Massenkarambolage: Übung

— 10.01.2013

Deutschlands größte Rettungsübung

Simulierter Massencrash auf der Autobahn: Ein Spezialist für die Rettung bei Verkehrsunfällen trainierte mit 360 Helfern für den Ernstfall.

Die Vorlage für die Übung: das Szenario der Massenkarambolage vom April 2011 auf der A19 bei
Rostock. Damals kamen acht Menschen ums Leben.

Hinter Michael Schermer steigt dichter Rauch auf. Er versperrt den Blick auf 170 Wracks. 84 Pkw, sechs Lkw, ein Reisebus. Zerbeult, verkeilt, abgebrannt, zerstört. Der 42-Jährige tritt vor, dreht sich um und blickt auf ein heilloses Durcheinander, verteilt auf 120 Meter Länge. Ein gigantischer Auffahrunfall, wie er allerhöchstens einmal im Jahrzehnt passiert. Dieser hier ist sein Werk. Der Feuerwehrmann ist zufrieden. Kann er auch sein, denn das Chaos ist künstlich, die Massenkarambolage eine Übung. Sieben Monate hat er telefoniert, überzeugt und begeistert. Häufig von frühmorgens bis in die Nacht. Sein Budget für die wohl bislang größte Übung für Straßenverkehrsunfälle: null Euro. Sein Lohn: null Euro. Der Zweimetermann verdient sein Geld mit einem Sanitärbetrieb und einer Dachdeckerei. Den Job als Gruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr Bargteheide (Schleswig-Holstein) macht er ehrenamtlich. Für andere, für alle.

Video: Übung Massencrash

Ihn schickt der Himmel

So wie rund zwölf Millionen weitere Deutsche, die einer vorsichtigen Schätzung zufolge regelmäßig ehrenamtlich arbeiten. In Suppenküchen die Teller füllen, mit alten Menschen singen oder mit behinderten Kindern spielen. Tätigkeiten, für die in der Welt der Business-Pläne, Break-even-Points und Rendite-Rallys kein Platz ist. Tätigkeiten, die unbezahlbar sind und niemand bezahlen will. Regelmäßig ehrt der Bundespräsident stellvertretend für diese Menschen besonders engagierten Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz. Zuletzt Joachim Gauck am 3. Dezember 2012, dem Tag des Ehrenamtes. Ehrenamt sei "kein nettes Plus", sondern "ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Bürgerkultur", so Gauck in seiner Rede.

Mit schwerem Gerät werden Tage vor der Übung in einigen Wracks Übungspuppen eingeklemmt. Sie sollen später gefunden und versorgt werden.

Unverzichtbarer Helfer von Schermers Arbeit an den drei Tagen vor der Übung war ein Radlader samt Fahrer, der ihm aufs Wort gehorchte. Jedes einzelne der 170 Autowracks, die er zuvor umliegenden Verwertern abschwatzte, platzierte Schermer auf dem kostenlos zur Verfügung gestellten Betriebsgelände einer Großbäckerei. Zwischendurch schob er noch freundlich ein Fernseh-Kamerateam beiseite und blickte für seine Crash-Komposition immer wieder auf ein Luftbild des Massenunfalls im April 2011 auf der A19 bei Rostock. Acht Menschen starben damals – auch weil die Helfer wegen der Ausmaße nicht wussten, was zuerst zu tun war. "Es gibt für derartige Unfälle einfach keine Literatur, kein Lehrmaterial", sagt Schermer, der Spezialist für die Rettung bei Verkehrsunfällen ist. Darum sollte es genau dieser spektakuläre Aufbau sein. Nicht aus Sensationslust, sondern aus Wissensdurst.

Es ist angerichtet: Nach drei Tagen Aufbau sind auf 120 Metern 84 Autowracks, sechs Lkw und ein Reisebus ineinander verkeilt – die Großübung kann beginnen.

Am Tag nach der Radlader-Rangiererei steht Schermer schließlich vor dem Chaos, das Technische Hilfswerk schaltet die versteckten Nebelmaschinen ein, die den Sandsturm  simulieren sollen. Es ist angerichtet, Schermer gibt das Startzeichen. Nach und nach strömen 360 Helfer zwischen die Wracks und suchen nach 43 "verletzten" Statisten und 15 eingeklemmten Puppen. "Geil, es läuft", sagt Schermer nach ein paar Minuten. Ruhe kehrt in den Riesen ein. Aber nur kurz. Denn jetzt ist er einer von neun Beobachtern, bremst übereifrige Retter und berät beim Öffnen der Autos mit hydraulischen Blechscheren: "Hier braucht ihr Stützen." Und: "Bei dem Auto macht ihr das Dach so auf."

360 Feuerwehrleute, Sanitäter und Ärzte üben unter Extrembedingungen den Ernstfall. Das Schwierigste: Nerven und Übersicht behalten.

Drei Stunden dauert die Übung. "Wer jetzt nichts gelernt hat, ist selber schuld", sagt Schermer. Sein Fazit: Jede Sekunde der Vorbereitung hat sich gelohnt. Denn nicht nur die anwesenden Retter wissen ab sofort viel besser, was bei einem Massencrash zu tun ist. Aus Unmengen Videos und Fotos kann Schermer jetzt endlich das erste Lehrmaterial für den Rest der Republik erarbeiten. Ende 2013 will er seinen Kollegen einen Unfall mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen servieren. Dafür nimmt auch ein Helfer wie Schermer gern Hilfe in Anspruch. Wer also noch alte Traktoren, Anhänger oder Mähdrescher dafür übrig hat: Herr Schermer freut sich drüber. Und uns Autofahrern rettet es vielleicht eines Tages sogar mal das Leben.

Autor: Roland Kontny

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