McLaren 650S vs. Nissan GT-R

McLaren 650S/Nissan GT-R: Test

— 29.08.2014

Gentleman gegen Godzilla

Der eine: präzise, fein, edel. Der andere: wuchtig, ungehobelt, brutal. Ob der manierliche McLaren 650S oder der wilde Nissan GT-R effektiver ist, haben wir auskämpfen lassen.

Pffff, Pffffff, ganz vorsichtig, jeweils nur für einen winzigen Moment lang lässt Bryan die Luft aus den Reifen. Immer wieder kontrolliert der McLaren-Mechaniker die Druckanzeige seines Manometers. Jetzt steht der Wert auf 1,9 Bar. Bryan nickt, die 235er-Vorderreifen dürften seiner Meinung nach nun noch mehr Grip aufbauen. Jetzt noch die Fahrdynamikregelung im Bordmenü nachschärfen, erst dann darf der McLaren 650S zurück auf die Strecke.

Beim Rennstrecken-Setup wird der McLaren zur Mimose

Video: McLaren 650S vs. Nissan GT-R

Kampf der Rennmaschinen

Das Ergebnis befriedigt Bryan. Die Vorderachse krallt sich tiefer in den Asphalt, die Kurvengeschwindigkeiten steigen. Die Datenbox spuckt für die schnelle Rechts nach der Gegengeraden eine um sechs Zehntel Kilometer pro Stunde schnellere Sektionsgeschwindigkeit aus. Endlich. Der McLaren 650S ist eine Mimose. Stimmt nur ein Wert nicht hundertprozentig, egal ob Luftdruck oder Fahrdynamikregelung, schafft er die anvisierten Bestzeiten nicht. Der britische Sportwagen braucht einen feinfühligen Umgang, will auf der Rennstrecke mühsam angepasst werden. Ganz anders der Nissan. Grollend wartet er mit aufgerissenem Schlund auf seinen Gegner. Luftdruck auf die Asphalttemperatur justieren? Pah, der GT-R braucht so etwas nicht. Er ist sogar auf eigener Achse nach Südfrankreich angereist und nicht auf dem Hänger wie der McLaren. Außer Sprit im Bauch benötigt der Godzilla auf vier Rädern im Kampf gegen die Stoppuhr keine weiteren Zuwendungen.
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Der GT-R hat mit einem großen Leistungsdefizit zu kämpfen

Eigentlich absolut ausreichend: Aus einem 3,8-Liter-V6 pressen zwei Turbolader 550 PS und 632 Nm.

Lassen wir die beiden aufeinander los. Was die Daten angeht, ist der Kampf nicht ganz fair. Mit 650 PS und 1442 Kilogramm Leergewicht tritt der Renner aus England an. Mit 100 PS weniger und knapp 340 Kilo mehr auf den Rippen stellt sich ihm der Japaner in den Weg. Der hat allerdings in der Vergangenheit schon häufiger gezeigt, dass er auch stärkere Typen in die Flucht schlagen kann. Porsche Turbo? Mit einem Prankenhieb auf Abstand gehalten. Audi R8? Mit Schaum vorm Maul zu Boden getrampelt. Entsprechend selbstbewusst legt der GT-R los. Aus einem 3,8-Liter-V6 pressen zwei Turbolader saftige 632 Newtonmeter Drehmoment. Über ein vor der Hinterachse montiertes Doppelkupplungsgetriebe geht die fast gemeingefährliche Kraft vorrangig an die Hinterpranken, ein kläglicher Rest an die Vorderräder. Sehr breitbeinig steht der Nissan da, mit seinen klebrigen Semislick-Reifen stemmt er sich trittfest gegen Fliehkräfte.
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So gerüstet, tobt er effektiv über den Kurs und lässt sich dabei fast narrensicher beherrschen. Auch beim 2014er Modell noch immer erstaunlich: Trotz der leicht kopflastigen Balance bleibt er, ohne zu zicken, in der Spur. Die brachiale Kraft gelangt über das rasend schnell schaltende Getriebe fast schlupffrei auf die Straße. Trotz teils unangenehmer akustischer Nebenwirkungen – das Godzilla-Auto rumort, gurgelt, kratzt und faucht, als würde es jeden Moment kollabieren – steht eine 1:33,95 auf der Stoppuhr.

