Maserati MC12

Maserati MC12

— 24.03.2005

E=MC12

Wir bitten Einstein um Verzeihung, aber der Maserati MC12 ist eine derart geniale Fahrmaschine, da er die Relativittstheorie der Supersportwagen teilweise neu definiert.

Gefhlter Puls 110, Tendenz steigend

Geschtzter Blutdruck 160 zu 100. Gefhlter Puls 110, Tendenz steigend. Der Maserati-Mann reicht mir den Schlssel, lchelt und tritt mit einer freundlichen Geste drei Schritte zurck. Das ist die Einladung zum Kennenlernen von Maseratis neuem Supercar, dem MC12 ("Maserati Corse 12-Zylinder"). Der Maserati mag 443 Millimeter lnger sein als der mit ihm verwandte Ferrari Enzo, aber davon spre ich im engen Cockpit rein gar nichts.

Im Gegenteil: Die Kniescheiben gehen sofort auf Tuchfhlung mit dem Armaturenbrett, die Ellenbogen werden von den Trtafeln in die Schranken gewiesen, das Haupthaar reibt sich am Dachhimmel es sei denn, ich nehme das Dachteil heraus und drcke das Kohlefaserstck dem Maserati-Mann in die Hand. Im Auto findet es nmlich keinen Platz.

Das Blickfeld des Fahrers ist schmal und breit. Vom Cheftester Andrea Bertolini gibt es zwei aufmunternde Klapse aufs Dach. Los geht's. Dafr mu man auch im MC12 zuerst die Zndung einschalten, danach wird der Startknopf gedrckt. Der ist nicht rot wie im Enzo, sondern blau. An dieser Farbe haben die Maserati-Designer ohnehin einen Narren gefressen. Blau sind die Sitze, das Lenkrad, die Lederapplikationen und das halbe Auto genauer gesagt: der Heckbereich und das untere Fnftel der Karosserie.

Als Kontrastfarbe dient ein cremiges Vanillewei. Diese Farbkombination stammt aus den 60er Jahren, als Stirling Moss mit den Birdcage-Rennern der Scuderia American Camoradi auf Pokaljagd ging. Die fr den heutigen Tag reservierte Rennstrecke heit Balocco, und es geht um nichts auer um die Ehre und um die ersten Erfahrungen mit dem strksten Maserati, der je eine Straenzulassung erhielt: 632 PS wollen gebndigt werden.

30 Kilo leichter als ein Ferrari Enzo

Ich werfe pro forma einen Blick in den Auenspiegel, sehe frstelnde Gestalten, rufe mit dem rechten Zeigefinger den ersten Gang zum Rapport und gebe Gas. Fahrstufe eins endet jh am Begrenzer-zer-zer-zer, der zweite Gang will nur einen Wimpernschlag spter abgelst werden, im dritten mutiert bei 160 km/h die Windschutzscheibe pltzlich zum Zoomobjektiv und rckt den ersten Rechtsknick formatfllend ins Bild. Das klingt nach Ritt auf der Kanonenkugel, doch in Wahrheit ist der MC12 ein Supersportwagen ohne Allren und versteckte Fouls.

Im Prinzip leistet sich der Dreizack nur eine einzige echte Schwachstelle: die ausufernde und verbaute Karosserie. Null Sicht nach hinten und null Kofferraum schmlern die Alltagstauglichkeit in einem Ma, das man nur einem Viert- oder Fnftwagen zugestehen mag. Selbst auf der Piste stren die extremen Abmessungen, doch die Italiener nehmen das ausladende Heck, die berzogene Breite und den verlngerten Radstand wortreich in Schutz. Warum? Weil die wahre Mission des MC12 der Langstreckensport (FIA-GT-Serie) ist, und in der Rennversion haben Stabilitt und Abtrieb erste Prioritt.

Der Maserati wiegt zwar nominell 30 Kilo weniger als der Ferrari Enzo, aber wenn man den technischen Daten glauben mag, bleiben die Fahrleistungen hinter denen des Enzo zurck. Der Unterschied in der Hchstgeschwindigkeit (330 zu 350 km/h) mag in der greren Stirnflche begrndet liegen, doch die Differenz in den Beschleunigungszeiten hat wohl auch eine politische Komponente. Schlielich darf ein Auto aus Modena nicht schneller sein als das Gegenstck aus Maranello, basta! Fr den Spurt von null auf 100 km/h stehen 3,8 Sekunden im Datenblatt des MC12 damit betrgt der Respektabstand zwei Zehntel.

