McLaren-Mercedes

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— 03.04.2002

Ehe auf dem Prüfstand

McLaren-Mercedes ist nur noch die dritte Macht in der Formel 1. In Brasilien gab es schon die vierte Panne 2002. Die Stimmung ist gereizt. Droht nun die Scheidung?

Sorgenkind Motoren

Fast eine Minute Rückstand auf die Schumi-Brüder, auf Ferrari und BMW-Williams. Wieder ein Defekt am McLaren-Mercedes: Räikkönen segelte mit gebrochenem Radbolzen hinten rechts am MP 4/17 vom vierten Rang ins Kiesbett. Doch das wirkliche Sorgenkind der Silberpfeile bleiben die Motoren. Wo genau die Macken der aktuellen Mercedes-Maschinen stecken, wird vor der Öffentlichkeit mit aller Macht verschleiert. Die offiziell eingeräumten "mechanischen Probleme" führen zu immer wieder neuen Gerüchten. Aus den Ventilen als Ursache für den Doppelp(l)atzer in Malaysia wurden an der Halbwahrheitenbörse von São Paulo Kolbenschäden. Warum die Zehnzylinder vom Typ FO 110 M mit dem Stern maximal nur geschätzte 18.000 Touren (BMW 18.500, Renault 18.300) drehen, bleibt das große Geheimnis der Stuttgarter.

Egal, die Stimmung zwischen den silbernen Partnern ist im achten Ehejahr giftiger denn je. "Je mehr Mercedes macht, desto schlimmer wird es", schüttelt ein McLaren-Mitarbeiter den Kopf. Solch gnadenlose Kritik aus den eigenen Reihen muss noch mehr schmerzen als böswillige Boulevardzeitungshiebe wie "Silberpfeifen", "Stotterpfeile" oder "schwäbische Luftpumpen".

Scheitert die deutsch-britische Ehe?

Ernsthaft Sorgen um die große deutsch-englische Liebe, die Ende 1994 begann, plagen mittlerweile auch die Mercedes-Mitarbeiter. Ein hochrangiger Angestellter spricht aus, was viele denken: "Allmählich fragst du dich wirklich, wie lange diese Ehe noch hält."

Natürlich kann McLaren-Boss Ron Dennis seine derzeit schlechtere deutsche Hälfte nicht wie den einstigen Motorenlieferanten Peugeot von heut auf morgen abservieren. Immerhin hält Mercedes-Mutter DaimlerChrysler 40 Prozent der McLaren-Anteile.

Außerdem baut man gemeinsam den Supersportwagen SLR, der im Herbst präsentiert und kommendes Jahr auf die Straßen kommen soll. Doch in manch schlafloser Nacht dürfte Dennis von seinen fünf glücklichen Jahren mit Honda (vier Fahrer- und Konstrukteurstitel) träumen. Und die Japaner angesichts ihrer schwachbrüstigen aktuellen Partner BAR und Jordan wohl auch von McLaren.

Ein schwarzer Peter für die silberne Misere ist längst ausgemacht: Mario Illien, der Chefkonstrukteur der Mercedes-Motoren. Doch der jahrelang als PS-Genie gefeierte Schweizer wehrt sich. Bei den Tests vor der Saison seien die Silberpfeile mit den gleichen V10-Motoren stark gewesen. Tatsache ist: Im zweiten Rennen dieser Saison gab es zwei defekte Triebwerke. Tatsache ist auch: Mercedes hat auf die seit 2001 führende Powergroßmacht BMW weiter verloren. Das beweisen vor allem die gestiegenen Rückstände bei der Höchstgeschwindigkeit.

Motorenchef in der Opferrolle

Nach dem Rauswurf des führenden Motoreningenieurs Simon Taylor lautet nun die große Frage: Wird Mercedes auch Mario Illien opfern, um McLaren zu besänftigen? McLaren-Boss Dennis soll mit dem Viertaktvirtuosen, der seine Rennmaschinen mit Papier und Bleistift am liebsten in der warmen Badewanne entwirft, längst kein Wort mehr wechseln. Und Super-Marios Ehefrau will angeblich sowieso mit den beiden Kindern heim nach Chur in Graubünden. In Brixworth, in Mittelengland, fühle sie sich gar nicht mehr wohl.

Seit Mai 2001 ist dort eben nichts mehr, wie es mal war. Denn Paul Morgan, mit dem Mario Illien 1984 die Hightech-Motorenfabrik "Ilmor" (die verknüpfte Kurzform für "Illien" und "Morgan") gründete, ist tot. Schon kurz nach dem Flugzeugabsturz des Geschäftemachers im Hause Ilmor gestand der Technikmacher Illien: "Managen und Motorenmachen ist eine ziemliche Doppelbelastung." Aus der McLaren seinen Nutzen ziehen wollte.

