Maserati Ghibli Spyder und GranCabrio im Vergleich

Maserati Ghibli Spyder GranCabrio Maserati Ghibli Spyder GranCabrio

Maserati Ghibli Spyder und GranCabrio im Vergleich

— 06.07.2010

Krönung auf Italienisch

Genau 40 Jahre liegen zwischen dem Ghibli Spyder und seinem 2+2-sitzigen Nachfahren GranCabrio. AUTO BILD SPORTSCARS vegleicht die beiden rassigen Schönheiten bei einer Fahrt auf italienischen Landstraßen.

Ein Schuss hallt durch die Straße im sengend heißen Modena. Dann noch einer und noch einer, eine ganze Salve. Passanten erschrecken, drehen ihre Hälse, sehen den vermeintlichen Schützen – und grinsen übers ganze Gesicht. "Der Vergaser ist nicht optimal eingestellt", erklärt Marcello Candini, Modeneser Spezialist für Maserati-Restaurierungen und derzeitiger Besitzer des traumschönen Ghibli Spyder SS in der Farbe Celeste chiaro metallizzato, einer pastellisierten Ahnung von Blau. Im Schiebebetrieb brabbelt, sprotzelt und knallt das 1970 gebaute Maserati-Cabrio und gibt vor jedem Ampelstopp den durchgeknallten Attentäter. Fotografin Lena und ich folgen dem eleganten Zweisitzer im neuen Maserati GranCabrio durch die Heimatstadt der gekrönten Stilikonen und freuen uns auf jede Gaspedalbewegung: wenig Gas = dumpfes Grollen aus den Tiefen des Fünfliters, Vollgas = rennmäßiges V8-Geschrei mit vielen Obertönen, weg vom Gas = er schießt.

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Gegen den filigranen Ghibli Spyder wirkt das GranCabrio markant und bullig.

Und trifft jeden Autoliebhaber mitten ins Herz. Eine Disziplin, die auch das GranCabrio zielsicher beherrscht. Vor allem dann, wenn nach dem Druck auf die Sport-Taste der Klappenauspuff volles Rohr seine Begeisterung an der Drehzahl herausbratzt und der von Ferrari zugelieferte, 440 PS starke V8-Sauger dem viersitzigen Cabrio mächtig einheizt. 100 km/h wären nach 5,3 Sekunden erreicht, 274 km/h sind offen drin (geschlossen 283 km/h). Doch danach steht uns jetzt nicht der Sinn. Wir folgen dem filigranen Hintern mit den vier Zauberflöten über verwinkelte italienische Landsträßchen auf einer kleinen Reise in die Vergangenheit. In den 60er-Jahren schossen sich die vier legendären italienischen Automarken, die alle in oder um Modena sitzen, gegenseitig immer weiter in die Höhe. Ferrari und Maserati waren noch erbitterte Konkurrenten, Lamborghini die extremistischen, aber fortschrittlichen Underdogs, und De Tomaso schickte mit dem Pantera ebenfalls einen markanten Supersportler ins Rennen.

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Die 60er-Jahre-Karosserie entstand unter Federführung des Designstars Giorgetto Giugiaro.

Während Lamborghini mit dem Miura das Mittelmotorkonzept bei straßenzugelassenen Sportwagen einführte und die Geschwindigkeitsorgie über die magische 300er-Marke hievte, beharkten sich Maserati und Ferrari mit Gran Turismos, bei denen offensichtlich auch die Länge der Motorhaube eine entscheidende Rolle spielte. Ferraris Daytona (365 GTB/4) schaffte 280 km/h, und das Ghibli-Coupé, das vom Werk auch mit 280 km/h angegeben wurde, war die direkte Antwort darauf. Für das Design war Ghia engagiert worden, das Projekt setzte der damals noch unbekannte Giorgetto Giugiaro um und machte sich so unsterblich. Die auffällig lange und flache Front des Ghibli wurde unter anderem durch den Einsatz einer Trockensumpfschmierung erreicht. Doch im Unterschied zum 365 war der Ghibli wegen seines langen Radstands ein 2+2-Sitzer.