Am Ende lässt der Engländer dem Japaner keine Chance

Klare Sache: Der McLaren schlägt den Nissan deutlich, nimmt ihm ganze drei Sekunden ab.

Ein Top-Wert. An den sich der McLaren sofort wie besessen ranmacht. Auch der Gentleman in diesem Duell mag zuhauen. Mit der Wucht seines ebenfalls aufgeladenen 3,8-Liter-V8 tritt er noch schneller an. Sein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe hält die Drehzahlen immer schön im idealen Bereich (dem Nissan stehen nur sechs Stufen zur Verfügung). Kurz: Hier wirkt brutale Kraft, die erstklassig effektiv ankommt. Ist der 650S bereits auf der Geraden schneller, darf er zudem vor Kurven noch später verzögern. Eine Luftbremse – der Heckspoiler stellt sich auf – verkürzt den Weg auf unter 35 Meter! Weniger Gewicht und die bessere Balance besorgen den Rest. Auf der Stoppuhr steht 1:30,78 – damit ist der McLaren über drei Sekunden schneller als der Nissan! Einziger Trost für den GT-R: Der 650S kostet mehr als das Doppelte. Pfff, pfff – jetzt kommt das Geräusch aber aus dem Portemonnaie.
Fahrzeugdaten McLaren 650S Nissan GT-R
Motor V8, Biturbo V6, Biturbo
Einbaulage Mittelmotor, längs vorn längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4 4 pro Zylinder/4
Nockenwellenantrieb Kette Kette
Hubraum 3799 cm³ 3799 cm³
kW (PS) bei 1/min 478 (650)/7250 404 (550)/6400
Nm bei 1/min 678/6000 632/3200
Vmax 329 km/h 315 km/h
Getriebe Siebengang-Doppelkupplung Sechsgang-Doppelkupplung
Antrieb Hinterradantrieb Allradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung v/h 235/35 R 19 Y–305/30 R 20 Y 255/40–285/35 R 20 Y
Reifentyp Pirelli P Zero Corsa Dunlop SP Sport Maxx GT 600
Radgröße 8,5 x 19"–11 x 20" 9,5/10,5 x 20"
Abgas CO2 275 g/km 275 g/km
Verbrauch* 17,5/8,5/11,5 l 17,0/8,8/11,8 l
Tankinhalt 72 l/Super plus 74 l/Super plus
Kofferraumvolumen 144 l 315 l
Länge/Breite/Höhe 4512/1980–2093**/1199 mm 4670/1895–2020**/1370 mm
Preis 231.500 Euro 96.400 Euro
* innerorts/außerorts/gesamt auf 100 km; ** Breite mit Außenspiegeln
Messwerte McLaren 650S Nissan GT-R
Beschleunigung
0–50 km/h 1,4 s 1,4 s
0–100 km/h 3,0 s 3,3 s
0–160 km/h 5,6 s 7,6 s
Zwischenspurt
60–100 km/h 1,4 s 1,6 s
80–120 km/h 1,8 s 2,0 s
Leergewicht/Zuladung 1442/248 kg 1779/421 kg
Gewichtsverteilung v./h. 42/58 % 55/45 %
Bremsweg
aus 100 km/h kalt 34,8 m 35,9 m
aus 100 km/h warm 34,5 m 35,0 m

Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Auch wenn die beiden 100 PS trennen – der Nissan hält unerwartet tapfer gegen. Er brennt bei ähnlichem Fahrspaß eine ebenfalls enorm schnelle Zeit in den Asphalt. Und das bei deutlich mehr Gewicht und kaum der Hälfte des Preises des McLaren. Dennoch: Gegen die geschliffene Rennmaschine aus England ist kein Kraut gewachsen. Der Mittelmotor-Perfektionist begeistert mit Kraft und Kurvenkönnen.

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Supersportwagen

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