Der Chassispartner von Mercedes bot angeblich rund 20 Millionen Euro für Paul Morgans 25 Prozent der Ilmor-Anteile (je 25 Prozent auch Mercedes, Illien und Penske). Was seiner Familie "viel zu wenig" gewesen sein soll. Hintergrund dieser McLaren-Offensive: noch mehr Einfluss gewinnen im Grand-Prix-Pakt mit Mercedes. Und genau da liegt die Wurzel des heute so extrem gespannten Verhältnisses.

Machtansprüche von Ron Dennis

Blättern wir zurück im Mc-Laren-Mercedes-Familienalbum: 1995, Hochzeit der Motorsport-Elefanten. McLaren gibt dafür Peugeot den Laufpass, Mercedes Sauber. Offenes Geheimnis: Der streng vertrauliche Ehevertrag ist extrem zugunsten von McLaren ausgefallen. Mercedes bezahlt, McLaren bestimmt, zu diesem für die Deutschen wenig schmeichelhaften Schluss kommt man immer wieder.

Zum Beispiel 1997, als die Stuttgarter endlich ihren Ex-Junior Michael Schumacher - damals bei Ferrari äußerst ernüchtert - für 1998 ins inzwischen mit deutschen West-Sponsorgeld silbern lackierte Cockpit hieven wollen. "Geld spielt keine Rolle", tuscheln sie in Stuttgart. Doch einer sagt no - Ron Dennis. Die technischen Garantien und Freiheiten bei der Vermarktung seiner Person, die der seinerzeit zweimalige Weltmeister verlangt, sind Dennis einfach zu viel. Der bis dahin noch sieglose Mika Hakkinen und der ewig umstrittene David Coulthard bleiben.

Alles und jeden stellt Ron Dennis infrage, nur nie seinen Machtanspruch. Einer, der sich in der Formel 1 vom 08/15-Mechaniker zum Über-Teamchef hochgeboxt hat, will sich auch von einem der größten Automobilkonzerne nichts sagen lassen. Nicht nur intern demonstriert er gern seinen Führungsanspruch. Wenn er zum Beispiel wieder mal bei der obligatiorischen Team-Pressekonferenz am Mercedes-Bus zu spät kommt. Mit überheblichem Federschritt und abschätzigem Pokerface die verhasste Journalistenfront abschreitet. Und Mercedes-Sportchef Norbert Haug ein ums andere Mal gute Miene zum fiesen Spiel macht.

Null Vertrauen in der Familie

2001 wurden die Nadelpiekser aus Woking Richtung Stuttgart mehr und mehr zu Nagelstichen. Weder beim von AUTO BILD motorsport aufgedeckten Rücktrittsplan Mika Hakkinens noch beim versuchten Teamwechsel von McLaren-Cheftechniker Adrian Newey zu Jaguar bekam Mercedes diese pikanten Informationen aus erster Hand. Alles andere als ein Beweis fürs gegenseitige Vertrauen, für welches Familie McLaren-Mercedes sich öffentlich so gerne brüstet.

Dass der Finne Kimi Räikkönen anstelle des jahrelang mit viel Mercedes-Geld aufgebauten Nick Heidfeld auf den frei werdenden Hakkinen-Sitz kam, kommentierte Dennis so: "Grundsätzlich braucht man bei der Fahrerentscheidung große Unterstützung im Team. Für McLaren heißt das: Ron Dennis, Technikchef Adrian Newey und unser Managing Director Martin Whitmarsh sowie unser Partner Mercedes-Benz." Die Kollegen aus dem Schwabenlande wurden von den Angelsachsen wieder als Letzte gefragt. Da war die Räikkönen-Entscheidung wohl längst gefallen.

Für noch mehr Gift in der Suppe sorgt immer wieder ein fragwürdig eng mit Mercedes verbandelter freier Journalist. Der in einer deutschen Tageszeitung mit Weltbedeutung wiederholt die Qualitäten der McLaren-Führung infrage stellte. Und damit Ron Dennis zur Weißglut treibt. Bei der Teampräsentation 2002 ließ der sich dann auch nicht in die T-Shirt-Uniform stecken, mit der Mercedes die so heiß begehrte Einigkeit mit der Presse demonstrieren wollte. Dennis zischte nur: "Meine Idee war das nicht!" Fazit: Die Ehe McLaren-Mercedes steht mehr denn je auf dem Prüfstand. Und mit jeder Niederlage wird es enger und heißer.

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