Ford wollte Maserati kaufen

Kein unbedeutender Umstand, denn hier zeigen sich die unterschiedlichen Philosophien: Während Lamborghini, Ferrari und De Tomaso betont sportlich auftraten, musste ein Maserati immer auch ein Inbegriff von Luxus, Stil und etwas Komfort sein. Was ja nicht ausschloss, dass die Autos extrem schnell waren. Diesen Umständen ist es zuzuschreiben, dass Maserati zu jener Zeit zur bevorzugten Marke der Reichen und Schönen avancierte. So waren bekannte Ghibli-Fahrer etwa Jean-Paul, aber nicht Sartre, sondern Belmondo, Peter Sellers oder auch Sammy Davis jr., die bevorzugt auf die "Krönchenautos" (Lena Barthelmeß) abfuhren. Von Henry Ford II, der einen Ghibli besaß – oder von dem Auto besessen war –, erzählt man, dass er seinen Ghibli sogar provokant auf dem Ford-Firmenparkplatz parkte. Ford war gar so beeindruckt, dass er gleich die ganze Firma Maserati kaufen wollte.

Schnelligkeit Pflicht – offenes Verdeck Kür

Das Gaspedal will mit Nachdruck getreten werden, der V8 mit 335 PS zieht immer noch gewaltig an.

Das alles zeigt: Den Inbegriff automobiler Begehrlichkeit, das Accessoire des internationalen Jetsets verkörperte die Marke mit dem Dreizack des Neptuns wie kaum eine andere zu der Zeit. War der Bau möglichst schneller Autos die Pflicht, kann man das Aufschneiden des Daches als gewinnbringende Kür bezeichnen. Und dabei hatte Maserati ein paar Pfunde, mit denen sich gut wuchern ließ: Der Frua Spyder A6G, der 3500 GT Vignale oder der Mistral Spyder waren in homöopathischen Dosen produzierte Schönheiten, denen der Ghibli in Sachen Ästhetik in nichts nachstand. Insgesamt entstanden 125 Spyder zwischen 1969 und 1973, 76 mit 4,7-Liter-, 49 mit dem 4,9-Liter-Motor, 12 von den 49 in europäischer Spezifikation. Und einer davon wartet gerade mit unruhigem Leerlauf auf eine kleine Ausfahrt. Seitenhalt war zu der Zeit offensichtlich noch kein großes Thema, auch ergonomisch gesehen ist die Sitzposition, sagen wir, eigenständig, doch ein Blick über die endlose Motorhaube und auf die schönen Instrumente entschädigt für alles.

Bis zu 300.000 Euro kann man für einen Ghibli Spyder anlegen

Der von Ferrari zugelieferte, 440 PS starke V8-Sauger heizt dem Cabrio mächtig ein.

Das Gaspedal will mit Nachdruck getreten werden, als würde es sich sträuben, doch der 40 Jahre alte V8 mit 335 PS zieht immer noch gewaltig an. Die optionale Servolenkung ist sehr leichtgängig, die Schaltung erfreulicherweise auch, und so fühlt man sich recht schnell zu Hause in diesem seltenen Auto, das mehr Aufmerksamkeit und fröhliche Gesichter auf sich zieht als jeder aktuelle Supersportler. Doch bevor der Spaß zu wild wird, direkt nach dem ersten leichten Slide, schießt mir diese Zahl in den Sinn: Bis zu 300.000 Euro kann man für einen Ghibli Spyder anlegen – und das bremst mich wieder ein. Ein derartiges Handikap hat das GranCabrio natürlich nicht. Natürlich ist es auch schön und wertvoll, aber es wird ja noch gebaut. Und diese Tatsache lässt gerade auf den engen Bergstraßen zwischen Emilia Romagna und Toskana deutlich höhere Kurventempi zu.

Ein alle Sinne betörendes, extrem scharf klingendes Auto

Das Magnetic-Ride-Fahrwerk erlaubt eine große Spreizung zwischen Komfort und Sport.

Doch das Bestechendste am GranCabrio ist seine Vielschichtigkeit. Es ist ein viersitziges Cabrio, es ist ein brillant gezeichnetes Automobil, dem man hinterhersieht, und es lässt sich auch für die Fahrt zur Eisdiele oder zum Golfplatz nutzen. Aber: Es ist gleichzeitig ein alle Sinne betörendes, extrem scharf klingendes Auto, das auf Knopfdruck dank des flexiblen Skyhook-Fahrwerks, der guten Gewichtsverteilung (vorn/hinten 49/51 Prozent) und des ansatzlos zubeißenden Ferrari-V8 auch auf kurvigen Bergstraßen mit höchster Wonne bewegt werden kann. Eine andere Lustvariante lässt es bei offenem Dach mit über 270 km/h über die Autobahn fliegen. Dazu das Halleluja aus Händels Messias aus den Lautsprechern, und die Widrigkeiten des Alltags verwehen im Fahrtwind wie ein Schuss im Sturm.

Autor: Ralf Kund

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