geschichte mit Emily herkomme.

Früher herrschte noch enorme Vielfalt auf den Hauben: Von Göttern über Jäger, Boxer, Skiläufer und die verschiedensten Tiere war alles vertreten.

Das macht aber nichts, denn allein die Tatsache, dass man etwas zu erzählen hat, ist schön und spricht für die Existenz einer Kühlerfigur. Auch vom Mercedes-Stern gibt es Anekdoten. So warb die Firma lange damit, dass der Stern ihr meistverkauftes Ersatzteil sei - in der Hochphase des Punk gehörte es zum guten Ton, wenigstens einmal einen Stern abgebrochen zu haben. Die Zeiten sind vorbei. Erstens gibt es kaum noch Punks, zweitens immer weniger Sterne, und drittens sind die Teile jetzt besser gesichert: Wegen der Verletzungsgefahr bei Fußgängerunfällen klappen sie komplett weg und sind kaum noch abzubrechen. Worüber der Fahrer eines neuen Rolls-Royce nur milde lächelt: Seine Spirit of Ecstasy lässt sich per Fernbedienung in der Motorhaube versenken.

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