Zwei Supersportler im Vergleich

Zwei Supersportler im Vergleich

Lamborghini Aventador S/McLaren 720S: Test

— 07.06.2017

Tage wie dieser

McLaren stellt den neuen 720S in Rom vor. Wir sind hingefahren und haben uns auf dem Weg einen Lamborghini Aventador S dazugeholt.

Alltag? Nicht heute. Was soll auch schon alltäglich sein an einer Carbon-Übermöhre für 335.050 Euro wie dem 740 PS starken Lamborghini Aventador S? Was ist normal an einem heckgetriebenen Ballermann wie dem 720 PS starken McLaren 720S, der sich daneben mit 247.350 Euro Grundpreis fast wie ein Schnäppchen ausmacht? Überhaupt gar nichts, außer dass sie mit Benzin fahren. Beide verheißen rauschartige Fahrzustände, die uns später an diesem Tag mit tiefen Glücksgefühlen erfüllen werden, nach außen sichtbar durch aufgestellte Armbehaarung.

Urvater aller neuzeitlichen Lamborghini ist der Countach

Optisch ein klares Statement: Der Aventador ist die Spitze einer fast ewig langen Sportwagen-Tradition.

Wir sind bis nach Rom gefahren, um dort den neuen McLaren 720S abzuholen. Auf dem Weg dorthin picken wir den Aventador S in Sant’Agata auf und reden mit Lambo-Chefzeichner Mitja Borkert über die historische Wichtigkeit des Designs für Lamborghini. Jeder Lambo ist ein Statement, eine Modernisierung, Zuspitzung, Variation vieler in 50 Jahren Markengeschichte entwickelter Elemente. Und jeder trägt den Geist des automobilen Urknalls der Neuzeit schlechthin in seinen Genen: den des keilartigen Countach von Meisterzeichner Marcello Gandini. Später am Abend übernehmen wir den McLaren, dessen Design-DNA neuer und offener ist. Krassere Gegensätze als zwischen Aventador und 720S sind in diesem Segment kaum denkbar. Hier der harte Brutalo-Keil, dort der, ähnlich wie Pagani, mit seinem Kuppeldach Gruppe-C-Boliden zitierende McLaren; hier der italienische Macho, dort der fast weiblich-rund gezeichnete 720S.
Alle News und Tests zum Lamborghini Aventador

Auch der 720S hat einen legendären Urahnen

Schweres Erbe: Der 720S muss sich am F1, dem Urvater aller heutigen McLaren, messen lassen.

Auch er hat einen Urvater, der immer noch einen riesigen Schatten wirft: Den McLaren F1 halten viele bis heute für das beste Fahrerauto aller Zeiten. Eine Hypothek, an deren Einlösung McLaren seit dem Neuanfang 2009 mit großem Geschick arbeitet, wenn auch die Strahlkraft der Marke nicht die Intensität von Lamborghini erreicht. Doch die Engländer tun alles, das zu ändern. Und der 720S, der im Vergleich zum 675LT nicht ganz so Performance-fokussiert, dafür alltagstauglicher entwickelt wurde, markiert den nächsten Schritt in diese Richtung. Was nicht eben leicht ist, wenn man es mit einem Konkurrenten wie dem Aventador S zu tun hat, der mit jeder Carbonfaser seiner schroffen, zerklüfteten, massigen und dennoch wunderbar detailreich und – gerade bei mehrmaligem und genauem Hinsehen – auch ästhetisch schön gezeichneten Außenhülle schieres Tempo, Urgewalt und überirdischen Fahrspaß verspricht.

Ein Artikel aus AUTO BILD SPORTSCARS

Technisch ist der S nach dem SV die zweite Evolutionsstufe, mit der man in Sant’Agata durch clevere Modifikationen die querdynamischen Fähigkeiten des Ur-Aventador LP 700-4 schärft: Mit dem SV kam das adaptive Fahrwerk, mit dem S-Modell kommt nun die Hinterradlenkung, die man als Gewinn für Handlichkeit, Querbeschleunigung und Stabilität wahrnimmt. Nicht zu vergessen der auf 740 PS dosierte V12, doch ist das ein eher marginaler Gewinn, denn an Geradeaus-Potenz hat es dem schon immer in unter drei Sekunden auf 100 sprintenden Italiener nie gefehlt. An opernhaft wandelbarer, außergewöhnlicher Stimme schon gar nicht.

