Lotus Esthi < 2.7

Lotus Esthi <2.7 Lotus Esthi <2.7

Lotus Esthi < 2.7

— 18.06.2002

Flower Power

380 PS in einem Elise - selten harmonieren Power und Performance besser. Das Konzept hat sogar Lotus überzeugt: Esthi-Initiator Dschüdow ist jetzt der erste offizielle Lotus-Tuner.

Sucht nach mehr Kraft

Lotus-Elise-Fahrer sind wirklich zu bedauern. Sie jammern. Und immer aus dem gleichen Grund. Nein, nicht wegen des Chassis. Das besteht aus einer supersteifen Aluminium-wanne. Schließlich braucht man neun Tonnen Gewicht an den Spitzen der Diagonalen, um die Konstruktion um ein Grad zu verschränken - Werte wie beim BMW M5. Und der hat immerhin ein stabilisierendes Dach - der Elise ist nach oben herrlich offen.

Also, worüber meckern sie dann? Auch nicht über das Fahrwerk: Einzelradaufhängung natürlich, Doppelquerlenker vorn, Quer- und Schräglenker hinten. Bewährte Renntechnik mit Stabilisatoren. Nicht über die Lenkung - die ist so genial direkt, dass sämtliche Kurven noch viel enger sein müssten. Nicht über Gewicht. Ganz im Sinne des Leichtbau-Pioniers und Lotus-Gründers Anthony Colin Bruce Chapman wiegt der Basis-Elise lächerliche 790 Kilo. Was also ist es, das Elise-Fahrer vermissen? Ganz einfach: Kraft. Power, PS, Muskeln. Den Hammer im Genick. Das weiß auch Lotus. Und bietet seit kurzem die zivile Power-Variante an: 158 statt der bislang üblichen 122 PS. Aber, unter uns: Macht das wirklich satt?

Szenenwechsel. Irgendwo auf Straßen zweiter und dritter Ordnung im Münsterland. Rainer Dschüdow, Neuwagenhändler englischer und italienischer Autos bei Münster, bittet uns zum Ritt auf der Kanonenkugel: Jungfernfahrt im Lotus Esthi < 2.7. Das komplette Auto - Chassis plus Karosserie - fuhr bis dato noch keinen Meter auf der Straße. By the way: Lotus was?

Geliebter Feind

Esthi < 2.7. Auf den ersten Blick ein Elise. Aber: viel breiter, etwas länger. Mehr Lufteinlässe. Große Räder. Plexiglas auf der Haube erlaubt einen Blick auf den Motor - den kennen wir doch? Vier Ringe ... Der Audi-Biturbo. Einst trieb er den Über-Kombi RS 4 an. Jetzt steckt er im agilsten kleinen Straßensportler, der zurzeit gebaut wird. Und mobilisiert 380 PS. Uff! Sorry: erst die Praxis, dann die Theorie. Zündschlüssel drehen, starten. Mehr Sound als beim Serien-Elise, was aber auch nicht schwierig ist, denn die tönt sanft wie vier schnarchende Katzen. Esthi klingt aufgeweckter, schärfer - aber noch sehr gesetzestreu deutsch. Erster Gang links unten, sechster rechts oben: "Das ändern wir noch in der Serie", verspricht Dschüdow.

Jetzt Gas geben. Nanu? Brav rollt der Esthi an, unaufgeregt, wie ein Elis-chen. Und während ich darüber nachdenke, wo denn nun der versprochene Hammer im Genick bleibt, schlägt er gnadenlos zu. Zwei Wastegates röcheln mir den Überdruck in die Ohren, als ich schalte, und der Lotus stürmt infernalisch nach vorn. "Leistung" wird plötzlich relativ, und die Maschine kann viel mehr, als der Mensch sich zutrauen sollte. Fuß vom Gaspedal nehmen? Ein heftiger Kampf zwischen Gewissen und Spieltrieb entbrennt, zwischen Vernunft und Neugier. Ja, so muss ein Lotus sein - kompromisslos, unglaublich schnell. Ein geliebter Feind, der zur Verantwortung zwingt.

380 PS für ein 1000- Kilo-Wägelchen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Da ist eine Pferdestärke für exakt 2,62 Kilo Wagengewicht zuständig (daher auch der Name "< 2.7", sprich: "kleiner zweipunktsieben". "Esthi" dagegen ist der Kosename von Dschüdows autoverrückter Tochter Esther). Oder anders ausgedrückt: Man könnte portioniertes Adrenalin genauso gut intravenös verabreichen.

