Leben für Ferrari

Maranello – Hauptstadt der Formel 1 Maranello – Hauptstadt der Formel 1

Leben für Ferrari

— 27.09.2002

Maranello – Hauptstadt der Formel 1

Wo Wirte zu Weltmeistern werden. Wo Tifosi mit Tankwarten tanzen. Wo Motoren heulen und Rot regiert – da muss Maranello sein.

Telefonieren ist strengstens erlaubt



Samstag ist Waschtag. Auf der Agip-Tankstelle an der Vignola numero 52 drängen sich die Autos. Mütter saugen ihre Multipla, Studenten putzen ihre Panda. Ferraristi reihen sich brav in die Schlangen ein. Denn Sonntag muss alles sauber sein. Sonntag ist Renntag.

Das Tanken macht hier noch richtig Spaß. Beim Zapfen wird heftig Zigarre geraucht, Telefonieren ist strengstens erlaubt. Um besondere Pflegefälle kümmert sich Boxenchef Marco Cappi (28) persönlich. Den Testarossa von Signor Romano Richeldi (75) bugsiert er mit viel Fingerspitzengefühl durch die Bürstenstraße. Damit der Spoiler heil bleibt, ist doch klar.

Kundenfreundlichkeit? Eigennutz? Egal, hier in Maranello. Die Stadt ist verrückt nach Ferrari. Wer Geld hat, fährt einen. Wer Geld braucht, schafft für Ferrari. Jeder siebte Einwohner arbeitet in der Traum-Fabrik. Der Rest lebt von ihr.

Wenn in Maranello die Glocken läuten ...

So wie Giorgio Spalanzani (60). Sein Spielzeugladen "Giorgio Giochi" existiert seit 1968. Aber noch nie hat er so viel Geld gescheffelt wie in diesem Jahr. Ferrari und Schumi wurden zum dritten Mal in Folge Weltmeister. Selbst Ferrari-Boss Luca di Montezemolo kauft hier seine Geschenke. Fahnen, Tretautos, Rennanzüge, alles in Rosso, gehen weg wie warme Semmeln. Die Fans kaufen den Laden leer.

Einige sind so begeistert, dass sie glatt vergessen, zu bezahlen. "Nicht die Kinder klauen, sondern die Erwachsenen", klagt Spalanzani. "Du musst ständig auf der Hut sein." Dabei müsste der liebe Gott die Sünden eigentlich sehen. Gegenüber steht die berühmte Kirche, deren Turmglocken Pfarrer Don Alberto Bernardoni (69) unverzüglich läuten lässt, sobald irgendwo auf der Welt ein Formel-1-Ferrari gewinnt.

Wenn motorisierte Trauzeugen mit heulenden Motoren und quietschenden Reifen auf dem Kirchplatz vorfahren, legt sich ein Lächeln über seine weichen Gesichtszüge. "Hui, sind meine Schäfchen mal wieder schnell", sagt dann der Don und zieht die Augenbrauen hoch. Dafür lieben ihn die Tifosi.

Enzo Ferraris Geist ist allgegenwärtig

Verehrt wie ein Heiliger jedoch wird nur einer: der große Enzo Ferrari (1898–1988). Für Friseurmeister Giorgio Sociali (66), dessen Sohn Gianluca es zum Formel-1-Edelschrauber gebracht hat, ist der Geist des Commendatore noch lebendig. "Ich habe ihm 30 Jahre lang die Haare geschnitten", erzählt Sociali. "Manchmal denke ich, er kommt jeden Moment zur Tür herein." Ferrari hat immer auf dem braunen Kunstlederstuhl gesessen. Je nach Laune unterhielt er sich über Gott und die Welt. Oder er schwieg beharrlich. An solchen Tagen hatte man besser den Mund zu halten.

Die einzigen Bilder, die der Ferrari-Friseur vom großen Enzo hat, wurden heimlich gemacht, durch die Schaufensterscheibe. Jeder wusste, dass der Commendatore nicht fotografiert werden wollte. Und dass er ziemlich ungemütlich werden konnte.

Der Firmengründer hat seine Anhängerschaft streng in zwei Lager unterteilt: Ferraristi kaufen ihre Sportwagen neu im Werk, Tifosi sind bloß die Fans der Marke. Das ist heute anders. Was unterscheidet schon einen Ferrari-Besitzer von einem, der Ferrari im Herzen trägt? Nichts! Im Ferrari Club Maranello jedenfalls sitzen sie jeden Samstagnachmittag einträchtig nebeneinander. Ferraristi und Tifosi, Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete. Der Kronkorkenfabrikant diskutiert mit dem Straßenfeger über die gemeinsame Leidenschaft. Ohne Neid und Missgunst, in gegenseitigem Respekt.

Maranello in Zahlen

Undenkbar im Sozialneid-geplagten Deutschland, wo ein roter Renner im öffentlichen Verkehr unweigerlich Negativ-Assoziationen bei umstehenden Passanten hervorruft: Börsenhai? Bordellbesitzer? Bohlen? In Maranello klatschen sie. Rund um die Piazza di Libertá formieren sich die spontanen Autokorsos. Nach Rennerfolgen oder an Enzos Geburtstag. Zu feiern gibt es immer etwas, und sei es nur sich selbst.

Ferrari-Club-Präsident und Testarossa-Fahrer Alberto Beccari (48), der 2000 Mitglieder in aller Welt betreut, versucht das Phänomen in Worte zu fassen: "Ein Tifoso jubelt niemals, wenn bei einem Formel-1-Rennen ein BMW oder Mercedes ausfällt." Das haben die Leute hier nicht nötig. Schon gar nicht als Weltmeister.

Maranello in Zahlen • 15.396 Einwohner • 2400 Mitarbeiter beschäftigt das Ferrari-Werk • Rennstallbesitzer Enzo Ferrari (Alfa Romeo) gründete seine Firma Auto Avio Costruzioni in Modena, bevor der Firmensitz 1943 nach Maranello verlegt wurde • Virtueller Rundgang durchs Ferrari-Museum.

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