Mit 5145 Millimetern ist der wei-blaue Zweisitzer etwas lnger als eine S-Klasse, doch in den Abmessungen absolut unbertroffen ist der 2,10 Meter breite Heckspoiler. Das gigantische Luftleitwerk besteht ebenso wie die Auenhaut und Teile des Chassis aus Kohlefaser. Dort, wo die beiden Aluminium-Hilfsrahmen eingeklinkt sind, wurde der Unterbau durch Nomex-Matten verstrkt. Die Radaufhngung mit den doppelten Querlenkern in Schubstrebenanordnung (Pushrod) kennen wir im Prinzip bereits vom Enzo. Schraubenfedern, Teleskopdmpfer und Kurvenstabilisatoren komplettieren das Arrangement.

Im Heck ein Zwlfzylinder mit 632 PS

Nach einer gewissen Eingewhnungszeit wecken die Tasten in der Mittelkonsole den Spieltrieb des Fahrers. Sehr praktisch ist die Lift-Funktion, die beim berfahren von Bodenwellen das Leben des Frontspoilers verlngert. Ganz andere Aufgaben erfllt der Race-Modus. Wer ihn anwhlt, verkrzt die Schaltzeiten, strafft die Dmpfer und reduziert die Hilfestellung der Traktionskontrolle. ASR kann man natrlich auch ganz abschalten. Das Resultat sind selbst im dritten Gang bei Vollgas durchdrehende Reifen, sogar auf der Geraden Hummeln im Heck, adrenalinfrderndes Schwnzeln beim Anbremsen und ein durchaus abenteuerliches Eigenlenkverhalten, das an der Grenze zwischen "Buh!" und "Bravo!" entlangdriftet.

Zwei Handbreit hinter den Schulterblttern treibt der bekannte Ferrari-Sechsliter-V12 sein Unwesen. Weil nicht ist, was nicht sein darf, leistet der Vierventiler im MC12 eben "nur" 632 PS bei 7500 Touren statt 660 PS bei 7800. Das Duell der Drehmomentspitzen gewinnt der Enzo hauchdnn mit 657 Nm zu 652 Nm bei jeweils 5500/min. Vllig unterschiedlich klingt dagegen die musica viva, mit der die beiden Zwlftner ihr Kommen ankndigen. Das liegt vor allem an der Lufthutze im Dach des Maserati, die als zweite Lunge und drittes Ohr fr eine akustische Dreidimensionalitt sorgt, deren mchtige Bsse und wuchtige Hhen selbst die Trommelfelle der Passanten mit Gnsehaut berziehen.

Der Dirigent des Orchesters kauert derweil hinter dem oben wie unten abgeflachten Dreispeichenlenkrad und gibt ber die Schaltwippen den Takt vor. Selbst noch auf der Suche nach dem passenden Rhythmus, kmpft er mit der Partitur des Kurses, die immer neue Herausforderungen auf den Asphalt zaubert. Doch statt die Anspannung zu potenzieren und die Nervositt weiterzureichen, ist der Maserati um Vermittlung bemht und um Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Die Lenkung hat trotz ihrer Direktheit etwas Cremiges.

Technische Daten, Fahrleistungen und Preis

Die vier sthlernen Bremsscheiben (Carbon hat die FIA verboten) holen uns selbst aus aussichtslosen Situationen wieder ins Leben zurck. Und das High-Tech-Fahrwerk glttet mit Bravour jene Irritationen, die ein Mangel an Streckenkenntnis und eine berdosis Ehrgeiz verursacht haben. Wenn Andrea Bertolini meint, das Flgelmonster sei kinderleicht zu fahren, dann kann man das am Ende des Tages sogar als langsam reagierender Normalsterblicher irgendwie nachvollziehen.

Maserati hat 2004 die erste 25er-Serie des MC12 fertiggestellt im Hauptwerk an der Viale Cesare Menotti, aber auf einem separaten, abgeschirmten Band. In diesem Jahr werden noch einmal 30 Autos nachgeschoben. Zum Stckpreis von rund 696.000 Euro. Diese Summe drckt spontan den Blutdruck, senkt den Puls, dmpft die Euphorie. Noch ein Traumwagen, den sich kaum einer leisten kann. Pech brigens auch fr die Superreichen: Die zweite Charge ist ebenfalls ausverkauft. Restlos. Che peccato...!

Technische Daten: V12-Mittelmotor, lngs eingebaut vier Ventile je Zylinder Hubraum 5998 cm3 Leistung 465 kW (632 PS) bei 7500/min max. Drehmoment 652 Nm bei 5500/min Hinterradantrieb sequentielles Sechsganggetriebe mit Lenkradpaddel-Schaltung doppelte Querlenker, Schraubenfedern, Teleskopdmpfer rundum belftete Scheibenbremsen rundum Reifen 245/35 R 19 vorn, 345/35 R 19 hinten Lnge/Breite/Hhe 5145/2095/1205 mm Radstand 2800 mm Leergewicht 1335 kg 0-100 km/h in 3,8 s Hchstgeschwindigkeit 330 km/h Preis: 696.000 Euro

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