Lexus RC-F: Fahrbericht

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Lexus RC-F: Fahrbericht

— 05.09.2014

Hoffnungslos unvernünftig

Böse und bullig fährt der Lexus RC dem neuen BMW M4 in die Parade. Der Japaner ist ein Pulsbeschleuniger mit 477 PS. Fahrbericht!

Lexus? Das sind doch die Leisetreter in der Luxusklasse, die zumindest in Europa seit Jahren erfolglos gegen Audi, BMW und Mercedes antreten? Für die meisten Modelle der vornehmen Toyota-Tochter trifft diese grob vereinfachte und sicher nicht ganz objektive Einschätzung tatsächlich zu. Denn auch wenn das Design mit dem Diabolo-Grill am Bug und den schärferen Kanten im Blech in letzter Zeit etwas mutiger geworden ist und die Japaner bei Ambiente und Ausstattung über jeden Zweifel erhaben sind, können sie vor allem in Sachen Fahrspaß und Fahrdynamik nicht mithalten. Zu vernünftig, zu vorsichtig und vor allem zu verliebt in den Hybridantrieb sind die Ingenieure, als dass sie einen echten Pulsbeschleuniger auf die Räder gestellt hätten. Bis jetzt zumindest. Doch bald kommt ein Lexus, bei dem das alles anders ist: bitterböse, bullig und brutal gezeichnet, brachial motorisiert, bretthart abgestimmt und rundherum hoffnungslos unvernünftig. Wenn im Januar 2015 zu Preisen ab etwa 75.000 Euro der RC-F an den Start geht, dann sieht selbst eine Vollgas-Ikone wie der neue BMW M4 plötzlich verdächtig nach Spielzeugauto aus.

Der RC-F gibt den Punker im Knabenchor

Fünf Liter Hubraum, acht Töpfe, 477 PS: Der RC-F lässt es richtig krachen.

Auf dem Papier trennen die beiden Power-Player zwar nur ein paar wenige PS. Schließlich kommt der M4 auf 431 und der RC-F auf 477 PS. Doch während BMW zumindest ein bisschen der Vernunft gefolgt ist und unter der Haube ein wenig abgerüstet hat, lassen sich die Japaner den Spaß am Speed nicht verderben. Während sie sonst das Hohelied des Hybridantriebs singen, kontern sie deshalb den kleingeschrumpften Turbo-Sechszylinder aus München mit einem V8-Motor von fetten fünf Litern Hubraum und geben damit den Punker im Knabenchor – den entsprechenden Sound inklusive. Unter 4000 Touren fast noch verhalten und beinahe zu leise, muss man dem Motor nur ein wenig die Sporen geben, dann bollert und brüllt er alles anderen nieder und fährt die meisten seiner Konkurrenten in Grund und Boden: Wenn 530 Nm zupacken und die Achtgang-Automatik mit der Kompromisslosigkeit eines Schnellfeuergewehrs schaltet, dann stürmt der Reis-Racer in 4,5 Sekunden von 0 auf 100 und danach so unbändig weiter, dass die Entwickler bei 270 Sachen sicherheitshalber die Reißleine ziehen. Sonst wären mindestens 300 km/h drin, lässt Projektleiter Yukihiko Yaguchi durchblicken.

Das Fahrwerk ist vielfach verstellbar

Platz da: Der riesige Kühlergrill scheint langsamere Autos förmlich zu fressen.

Dass er diesen Speed nicht nur auf der Geraden hält, sondern auch in Kurven einen Mörderspaß macht und selbst auf einer Rennstrecke glaubwürdig bleibt, das verdankt er einem aufwändigen Fahrwerk samt Torsen-Differential oder Torque Vectoring an der Hinterachse und jeder Menge elektronischer Spielereien. Man muss zwar nicht jeden Parameter einzeln einstellen, erst recht nicht, wenn man nach dem ersten Gaßtoss giert und endlich losfahren möchte. Aber wer um die letzte Sekunde ringt und das perfekte Set-up sucht, der kann den RC-F mit seinen vielen Untermenüs fast so individuell konfigurieren wie einen Rennwagen. Aber der Lexus ist nicht nur bärenstark und fährt rasend schnell – er sieht auch messerscharf aus. Wie ein der blechgewordene Bösewicht aus einem Manga-Comic drückt er dem Vordermann seine fiese Fratze in den Rückspiegel: Der riesige Kühlergrill scheint langsamere Autos förmlich zu fressen, aus den Nüstern tief unten in der Schürze fehlt nur noch der feurige Rauch und die Luft, die nach einem heißen Ritt aus der Hutze auf der Haube tritt. Dazu gibt es eine wunderbar elegant geschwungene Silhouette mit kontrastierenden Kanten, die wie mit dem Beil ins Blech gehauen sind. Und wer den Wagen von hinten sieht, der mag kaum glauben, dass der von einer Toyota-Tochter kommt. Denn vom vermeintlichen Erfinder des Hybridantriebs hätte man eine derart lustvolle Inszenierung riesiger Endrohre nun wirklich nicht erwartet.

Der Innenraum enttäuscht mit zerklüftetem Cockpit

Das Cockpit ist extrem zerklüftet und lässt es an Ergonomie fehlen.

So sehr das Design der Karosserie begeistert, so sehr enttäuscht allerdings der Innenraum. Die mit auffälligem Ledermuster bezogenen Integralsitze sehen zwar klasse aus und geben tatsächlich den nötigen Halt, doch das Cockpit ist extrem zerklüftet und das gerade in einem Auto, das die Aufmerksamkeit des Fahrers derart fordert. Da würde man sich eine bessere Ergonomie und eine einfachere Logik für Navi & Co wünschen. Und die digitalen Instrumente mit ihren gefühlten drei Dutzend verschiedenen Darstellungsebenen und Display-Optionen hätte man gescheiter auf der Playstation gelassen – das ist ein Rennwagen, und kein Telespiel. Mehr als die Drehzahl (möglich sind mehr als 7000 Touren) und vielleicht noch das Tempo interessiert da doch ohnehin keinen.

BMW M4 (2014): Fahrbericht

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Zwar weiß Chefingenieur Yaguchi, wie lange BMW, Mercedes und Audi gebraucht haben, bis ihre sportlichen Ableger so groß und berühmt waren wir heute. "Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns", räumt der Japaner, der am liebsten einen Rennanzug trägt, ein. Doch um so mehr freut es ihn, wenn der RC-F mit der Konkurrenz mithalten oder ihr sogar in einzelnen Disziplinen davon fahren kann. Außerdem gibt ihm das Rückenwind für weitere Projekte. "Gut möglich, dass wir bald noch mehr Modelle mit einem F im Typenschild haben werden", orakelt Yaguchi. In einer Disziplin allerdings wollen sich die Japaner mit den Bayern nicht messen und überlassen dem M4 deshalb gerne den Sieg: in der Frischluftwertung. Denn so gut der RC-F wahrscheinlich auch als Cabrio aussehen würde, geben sich die Entwickler beim Blick gen Himmel pessimistisch – ein Cabrio ist vorerst nicht geplant.

Autor: Thomas Geiger

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