Tuner-Adel aus Münster

Damit die höllische Energie genauso zuverlässig vernichtet wie aufgebaut wird, haben sich Dschüdow und sein Entwickler Dieter Scharpe von Tekno engineering für die Bremsanlage aus dem Lotus Esprit Turbo entschieden. Und damit ist der Esthi der einzige Elise mit Bremsverstärker und ABS. Auch der Auspuff stammt vom großen Bruder. Das Sechsganggetriebe steuert der Diesel-A8 von Audi bei: Nur dieses Getriebe kann die Kraft verlässlich umsetzen und baut gleichzeitig kurz genug, um im Lotus-Heck Platz zu finden. Ein höhenverstellbares Wilbers-Sportfahrwerk mit einstellbaren Druck- und Zugstufen sorgt für individuelle Abstimmung.

Dank 17-Zöllern vorn und 18-Zöllern hinten klebt der Wagen auf dem Asphalt, später sind 18- und 19-Zöller Superleggera 3 von OZ (nur 4,7 Kilo Gewicht pro Stück) als Option möglich. Für Antriebsschlupfkontrolle oder Airbags ist dagegen kein Platz - einen Lotus sollte man nie zu weich machen. Schon die serienmäßige Klimaanlage kann bei Puristen für gerümpfte Nasen sorgen.

Die saubere Wandlung vom Elise zum Esthi hat sogar den hochkritischen Autohersteller Lotus überzeugt: Interimschef Tengku Hasmadi hat Brandes & Dschüdow sogleich zum ersten offiziellen Lotus-Tuner geadelt - wenn auch nur zunächst für ein Jahr auf Probe und unter der Prämisse eines anderen Namens (zum Beispiel: Dschüdow Automobilmanufaktur GmbH & Co KG). Vorteil: Der Esthi darf höchstselbst das Lotus-Emblem tragen und der Name stolz am Heck prangen (was wichtig ist, denn die Buchstaben am Esthi sind ausgestanzt, um den Motor zu belüften). Und Audi? Selbst die Ingolstädter spielen mit. Wissen sie doch, dass der RS-4-Motor zurzeit ein Juwel ohne Fassung ist. Fünf fertige Motoren gibt es noch, und Audis Sportmotorenschmiede Cosworth hat zugesagt, für den Esthi erst einmal 25 weitere RS-4-Motoren zu bauen.

Technische Daten

Und dann werden selbst Power-Elise-Fahrer nichts mehr zu jammern haben? Oh doch. Denn der größte Nachteil (außer einem wirklich winzigen Kofferraum, der noch zwischen Auspufftopf und Motorblock eingepasst wird) ist der Tank des Serien-Elise: Der fasst gerade mal 32 Liter. So könnte sich der Sprint-Spaß aufs Power-Hopping von Tankstelle zu Tankstelle beschränken (für den Audi RS 4 haben die Ingolstädter einen Verbrauch von innerstädtisch 17 Litern angegeben, der Esthi dürfte etwas darunter liegen). Also wird die Hauptaufgabe von Dieter Scharpe sein, den optionalen Lotus-Elise-Tank, der immerhin mehr als 50 Liter fasst, irgendwie im Wagen unterzubringen. Ein bisschen Zeit haben die Verantwortlichen ja noch. Im Sommer nächsten Jahres sollen die ersten fertigen Serien-Esthi ausgeliefert werden, bestellt werden kann sofort. Preis: etwa 95.000 Euro. Nicht zu viel, wenn man dafür nichts mehr zu jammern hat.

Lotus Esthi < 2.7 V6-Biturbo-Mittelmotor, längs eingebaut • fünf Ventile pro Zylinder • Hubraum 2671 cm3 • Leistung 280 kW (380 PS) bei 6100/min • maximales Drehmoment 440 Nm bei 2500 bis 6000/min • Sechsganggetriebe • Heckantrieb • Einzelradaufhängung (vorn Doppelquerlenker und Federbeine, hinten Quer- und Schräglenker, Federbeine) • Fahrwerk in Druck- und Zugstufe sowie Fahrzeughöhe einstellbar • innenbelüftete Scheibenbremsen rundum • ABS • Reifengröße vorn 215/35 ZR 17, hinten 255/335 ZR 18 • Kofferraumvolumen ca. 70 l • Tankinhalt 32 l • L/B/H 3793/1769/1143 mm • Radstand 2317 mm • Leergewicht ca. 1000 kg • Spitze ca. 315 km/h • 0-100 km/h in weniger als vier Sekunden (Werksangaben) • Preis: ca. 95.000 Euro

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.