Leichtsinn an Bahnübergängen

— 17.09.2013

Der Tod kommt auf Schienen

Die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen bleibt seit Jahren unverändert hoch. Viele Menschen ignorierten die Gefahr, klagen Bahn-Mitarbeiter.



(dpa) "Erst heute hat wieder einer sein Rad quergestellt und unter der Schranke durchgeschoben", berichtet Gabriele Reckin-Samolak (49). Sie ist seit über 30 Jahren Fahrdienstleiterin der Deutschen Bahn. Was sie in ihrem Stellwerk in Meerbusch bei Düsseldorf "tagtäglich" beobachtet, bestätigt den Trend: "Es ist schlimmer geworden. Regeln werden nicht mehr eingehalten. Die Leute klettern sogar mit Kinderwagen unter der Schranke durch."

Studie: Halbschranken nicht gefährlicher als Vollschranken

Immer häufiger beobachten Bahn-Mitarbeiter und Polizisten leichtsinniges Verhalten an den bundesweit noch 19.200 Bahnübergängen. Obwohl jeder dritte Bahnübergang in den vergangenen 20 Jahren verschwunden ist und dafür viel Geld ausgegeben wurde, stagniert die Zahl der Unfälle an den restlichen Übergängen seit Jahren bei über 200 im Jahr. Davon ist jeder vierte Unfall tödlich.

Problem für XXL-Lkw: Gigaliner am Bahnübergang

Mit einer Kampagne für Schüler und Fahrschüler haben Bahn, Polizei und ADAC am 17. September 2013 in Meerbusch bei Düsseldorf auf die besonderen Regeln und Gefahren an den Übergängen hingewiesen. Nach Angaben der Bahn gehen 95 Prozent der Unfälle auf falsches Verhalten von Autofahrern und Fußgängern zurück. Nur in fünf Prozent der Fälle liege der Fehler bei den Bahn-Mitarbeitern. So hat eine Infas-Umfrage ergeben, dass fast jeder Vierte rotes Blinklicht an den Übergängen fälschlich mit Gelblicht an der Ampel gleichsetze. Besonders schlimm seien Eltern, die bei Rotlicht oder an verbotenen Stellen mit ihren kleinen Kindern die Schienen kreuzten – manchmal liefen die Kinder zehn Meter hinterher, berichtet Reckin-Samolak. Sie sei in solchen Situationen machtlos: "Der Zug hat einen Kilometer Bremsweg."

Gefährlicher Sog

Manche kletterten auch auf den Schrankenbaum und unterschätzten dabei die Sogwirkung eines schnellen Zuges. Einer Kollegin von ihr sei der Weg zum Dienst im Stellwerk schon durch Leichenteile blockiert gewesen. Plötzlich stutzt die Fahrdienstleiterin: "Was ist das?" Ein Arbeiter schneidet dicht an den Gleisen mit einer Säge das Grün an der Böschung zurück und ist dabei in den Blick einer der Überwachungskameras geraten. Die 49-Jährige zieht die Augenbrauen hoch: "Ohne Warnweste."

Eine Lok wiegt bis zu 90 Tonnen

Autos haben keine Chance: Eine Lok wiegt bis zu 90 Tonnen – eine Schrottpresse hat einen Druck von lediglich 60 Tonnen.

Mehreren Schulklassen präsentierten Polizei und Bahn einen Klumpen Schrott – einst ein Auto, aus dem Helfer eine 86-Jährige ziehen konnten, nur Sekunden bevor ein Zug frontal mit dem liegengebliebenen Wagen kollidierte. Eine Lok wiege bis zu 90 Tonnen – eine Schrottpresse habe einen Druck von lediglich 60 Tonnen, erklären sie. Wie bestellt braust ein mit Stahlträgern beladener Güterzug am Stellwerk vorbei. Jörg Ackmann von der Bundespolizei hat schon einiges gesehen: "Einmal hat eine ganz langsame Rangierlok ein Auto erfasst. Die Puffer der Lok steckten trotz Tempo 10 bis zur Mittelkonsole im Wagen." Ein anderes Mal wurde er zu einem Unfall gerufen, bei dem ein Landwirt mit seiner Limousine und einer Ladung Eier von einem Zug mitgeschleift wurde: „Der Mann war tot und das Eigelb lief aus dem Wrack. So etwas vergisst man nicht.” Inzwischen hat die Fahrdienstleiterin tatsächlich einen Ernstfall und muss die Strecke sperren: Der Arbeiter mit der Säge hat sich ins Bein geschnitten und muss aus dem Gelände geborgen werden.

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