Die Formel 1 hilft McLaren bei der Traktionskontrolle

Wahnsinns-Traktion: Mit kluger Elektronik erreicht der nur heckgetriebene 720S nach 2,9 Sekunden 100 km/h.

McLaren kommt aus der entgegengesetzten Richtung und landete schon mit dem Erstling MP4 12C einen querdynamisch perfekten Wurf, dessen Turbo-V8 jedoch noch etwas ungeschliffen daherkam. Von Anfang an außergewöhnlich waren Traktion und Beschleunigung der McLaren. Obwohl auch der 720S nur seine Hinterräder antreibt, erreicht er die 100 km/h in unter drei Sekunden, was eine gewaltige Leistung ist und die Finesse zeigt, mit der die rennerfahrenen Engländer die Dinge anpacken. Hier spielen sie ihre Formel-1-Erfahrungen genial aus, denn möglich ist das nur durch eine ausgefuchste Traktionskontrolle – ein Thema, das in der F1 eine große Rolle spielt. Im 720S ist sie so weit entwickelt, dass darüber als neues Feature eine stufenlos justierbare Driftkontrolle gesteuert werden kann.
Alle News und Tests zum McLaren 720S

Weitere Details zu den beiden Supersportlern finden Sie in der Bildergalerie.
Fahrzeugdaten* Lamborghini McLaren
Motorbauart V12 V8
Aufladung/Ladedruck Biturbo/1,2 bar
Einbaulage Mitte hinten längs Mitte hinten längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4 4 pro Zylinder/4
Hubraum 6498 cm³ 3994 cm³
Bohrung x Hub 95,0 x 76,4 mm 93,0 x 73,5 mm
Verdichtung 11,8:1 8,7:1
kW (PS) bei 1/min 544 (740)/8400 530 (720)/7500
Literleistung 114 PS/l 180 PS/l
Nm bei 1/min 690 / 5500 770 / 5500
Antrieb Allrad Hinterrad
Getriebe 7-Gang sequenziell 7-Gang-Doppelkupplung
Bremsen vorn 400 mm/innenbel./gel. 390 mm/innenbel./gel.
Bremsen hinten 380 mm/innenbel./gel. 380 mm/innenbel./gel.
Bremsscheibenmaterial Carbon-Keramik Carbon-Keramik
Radgröße vorn – hinten 9 x 20 – 13 x 21 9 x 19 – 11 x 19
Reifengröße vorn – hinten 255/30 R 20 – 355/25 R 21 245/35 R 19 – 305/30 R 20
Reifentyp Pirelli P Zero Pirelli P Zero
Länge/Breite/Höhe 4797/2030/1136 mm 4543/1930/1196 mm
Radstand 2700 mm 2670 mm
Leergewicht/Zuladung 1575 kg (trocken)/k. A. 1283 kg (trocken)/k. A.
Leistungsgewicht 2,1 kg/PS (trocken) 1,8 kg/PS (trocken)
Tankvolumen 85 l 72 l
Kofferraumvolumen 140 l 150 + 210 l (v.+ h.)
Beschleunigung
0-100 km/h 2,9 s 2,9 s
0-200 km/h 8,8 s 7,8 s
0-300 km/h 24,2 s 21,4 s
Vmax 350 km/h 341 km/h
Verbrauch 16,9 l/100 km (Super Plus) 10,7 l/100 km (Super Plus)
Reichweite 500 km 670 km
Grundpreis 335.050 Euro 247.350 Euro
*Herstellerangaben
Autor:

Ralf Kund

Fazit

Zweimal habe ich mich spontan in ein Auto verguckt: 458 Italia inklusive Erben und Pagani Huayra. Beides fantastische Fahrerautos. Jetzt kommt ein weiteres hinzu: der McLaren 720S. Man könnte ihn als kühl bezeichnen, vor allem im direkten Vergleich zum grandiosen Sinnesbetörer Aventador S, der den Weg markiert, den Lamborghini immer effektiver verfolgt: mechanisch ehrliche Superlative in Längs- und Querdynamik aufzustellen. Doch ist auch der McLaren alles andere als ein weniger emotionales Auto. Wie er mit dem Fahrer kommuniziert, ist fein und leise, aber so intensiv, dass man trotz seiner irren Leistung schnell einen Vertrauten in ihm sieht. Und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Stichworte:

Supersportwagen

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.


Kfz-Versicherung